Märkte / Makro

Optimismus für die deutsche Wirtschaft sinkt

Analysten und Anleger senken überraschend die Konjunkturerwartungen für die grösste europäische Volkswirtschaft.

(Reuters) Börsenprofis blicken etwas pessimistischer auf die deutsche Wirtschaft. Das Barometer für ihre Konjunkturerwartungen im kommenden halben Jahr fiel im Juni überraschend um 2,0 auf 18,6 Punkte, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner monatlichen Umfrage unter 210 Analysten und Anlegern mitteilte. Ökonomen hatten dagegen mit einem leichten Anstieg auf 21,5 Punkte gerechnet. Die Lage wurde dagegen so positiv gesehen wie seit fast sechs Jahren nicht mehr.

«Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind nach wie vor günstig», sagte ZEW-Präsident Achim Wambach. «Dies liegt nicht zuletzt an der positiven Entwicklung des Wachstums in der Europäischen Union.» Dorthin geht ein grosser Teil der deutschen Exporte. Auch die Bundesregierung rechnet mit einer weiteren Belebung: «Die deutsche Wirtschaft setzt im zweiten Vierteljahr 2017 ihren Aufschwung fort», schrieb das Wirtschaftsministerium im aktuellen Monatsbericht. Dazu würden sowohl Investitionen als auch private und staatliche Investitionen beitragen. «Die leichte weltwirtschaftliche Belebung unterstützt die Exportentwicklung.»

Die hiesige Wirtschaft war zu Jahresbeginn mit 0,6% so stark gewachsen wie seit einem Jahr nicht mehr. Bauboom, kauffreudige Verbraucher und florierende Exporte schoben Europas grösste Volkswirtschaft an. Das Forschungsinstitut RWI hob seine Prognose für das Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr von 1,3 auf 1,6% an. Für 2018 werden weiterhin 1,8% erwartet. «Das deutsche Wirtschaftswachstum steht auf einer breiteren Basis und wird nicht mehr nur von der Inlandsnachfrage getragen», sagte RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn. So dürften sich die Exporte dynamischer entwickeln.

Wasser in den Wein goss die Industriestaaten-Organisation OECD. Aus ihrer Sicht steigen angesichts der guten Konjunktur die Löhne zu langsam. 2016 seien sie um 2% angezogen, 2018 dürften es 2,5 % werden. «Zwei Schwächen der Entwicklung in Deutschland sind der höhere Anteil von Arbeitsplätzen mit starkem arbeitsbedingtem Stress und eine grosse Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern», kritisierte die OECD zudem. Ingesamt sieht die Organisation den deutschen Arbeitsmarkt aber in einer guten Verfassung. Bis Ende 2018 werde die nach internationalen Standards berechnete Erwerbslosenquote auf 3,7% sinken. Das sei weniger als die Hälfte des Niveaus von 2007, als die weltweite Finanzkrise ihren Lauf nahm. Der Schnitt der 35 Mitglieder zählenden OECD liegt derzeit bei 6,2%.