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Goldgräberstimmung in Pakistan & Co.

Seit Anfang Jahr hat die pakistanische Börse 40% zugelegt: Die Frontier Markets – Länder mit einem kleinen Finanzmarkt – heben sich deutlich von den Schwellenländern ab.

Alexander Trentin

Die Schwellenländer haben die Anleger enttäuscht. Die Wachstumsschwäche in China und Brasilien, Krisen in der Türkei und Ägypten sowie der stärkere Dollar haben die Emerging Markets hart getroffen. Der MSCI-Index für die Schwellenländer hat seit Jahresanfang fast 10% abgegeben. Dagegen konnten die Frontier Markets über 10% gewinnen.

Frontier Markets («Grenzmärkte») sind Länder, in denen der Finanzmarkt noch klein ist, aber schnell wächst. Mittelmässig hat die Mischform der MSCI Frontier Emerging Markets mit einem Nullgewinn seit Jahresanfang abgeschnitten.

Performance

«Es gibt die falsche Vorstellung, dass Frontier Markets arme Länder sind», betont Rami Sidani, Fondsmanager des Schroders ISF Frontier Markets Equity Fund. «Das Anlageuniversum reicht von Bangladesch bis zu Katar – dem Land mit dem höchsten BIP pro Kopf der Welt.» Der gemeinsame Nenner dieser Märkte sei, dass ihre Kapitalmärkte noch jung und unterentwickelt seien. «Sie wachsen zwar schnell, haben aber noch nicht die Reife der Schwellenländer erreicht», erklärt Sidani.

Analysten von Crédit Agricole Private Banking sind den Unterschieden zwischen dem MSCI Emerging Markets und dem MSCI Frontier Emerging Markets nachgegangen. Sie betonen, dass der Frontier-Markets-Index weniger auf Asien konzentriert ist als der Schwellenländerindex. Dafür sei der Finanzsektor in den Frontier Markets besonders stark vertreten. Das ist eine natürliche Entwicklung: Finanzdienstleister sind meist die ersten Unternehmen, die den Schritt an die Börse wagen. Dagegen könne man kaum direkt in die Industrie zur Herstellung langlebiger Investitionsgüter (Discretionary Consumer) investieren.

Liquidität ist das grösste Risiko

Da die Kapitalmärkte noch klein sind, macht Crédit Agricole einen Mid and Small Cap Bias aus: Die mittel- und die kleinkapitalisierten Gesellschaften sind besonders stark vertreten. Das habe zwar noch nicht zu grösserer Volatilität geführt, aber: «Liquidität ist klar das grösste Risiko», neben politischen und geopolitischen Faktoren.

Etwas verwirrend ist die Einteilung der Frontier Markets. Jeder Indexanbieter stellt eigene Kriterien für die Unterscheidung dieser Grenzmärkte von den etablierten Schwellenländern auf. Viele Fondsmanager halten sich daher nicht strikt an das vorgegebene Anlageuniversum. So erklärt Sidani: «Wir investieren in Märkte, die dynamisch wie Frontier Markets sind. Ein Beispiel ist Georgien, das aus technischen Gründen nicht von MSCI aufgenommen wurde.»

Definition

Die Ländergruppe der MSCI Frontier Emerging Markets, die Mischung aus kleinen Schwellenländern und Frontier Markets, ist so definiert:

FrontierEmergingMarkets

Nicht nur die grosse Diskrepanz zwischen der Performance der Schwellenländer und derjenigen der Frontier Markets überrascht, sondern auch die unterschiedliche Performance innerhalb der Grenzmärkte. Sie reicht seit Jahresanfang von +40% in Pakistan bis zu –18% in der Mongolei.

FrontierPerformance

In Pakistan konnte die neue Regierung unter dem als wirtschaftsfreundlich geltenden Nawaz Sharif bei Investoren Punkte sammeln. Die relative Stabilität trotz innenpolitischer Krisen half dem Aktienmarkt. Für dieses Jahr sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) Pakistan ein Wirtschaftswachstum von 3,5% voraus. Der Fonds hat dem Land einen Kredit von über 5 Mrd. $ gewährt.

Der mongolische Aktienmarkt verliert fast 20% im Vergleich zum Jahresanfang. Dies einer boomenden Wirtschaft zum Trotz. Für dieses Jahr soll das BIP-Wachstum laut IWF 14% betragen, nachdem es im vergangenen Jahr schon 12,3% gewesen sind. Doch problematisch ist die Abhängigkeit der Börse in Ulan Bator von der Rohstoffindustrie. Der MSE Top 20 besteht zu 29% aus Kohleförderern, deren Aktienkurs sich im ersten Halbjahr zum Teil halbiert hat.

