Meinungen

Open Banking verleiht Impulse

Die Schweiz hat bisher noch keine spezifische Regulierung des Open Banking erlassen. Daher gibt es Raum für die Entwicklung überlegener marktwirtschaftlicher Lösungen. Ein Kommentar von Cornelia Stengel.

Cornelia Stengel
«Tiefgreifende Innovationen setzen vor allem Marktteilnehmer mit Ideen, der richtigen Einstellung und genügend Zeit für eine nachhaltige Entwicklung voraus.»

Der Trend zur digitalen Wirtschaft macht vor Finanzgeschäften nicht halt – im Gegenteil. Gerade bei Privatpersonen hat die Pandemie den Prozess beschleunigt. So hat beispielsweise die Debitkarte gemäss Erhebungen der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 2020 das Bargeld als Zahlungsmittel mit dem höchsten Transaktionswert abgelöst. Unser Online-Alltag erzeugt riesige Mengen an Daten, deren Verarbeitung, Kombination und Analyse neue und personalisierte Angebote an die Kundschaft ermöglichen. Die wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen dieser Entwicklung sind aber erst im Entstehen begriffen. Zum Beispiel Open Banking.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Mastercard hat die Entwicklung von Open Banking in der Schweiz untersucht und – wenig überraschend – festgestellt, dass sich ein beträchtlicher Teil der Schweizer Konsumenten kaum etwas unter dem Begriff vorstellen kann. Wenig überraschend deshalb, weil Open Banking in der Schweiz anders als beispielsweise in der Europäischen Union nicht regulatorisch verordnet wurde, sondern sich im Sinne eines marktwirtschaftlichen Ansatzes entlang von Kundenbedürfnissen und aufgrund von Initiativen der Branche organisch entwickelt. Dies hat im Vergleich zum europäischen Umland zur Folge, dass die Entwicklung langsamer, aber auch in anderer Form stattfindet. Unbestritten ist, dass sie auch in der Schweiz unaufhaltsam ist, doch welches sind jenseits von regulatorischem Zwang die Treiber hierfür?

Erstens – auch das hat die bereits erwähnte Studie von Mastercard analysiert – sind die Konsumenten «interessiert, offen und sogar zahlungsbereit gegenüber Open-Banking-fähigen Diensten», sobald sie verstanden haben, worum es sich handelt. Es besteht also ein Kundenbedürfnis, beispielsweise in einer einzigen App die Informationen zu allen eigenen Konten und Vermögenswerten einsehen zu können. Dies dürfte gerade auch Schweizer Kunden ansprechen, die im Vergleich zu denen im europäischen Umland regelmässig über mehrere Bankverbindungen und verschiedene Kategorien von Vermögenswerten verfügen. Die Kundschaft kann sich auch gut vorstellen, bei einem Online-Einkauf die Bezahlung direkt vom Bankkonto auszulösen, statt auf eine Kreditkarte zurückzugreifen.

Mehr Wahlmöglichkeiten

Open Banking meint im Kern also den Austausch von Finanzdaten zwischen verschiedenen Finanzdienstleistern oder auch Drittanbietern auf Wunsch der Kundschaft. Dabei wird je nach Interpretation und Rechtsraum ein freiwilliges Mitwirken der Banken oder ihre Pflicht vorausgesetzt, standardisierte Schnittstellen zu den Kundendaten bereitzustellen. Je nachdem werden zusätzlich zum reinen Informationsaustausch auch weiter gehende Aktivitäten dazugezählt, so beispielsweise das Auslösen von Zahlungen oder andere Finanztransaktionen.

Zum Interesse und zum Bedürfnis von Konsumenten kommt eine weitere Komponente hinzu, die die Entwicklung prägt: Nur noch wenige Exponenten der Schweizer Finanzbranche bezweifeln, dass sich Open-Banking-fähige Dienstleistungen in den allermeisten Bereichen des Finanzlebens durchsetzen werden, wie verschiedene Studien  feststellen. Zu dieser Einschätzung kommt auch die Schweizerische Bankiervereinigung, die eine Auslegeordnung zum Thema publiziert hat und nach eigener Aussage «das grosse Potenzial von Open Banking bzw. Open Finance für den Finanzplatz Schweiz» anerkennt. Die Position der Branche ist vor allem in der Deutlichkeit bemerkenswert, in der sie geäussert wird, hat sie sich doch im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahre stark gewandelt. Für den marktwirtschaftlichen Ansatz der Schweiz, den auch die Branche favorisiert, ist eine solche positive Einstellung absolut notwendig – wenn auch noch nicht genügend. Es müssen entsprechende Tatbeweise in Form konkreter Angebote folgen.

