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Optimismus im Zeitalter der Disruption

Viele Unternehmen investieren eher basierend auf Erfahrungen denn mit Blick auf künftige Chancen. Sie dürften in der neuen globalen Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten. Ein Kommentar von Richard Dobbs.

Richard Dobbs, New York
«Das Tempo und das Ausmass des derzeitigen wirtschaftlichen Wandels sind zweifellos beängstigend. Doch es besteht Grund zum Optimismus.»

Es ist oft keine gute Idee, kühne Prognosen zu treffen, die auf Intuition basieren. Die damalige Bildungsministerin Margaret Thatcher erklärte 1973, in ihrer Lebenszeit werde es im Vereinigten Königreich keine weibliche Premierministerin geben. Thomas J. Watson, seinerzeit Chef von IBM, prognostizierte 1943, dass es «einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt». Und als 1927 die ersten Tonfilme aufkamen, meinte Harry Warner von Warner Brothers: «Wer zum Teufel will Schauspieler reden hören?»

In einer Zeit, in der vier starke Kräfte für Umwälzungen in der Weltwirtschaft sorgen und die meisten unserer Annahmen auf den Kopf gestellt werden, ist die Wahrscheinlichkeit sogar noch höher, mit solchen Behauptungen über die Zukunft falschzuliegen, die geprägt sind von Ahnungen, die von der Vergangenheit ausgehen. Jede dieser vier «grossen Disruptionen» besitzt für sich genommen transformativen Charakter, und alle verstärken die Auswirkungen der anderen und bewirken grundlegende und unvorhersehbare Veränderungen in einem Ausmass, das es so auf der Welt noch nicht gegeben hat – und das unsere Ahnungen widerlegen wird.

Die erste grosse Disruption ist die Verlagerung der Wirtschaftsaktivitäten in Städte in den Schwellenländern. Noch im Jahr 2000 hatten 95% der Fortune Global 500, der 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt, ihren Hauptsitz in entwickelten Volkswirtschaften. Bis 2025 wird fast die Hälfte der Fortune-Global-500-Unternehmen in aufstrebenden Volkswirtschaften ansässig sein, und es werden mehr chinesische Unternehmen als US-amerikanische oder europäische auf der Rangliste stehen.

Städte in Schwellenländern und technologischer Wandel

Städte bilden die Vorhut dieser Verlagerung. Fast die Hälfte des globalen BIP-Wachstums in der Zeit von 2010 bis 2025 wird in 440 Städten in Schwellenländern erwirtschaftet werden, von denen viele westliche Führungskräfte vielleicht nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Es sind Orte wie etwa Tianjin, eine Stadt südlich von Peking mit einem BIP, das nahezu ebenso hoch ist wie dasjenige von Stockholm heute – und das bis 2025 demjenigen von ganz Schweden entsprechen könnte.

Die zweite grosse Disruption ist die Beschleunigung des technologischen Wandels. Technologien sind zwar schon immer transformativ gewesen, doch heute ist ihr Einfluss allgegenwärtig, und digitale und mobile Technologien werden mit beispielloser Geschwindigkeit übernommen. Nach der Erfindung des Telefons hat es über fünfzig Jahre gedauert, bis die Hälfte der amerikanischen Haushalte eines hatte, in der Verbreitung von Mobiltelefonen von anfänglich weniger als 3% der Weltbevölkerung auf mehr als zwei Drittel waren es nur zwanzig Jahre. 2006 hatte Facebook 6 Mi0. Nutzer, heute sind es 1,4 Mrd.

Für Milliarden von Bürgern in Schwellenländern verspricht das mobile Internet wirtschaftlichen Fortschritt in einem Tempo, das sonst unvorstellbar wäre. Und es bietet neu gegründeten Unternehmen eine grössere Chance, mit etablierten Gesellschaften im Wettbewerb zu stehen. Technologischer Wandel ist aber auch mit Risiken verbunden, vor allem für Arbeitnehmer, deren Arbeitsplätze von Automatisierung bedroht sind oder die nicht über die Qualifikationen verfügen, in technisch anspruchsvolleren Bereichen zu arbeiten.

Demografie und Vernetzung

Die dritte Disruption ist demografischer Natur. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten könnte sich die Bevölkerung in den meisten Teilen der Welt stabilisieren. Tatsächlich zeichnet sich die Bevölkerungsalterung, die in den Industrieländern schon seit geraumer Zeit offensichtlich ist, inzwischen auch in China ab und wird bald Lateinamerika erreichen.

