Märkte / Derivate

Optionsstrategie droht Börsenbaisse auszulösen

Eine beliebte Strategie setzt auf einen stabilen S&P 500. Liegt sie falsch, droht eine Abwärtsspirale.

Tief im Optionsmarkt verborgen ­lauere eine Gefahr, die die Börsen auf Talfahrt schicken könnte, sodass «die Aktienkurse drastisch sinken». Diese Warnung hat das US-Anlegermagazin «Barron’s» diese Woche publiziert. Während sich die Investoren auf den Handelskonflikt fokussierten, komme der Auslöser für den nächsten Zusammenbruch womöglich aus einer unerwarteten Ecke.

Kritisch sei eine Optionsstrategie, die darauf setze, dass sich die Aktienkurse in einem engen Band bewegen, schreibt Steven Sears (Sears 0.2332 -2.75%). Er ist Chefstratege bei StratiFi, einem Anbieter von Risikomanagement-Software für Investoren, war früher Redaktor bei «Barron’s» und beim «Wall Street Journal» und arbeitete für Optionsbörsen.

Die Strategie setzt eine obere und eine untere Barriere und ist verwandt mit dem beliebtesten strukturierten Produkt in der Schweiz, dem Barriereprodukt mit Coupon. Das Gegenstück zur kritischen Optionsstrategie ist ein altbewährtes Finanzkonstrukt, genannt Collar. Es umfasst die drei Grundformen der strukturierten Produkte und ist geeignet, um sich vor einem Börseneinbruch zu schützen.

Ein enges Handelsband

Hedge Funds und andere institutionelle Investoren verkauften jeden Monat Put- und Call-Optionen auf den S&P 500, erläutert Sears, sie gehen also eine Short-Position ein. Der Ausübungspreis (Strike) der Optionen sei in der Regel 3 bis 5% unter respektive über dem aktuellen Stand des Aktienindex. Wenn der S&P 500 nach einem Monat – am Ende der Laufzeit der Optionen – in diesem Band liege, bringe die Strategie einen «happigen Ertrag». Ihr Umfang im Markt entspreche einer Aktienanlage von ungefähr 100 Mrd. $.

Falls sich aber der Aktienindex heftiger bewegt und das Handelsband verlässt, könnte das gemäss Sears «zu einem Chaos führen». Mit dieser Konstellation lasse sich auch der Börseneinbruch im vergangenen Dezember «weitgehend erklären».

Für Kursbewegungen innerhalb eines Handelsbands sind auch Barriereprodukte mit Coupon geeignet. Fällt die zugrunde liegende Aktie unter die Barriere, droht ein Verlust. Steigt die Aktie – prozentual gemessen – höher als der Coupon, resultiert im Gegensatz zur Optionsstrategie kein Verlust, sondern dem Anleger entgeht der höhere Kursgewinn – der Coupon ist der maximal mögliche Ertrag.

Diese Gewinngrenze existiert auch beim Collar. Dazu kommt eine Verlustbegrenzung, wie sie ein Kapitalschutzzertifikat aufweist. Zwischen der Gewinn- und der Verlustgrenze hat der Collar eine lineare Verbindung, sie entspricht einem Tracker-Zertifikat, das einen Aktienindex eins zu eins abbildet.

Beim Index lässt sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung der künftigen Renditen mit einer Normalverteilung (Gauss’sche Glockenkurve) darstellen. Beim Collar sind Gewinn und Verlust begrenzt.

Wer mit Optionen einen Collar konstruiert, muss abwägen, welchen maximalen Verlust er in Kauf nehmen will und ab wann der Kursgewinn begrenzt sein soll. Je nachdem ist die lineare Verbindung dazwischen – mit dem Tracker-Zertifikat – länger oder kürzer, und damit ist die Partizipation an Kursänderungen des Aktienmarkts grösser oder kleiner. Ein Collar mit einem Band von 3 bis 5% ist das Gegenstück zur Optionsstrategie.

Gefährlicher Dominoeffekt

Für diese wird es kritisch, wenn der S&P 500 das Handelsband verlässt. Das löse einen Dominoeffekt aus, der in eine Abwärtsspirale münde, schreibt Sears. Diese Gefahr sei derzeit erhöht, weil sich die Börsen wegen des Handelsstreits heftiger auf und ab bewegten.

Der erste Dominostein: Wenn der S&P 500 unter das Handelsband fällt, wollen die Anleger mit der Optionsstrategie ihren Verlust begrenzen. Sie neutralisieren ihre Verkaufsposition in Put-Optionen (Short) mit dem Kauf von Puts (Long). Für den Kauf bezahlen sie nun aber mehr, als sie ursprünglich mit der Verkaufsposition eingenommen hatten. Der Grund: Weil die Volatilität unterdessen zugenommen hat, sind Optionen teurer geworden.

Mit Put oder Collar absichern

Zweiter Dominostein ist die Gegenpartei der Anleger, die Optionshändler. Sie stellen die Puts zur Verfügung und sichern sich ab, indem sie Aktien verkaufen. Damit fällt der dritte Stein, die Market Maker, die an der Börse fortwährend Geld- und Briefkurse stellen. Ihre Algorithmen berechnen gleichzeitig Preise für Aktien, Optionen und Futures und kippen in den «Risikoaversionsmodus», wie Sears schreibt. Weil nun auch der Futures-Markt betroffen sei, könne das eine «Bärenwelle» auslösen, bis die Kurse so weit gesunken seien, dass genug Anleger kaufen.

Diese Gefahr sei gegenwärtig in den Kosten für eine Absicherung (Hedge) nicht eingepreist, erklärt Sears. Mit anderen Worten: Der Hedge ist günstiger, als er angesichts dieses Risikos sein sollte. Sears empfiehlt den Kauf von Put-Optionen auf den S&P 500 mit Laufzeit bis Dezember. Das schütze vor sinkenden Unternehmensgewinnen, schlechten Konjunkturdaten, dem Handelskrieg und dem Risiko, dass die Optionsstrategie «explodiert».

Noch günstiger als der Kauf von Puts ist der Collar, womit aber der Kursgewinn gedeckelt ist. Anleger sollten die beiden Varianten erwägen – auch ohne zu wissen, woher die nächste Bärenwelle kommt.

Leser-Kommentare

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Tobias Wyss 20.05.2019 - 11:13
Dies ist schon eine sehr einseitige Darstellung des Optionenmarktes. Man könnte auch anführen, dass beim erstmaligen Verkauf der Puts (wie beschrieben als 1. Dominostein) auch ein Marketmaker die jeweilige Gegenposition einnimmt. Dieser kauft die Puts und versucht, den Zeitwert (Theta) mit aktivem Trading (Gammatrading) herauszuhandeln. Alleine diese Aktionen geben dem Markt wieder die Stabilität, die hier in Frage gestellt wird.… Weiterlesen »