So erarbeitet Swiss FinTech Innovations (SFTI), ein Verband von Schweizer Banken und Versicherungen, der sich für Innovationen in der Finanzdienstleistungsbranche einsetzt, als zentrales Forum die notwendigen fachlichen und technischen Grundlagen für Open Banking in der Schweiz. Die in Abstimmung mit nationalen und internationalen Anspruchsgruppen und Partnerorganisationen entwickelten Standardschnittstellen kommen in verschiedenen Bereichen zum Einsatz, beispielsweise in der Zusammenarbeit von Banken und Vermögensverwaltern,  in der Vermittlung von Hypotheken  oder zur Verbindung von Bankkonten und Buchhaltungssystemen.

Die beiden erstgenannten Anwendungsbeispiele zeigen einen Vorteil des marktgetriebenen Ansatzes: die umfassendere Anwendung des Prinzips Open Banking, die über die blosse Anzeige von Kontodaten für Zahlkonten und das Auslösen von Zahlungen hinausgeht und weitere Finanzbereiche umfasst. Auf einer solchen Grundlage können ganze themenspezifische Ökosysteme entstehen, und Finanzdienstleistungen werden in die Angebote von Unternehmen eingebunden, die nicht der Finanzbranche angehören (sog. Embedded Finance). So kann beispielsweise ein Online-Shop eine «Buy Now, Pay Later»-Option anbieten, bei deren Auswahl Kunden die Einkaufssumme in Raten bezahlen können, statt einen Kredit bei einer Bank zu beantragen. Oder die Finanzdienstleistungen werden zusammen mit einem Produkt als Ergänzung angeboten, wie eine Versicherung zu einem neuen Mountainbike. Auch Suchmaschinen können Embedded Finance nutzen, indem sie ihren Anwendern das Gesuchte nicht nur anzeigen, sondern auch gleich die Möglichkeit zum Kauf einbinden.

Visionen für den Finanzplatz

Die Entwicklung von Innovationen wird schliesslich massgeblich durch Ideen und Visionen getrieben. Die Schweiz verfügt über eine lebendige Start-up-Szene, die gerade im Bereich Finanz- und Versicherungstechnologien neue Konzepte entwickelt und innovative Produkte oder neu gedachte Prozesse hervorbringt. Nicht zuletzt diese Fintech- und Insuretech-Start-ups werden die Entwicklung von Open Banking bzw. Open Finance in der Schweiz vorantreiben und prägen.

Tiefgreifende Innovationen, die wie Open Banking das Potenzial haben, für die Kundschaft, die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt Nutzen zu bringen, setzen vor allem Marktteilnehmer mit Ideen, der richtigen Einstellung und genügend Zeit für eine nachhaltige Entwicklung voraus. Staatlich verordnet werden können sie hingegen kaum oder jedenfalls nur punktuell und in sehr beschränktem Umfang. Die Rolle des Staates besteht vielmehr darin, die optimalen Rahmenbedingungen für Innovationen zu schaffen sowie für Rechtssicherheit und stabile Verhältnisse zu sorgen. In der Schweiz wurde diesem Ansatz im Bereich des Finanzmarktrechts beispielsweise mit der kürzlich in Kraft getretenen Gesetzgebung für Anwendungen auf der Grundlage von Distributed-Ledger-Technologie (DLT) – umgangssprachlich stark vereinfachend Blockchain-Technologie genannt – nachgelebt.

In Zusammenhang mit Open Banking hat die Schweiz hingegen wie erwähnt bisher noch keine spezifische Regulierung erlassen, allerdings wird die Situation insbesondere durch das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) genau beobachtet. Noch gibt es Raum für die Entwicklung marktwirtschaftlicher Lösungen, die, so die klare Erwartung, jede staatlich verordnete Massnahme in diesem Bereich übertreffen sollen. Die Treiber sind jedenfalls vorhanden und erste konkrete Anwendungen verfügbar.