Vor dreissig Jahren wiesen nur wenige Länder, in denen ein kleiner Anteil der Weltbevölkerung lebte, eine Fruchtbarkeitsrate auf, die deutlich unterhalb der sogenannten Ersatzrate von 2,1 Kindern pro Frau lag, die dafür sorgt, dass die Populationsgrösse dauerhaft stabil bleibt. 2013 lebten rund 60% der Weltbevölkerung in Ländern mit einer Fertilitätsrate unterhalb des Ersatzniveaus. Da die Zahl der Senioren diejenige der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zunehmend übersteigt, wächst der Druck auf die erwerbstätige Bevölkerung. Und die Steuereinnahmen, die notwendig sind, um Staatschulden zu bedienen und öffentliche Aufgaben und Rentensysteme zu finanzieren, sinken.

Als letzte Disruption ist die zunehmende Vernetzung der Welt zu nennen, die dazu führt, dass der Transfer von Gütern, Kapital, Menschen und Informationen einfacher denn je über Grenzen hinweg stattfindet. Vor nicht allzu langer Zeit existierten internationale Verflechtungen vor allem zwischen grossen Handelszentren in Europa und Nordamerika; inzwischen besteht ein komplexes Geflecht, das sich weiter ausdehnt. Kapitalflüsse zwischen Schwellenländern haben sich innerhalb von nur zehn Jahren verdoppelt, und über 1 Mrd. Menschen hat 2009 Grenzen überquert, über fünfmal so viele wie im Jahr 1980.

Flexibilität und Reaktionsbereitschaft entscheidend

Die damit verbundenen Herausforderungen – viele neue und unerwartete Konkurrenten, von weit entfernten Regionen ausgehende Volatilität und das Verschwinden lokaler Arbeitsplätze – sind für Arbeitnehmer und Unternehmen jetzt schon überwältigend. Natürlich eröffnet diese Vernetzung auch grosse Chancen, doch die Fähigkeit von Arbeitnehmern, Unternehmen und sogar Regierungen, sie in vollem Umfang zu nutzen, wird durch einen Hang zum Vertrauten beeinträchtigt.

Das gilt vor allem für Unternehmen. Gemäss einer McKinsey-Untersuchung basierte die Mittelzuweisung in US-Unternehmen von 1990 bis 2005 fast immer auf Möglichkeiten der Vergangenheit und nicht auf künftigen Chancen. Gesellschaften, die in eine solche Schwerfälligkeit verfallen, dürften in der neuen globalen Wirtschaft eher untergehen als oben schwimmen.

Einige Unternehmen werden sich jedoch anpassen und ungeahnte Möglichkeiten zu ihrem Vorteil nutzen, um agil zu bleiben. Statt etwa einen neuen Gesellschaftssitz zu bauen, eine Ladenfront zu mieten oder ein Restaurant zu kaufen – traditionelle Voraussetzungen, die hohe Vorabinvestitionen notwendig machen –, können sie ein Satellitenbüro für den Verkauf eröffnen, einen Onlineshop einrichten oder einen mobilen Imbisswagen betreiben. Flexibilität und Reaktionsbereitschaft werden es solchen Unternehmen ermöglichen, erfolgreich zu bestehen.

Lebensstandard ist massiv gestiegen

Das Tempo und das Ausmass des derzeitigen wirtschaftlichen Wandels sind zweifellos beängstigend. Doch es besteht Grund zum Optimismus. Die Ungleichheit innerhalb von Ländern mag auf dem Vormarsch sein, doch zwischen den Ländern hat sie deutlich abgenommen. Von 1990 bis 2010 ist annähernd 1 Mrd. Menschen aus extremer Armut befreit worden; weitere 3 Mrd. werden innerhalb der nächsten zwanzig Jahre der globalen Mittelschicht angehören.

1930, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, erklärte John Maynard Keynes, dass der Lebensstandard in «fortschrittlichen Ländern» in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch sein werde. Seine Prognose, die damals als unverbesserlich optimistisch betrachtet wurde, hat sich als zutreffend erwiesen, und der Grad der Verbesserung dürfte am oberen Ende der von ihm prognostizierten Spanne liegen.

Anders als viele seiner Zeitgenossen hat Keynes die Kräfte erkannt, die in der Wirtschaft wirken, sein Denken angepasst, und, was entscheidend ist, er scheute sich nicht, optimistisch zu sein. Wir müssen es ihm nachtun.

Copyright: Project Syndicate.