Meinungen

Orientierungslose Raiffeisen

Der unrühmliche Abgang des Präsidenten stellt Raiffeisen vor substanzielle Herausforderungen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Jeffrey Vögeli.

«Es braucht starke Führungspersönlichkeiten, denen es gelingt, die Belegschaft hinter sich zu einen. »

Die Genossenschaftsbank Raiffeisen muss sich einen neuen Präsidenten suchen. Guy Lachappelle ist zurückgetreten, nachdem eine ehemalige Geliebte des Spitzenbankers gegen ihn Strafanzeige eingereicht hat. Der Grund: Lachappelle hat, noch in seiner letzten Stelle als CEO der Basler Kantonalbank, eine interne Präsentation an seine damalige Freundin weitergeleitet. Er bestreitet dies nicht und sprach von einem «sehr grossen Fehler».

Indem die Frau im Rosenkrieg die Option der Anzeige gewählt hat, ist für Lachappelle aus einer schwierigen privaten Situation eine berufliche Katastrophe geworden. Er tritt von all seinen Ämtern zurück. Kaum eine Bank wird jemanden einstellen, der um ein Uhr nachts und von einer privaten Mailadresse seiner Freundin Interna mit dem ausdrücklichen Verweis geschickt hat, diese seien «eigentlich sehr vertraulich».

Lachappelles professionelle Implosion zieht auch seine Arbeitgeberin in Mitleidenschaft. Zwar wäre er angesichts des grossen Medieninteresses und möglicher juristischer Folgen seiner Indiskretion kaum mehr in der Lage gewesen, sich auf sein Mandat bei Raiffeisen ausreichend zu konzentrieren. Doch die drittgrösste Bank im Land hätte ihren Präsidenten gebraucht.
Einerseits hängen Raiffeisen immer noch die Fehler ihres früheren CEO Pierin Vincenz nach. Dieser muss sich nächstes Jahr wegen Veruntreuung, Urkundenfälschung und passiver Bestechung vor Gericht verantworten. Darüber hinaus verfolgte Vincenz aber auch eine verfehlte Akquisitionsstrategie, welche Lachappelle und sein CEO Heinz Huber gleich zu Beginn ihrer Amtszeit zu hohen Abschreibern zwangen. Erst Mitte 2020 präsentierte das Duo eine Strategie für die Zukunft der Bank.

Diese ist kein Selbstläufer. Die Konkurrenz von digitaler Seite droht, Kunden abspenstig zu machen, während der wichtigste Ertragspfeiler, die Hypotheken, unter den tiefen Zinsen leidet. Just 2025, wenn die Strategie Früchte tragen soll, dürften auch die letzten Hypotheken aus der Zeit vor den Negativzinsen auslaufen. Bis dahin geht die Margenerosion weiter.

Raiffeisens Lösung ist, die Genossenschaftsbanken digitaler zu machen. Um weniger von den Zinsen abhängig zu sein, sollen Hypotheken zudem künftig nur ein Teil des «Ökosystems» sein, zu dem auch die Beratung bei Kauf, Sanierung und Verkauf von Immobilien gehört.

Eine solche Strategie, die viele Institute schon deutlich länger als Raiffeisen verfolgen, ist kein Selbstläufer. Es braucht starke Führungspersönlichkeiten, denen es gelingt, die Belegschaft hinter sich zu einen. Menschliche Schwächen dürfen sie dabei durchaus haben. Wenn sie sich in ihrer Hybris aber über die Regeln erhaben glauben, sich aufgrund ihrer vergangenen Erfolge für etwas Besonderes halten, richten sie damit grossen Schaden an. Das gilt für Raiffeisen genauso wie für die Basler KB (BSKP 62.20 +0.97%) oder auch die Credit Suisse (CSGN 9.26 +1%).

Immerhin hat sich Lachappelle offenbar nicht an seinen Posten geklammert, wie dies andere strauchelnde Banker in jüngerer Vergangenheit getan haben. So hat Interimspräsident Pascal Gantenbein nun mehrere Monate Zeit, eine geeignete Kandidatin oder einen Kandidaten zu suchen. Es ist dem Finanzplatz insgesamt zu wünschen, dass dann mehr Fingerspitzengefühl angewendet wird.

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