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Orthopädie ist Sorgenkind von J&J

Der amerikanische Gesundheitsriese steht wegen fehlerhafter Hüftimplantete am Pranger. Spartenchef Michel Orsinger ist zudem durch die Integration von Synthes gefordert, die Probleme aufwirft.

Dominik Feldges

Dem US-Gesundheitsriesen Johnson & Johnson (JNJ 130.78 0.27%) (J&J) droht eine milliardenschwere Busse. Um die über 10’000 Kläger, die sich durch schadhafte Hüftgelenke aus Metall beeinträchtigt fühlen, zufrieden zu stellen, werde J&J in einen Vergleich über 2 Mrd.$ einstimmen müssen, behaupten mit dem Fall vertraute Kreise. Einzelne Analysten beziffern den Aufwand sogar auf einige Milliarden Dollar.

An einem Gericht in Los Angeles, wo der Fall seit vergangenem Mittwoch erstmals verhandelt wird, äussern Patienten und ihre Ärzte harte Vorwürfe. Da ist die Rede davon, die J&J-Orthopädietochter DePuy habe in internen Studien das schlechte Abschneiden der betroffenen Hüftprothese ASR XL im Vergleich mit Vorgängerprodukten bewusst ignoriert und die Vergleichsbasis verändert, um das damals neue Produkt besser aussehen zu lassen. Erst 2009, nachdem ASR XL mehrere Jahre auf dem Markt gewesen war, entschloss sich DePuy, den Verkauf einzustellen. Im darauffolgenden Jahr sah sich das Unternehmen gezwungen, insgesamt 93’000 Prothesen (37’000 davon in den USA) zurückzurufen, weil sich herausgestellt hatte, dass innerhalb von fünf Jahren 12% der eingesetzten Implantate schadhaft waren.

«Ausserordentlich hohe» Fehlerraten

Nach Auskunft eines in Los Angeles befragten Experten aus Australien ergab die Auswertung der in einer nationalen australischen Datenbank gespeicherten Daten von Trägern eines künstlichen Hüftgelenks sogar, dass 22% der Prothesen vom Typ ASR XL nach fünf Jahren und 44% nach sieben Jahren den Dienst versagten. Auch Untersuchungen aus England, Wales und Schweden hätten «ausserordentlich hohe» Fehlerraten ergeben.

Der Rechtsvertreter von J&J sagte in seinem Eröffnungsplädoyer, ASR XL sei korrekt konzipiert worden. Der Gesundheitsmulti will sich denn auch gegen Vorwürfe wehren, er habe Patienten nicht rechtzeitig gewarnt, ein fehlerhaftes Design gewählt oder den Rückruf nur halbherzig durchgeführt. Gegenüber «Finanz und Wirtschaft» bekräftigte der globale Orthopädieverantwortliche Michel Orsinger, J&J werde sich «ganz klar und vehement» gegen die Klage verteidigen. Er fügte hinzu: «Wir sind überzeugt, dass das Beweismaterial, das wir in diesen Fällen vorbringen werden, belegt, dass wir korrekt gehandelt haben.»

Eben erst wieder gewachsen

Auch wenn sich J&J auf der sicheren Seite wähnt: Eine milliardenschwere Busse wäre ein schwerer Rückschlag für das Unternehmen, das eben erst wieder zum Wachstum im Geschäft mit Hüftgelenken gefunden hat. Im vergangenen Jahr steigerte die inzwischen mit dem schweizerisch-amerikanischen Orthopädiespezialisten Synthes verschmolzene DePuy in diesem Segment den Umsatz auf Basis konstanter Wechselkurse weltweit um 3,3%, in den USA resultierte gar eine Zunahme von 4,3%. Der Gesamtmarkt im Bereich Hüft- und Knieimplantate stagnierte dagegen erneut wie schon 2011.

Für Orsinger, der als ehemaliger Synthes-CEO zu J&J gestossen ist, würde eine Niederlage vor Gericht auch für zusätzlichen Stress neben einer heiklen Aufgabe sorgen, der Zusammenführung von DePuy und Synthes. Im Traumatologiegeschäft, das massgeblich durch den 19,7-Mrd.-$-Zukauf von Synthes verstärkt worden ist, stagnierte der Umsatz 2012 auf Dollarbasis. Die ebenfalls in der US-Valuta bilanzierende Synthes hatte den Konzernerlös im Vorjahr eigenständig noch fast 8% erhöht. Im Wirbelsäulebereich, wo DePuy und Synthes vor der Fusion ungefähr gleich gross gewesen waren, brach der Umsatz 2012 fast 5% ein. Orsinger hat noch viel zu tun, um zu beweisen, dass Synthes für J&J ein Gewinn ist und dass es richtig war, sich in die Arme des amerikanischen Multis zu werfen.

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