Auch der pakistanische Karachi 100 Index ist vor der Rohstoffabhängigkeit nicht gefeit: Über 28% der Marktkapitalisierung kommen von Öl- und Raffinerieunternehmen.

Kleine Volkswirtschaften gleich grosses Wachstum

Trotz der grossen Differenzen verweist Rami Sidani auf die Gemeinsamkeiten: «Die Frontier Markets sind die Emerging Markets von morgen. Sie wachsen im Durchschnitt etwa 6% jährlich. Diese Wachstumsraten können über die nächsten Jahren gehalten werden, da die Volkswirtschaften noch so klein sind.» Das starke Wachstum werde sich in einer guten Performance der Finanzmärkte niederschlagen.

Neben dem Wachstum betont Sidani die Diversifikationvorteile im Portoliokontext: «Während die Korrelation unter den entwickelten Märkten momentan sehr hoch ist, haben die Frontier Markets eine geringe Korrelation zu den weltweiten Finanzmärkten.» Bloomberg-Daten zeigen, dass viele Aktienindizes gar eine negative Korrelation zum S&P 500 über das vergangene Jahr aufwiesen (vgl. Tabelle oben). Am grössten ist die Korrelation noch in Katar, Kenia, Saudi-Arabien und Sri Lanka.

Junge Bevölkerung bringt Konsum

Eine wichtige Säule für das Wachstum ist die junge Bevölkerung: «Im Nahen Osten sind etwa 60% der Bevölkerung unter dreissig Jahre alt, in Afrika sind es gar 70%», sagt Sidani. Eine junge Bevölkerung verspreche hohes Wachstum, hohe Produktivität und eine gute Ausgangslage für die Entwicklung des inländischen Konsums. Die Mittelklasse in den Ländern und ihre Kaufkraft würden weiter wachsen.

Sidani sieht unterschiedliche Wachstumstreiber für die drei Regionen, in denen Frontier Markets hauptsächlich zu finden sind:

  • «Im Nahen Osten sind die Staatsausgaben der Haupttreiber des Wachstums. Der Energiesektor ist mit 8% der Wertschöpfung relativ klein», betont Sidani. Die Öl- und Gaseinnahmen würden genutzt, um weniger von den Rohstoffen abhängig zu sein. So will sich etwa Katar als Finanzdienstleistungszentrum positionieren.
  • In Afrika sieht der Schroders-Fondsmanager die Investition Chinas in die Infrastruktur als entscheidend an: Rohstoffe könnten etwa viel effizienter gefördert werden. «Ein grosses Wachstumshemmnis ist auch die Stromerzeugung. In Nigeria wird ein Grossteil des Stroms von kleinen Generatoren erzeugt. Das ist eine sehr teure Art der Stromproduktion – in einem Land, das mit viel Gas gesegnet ist, dem billigsten Weg, um Strom zu erzeugen», sagt Sidani. China investiere nun sehr viel, um in Afrika mehr Strom zu generieren. Das würde helfen, eines der grössten Wachstumshemmnisse des Kontinents zu beseitigen.
  • In Asien seien die Lohnkosten Vietnams, Sri Lankas und Bangladeschs viel geringer als diejenigen Chinas. «Daher verschiebt sich zum Beispiel die Textilindustrie in diese Länder. Sie werden zu den neuen Produktionszentren für einfache Industrien», meint Rami Sidani. Eine Investition in diese Länder sei vergleichbar mit einer Investition in China in den Neunzigerjahren.

Crédit Agricole nennt die Frontier Markets ein neues «Eldorado» für Investoren. Wer von 40% Performance in Pakistan hört, könnte in Goldgräberstimmung verfallen. Doch das Wachstum der Volkswirtschaften und der Finanzmärkte in diesen Staaten hat noch einen langen Weg vor sich. Interessierte Anleger können über einige Fonds in Grenzmärkte investieren. An der Schweizer Börse SIX ist auch ein ETF von DB X-Trackers auf die Frontier-Märkte gelistet. Gerade in Ländern mit grossem Potenzial für innenpolitische Konflikte und geringer Rechtssicherheit muss das Risiko mit dem möglichen Gewinn abgewägt werden. Statt blind auf Indizes zu setzen, ist eine Gewichtung einzelner Länder und überzeugender Unternehmen wohl die aussichtsreichere Strategie.