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Palmöl trotzt seinem Imageproblem

Die Welt konsumiert immer mehr Palmöl. Der Preis ist so hoch wie zuletzt vor acht Jahren.

Ein gelangweilter Büroangestellter. Vor ihm ein KitKat. Er öffnet es und sieht nicht, dass die Schokoladenstängel die Form von Affenfingern haben. Er beisst hinein. Seine Arbeits­kollegen starren ihn schockiert an. Das Blut tropft auf die Tastatur. Schnitt. Im Bild ein Orang-Utan und sein Junges. Die Kamera zoomt heraus, die zwei sitzen auf einem einsamen Baum inmitten abgeholzten Regenwalds.

Mit diesem Film forderte Greenpeace Nestlé (NESN 103.82 +0.45%) dazu auf, auf Palmöl zu verzichten, für dessen Anbau Regenwald abgeholzt wurde. Das war vor zehn Jahren. Heute ist die Palmölproduktion 50% höher als damals.

Palmöl ist überall

Ein Drittel aller global hergestellten Lebensmittel enthält Palmöl, zudem wird es als Agrotreibstoff verwendet und findet chemisch verändert den Weg in Waschmittel und Kosmetika. In den palmöl­produzierenden Ländern ist es ein wichtiger Bestandteil ihrer Biodieselinitiativen, genauso wie in Europa. Mehr als die Hälfte des in die EU importierten Palmöls wird als Treibstoff verwendet. Auf globaler Ebene ist es viel weniger, mehr als zwei Drittel landen in Lebensmitteln.

Die Nachfrage ist seit 2019 höher als das Angebot. Die Palmölreserven schmelzen. Und während Europa wegen Umweltbedenken künftig weniger Palmöl importieren will, wollen China und Indien, die anderen grossen Importeure, ihre Speicher füllen. Indien hat vergangene Woche gar den Importzoll auf Palmöl gesenkt, damit der höhere Preis nicht an die Konsumenten weitergegeben wird. Der Preis auf dem Weltmarkt ist 2020 um 70% gestiegen und notiert seit Ende November mit 3500 Ringgit pro Tonne (766 Fr., vgl. Grafik 3) auf einem Niveau, das zuletzt vor acht Jahren erreicht wurde.

Neben dem tiefen Vergleichswert tragen mehrere Faktoren zur Preisrally bei. Unter US-Präsident Joe Biden werden alternative Treibstoffe gefördert, das wird auch die Palmölnachfrage ankurbeln. Nach der Trockenheit in diesem Jahr belasten nun die von La Niña ausgelösten starken Regenfälle die palmölproduzierenden Länder, sagt ihr Verband. Er geht davon aus, dass die Preise noch für sechs Monate hoch bleiben werden.

Zudem hat die Produktion ein Plateau erreicht. Schon vor der Pandemie hatte Malaysia Mühe, Personal für die Palmölplantagen zu finden. In den vergangenen Monaten wurden nun Häftlinge auf die Felder beordert. Die Anbaumöglichkeiten in anderen Ländern sind limitiert, da Ölpalmen regelmässigen Regenfall brauchen und nur in Äquatornähe gut wachsen. Mehrere Initiativen, afrikanische Staaten als neue Grossproduzenten aufzubauen, sind gescheitert.

Hauptproduzent Indonesien will zudem keine grossen neuen Flächen bepflanzen, auch als Reaktion auf die Proteste, die bisherige Rodungen hervorgerufen haben. Denn die Regenwaldabholzung und die Zerstörung wertvollen Lebensraums sind der Hauptgrund für den schlechten Ruf von Palmöl. Oft geschieht die Rodung mit Bränden, was Luftverschmutzung verursacht, und es entstehen Konflikte um die Landnutzung, indigene Völker werden vertrieben. Die Plantagen werden danach als Monokulturen mit einem hohen Pestizideinsatz bewirtschaftet, was ebenfalls umweltschädigend ist.

Ein Boykott von Palmöl ist jedoch nicht zielbringend. Die Ölpalme ist ertragreich, mehrjährig, und die Ernte ist das ganze Jahr möglich. Dieselbe Fläche mit anderen Ölpflanzen wie Soja oder Kokospalmen zu bebauen, wäre noch ressourcenintensiver und teils ebenfalls umweltschädigend. Trotz der jüngsten Kursrally ist Palmöl immer noch günstiger als seine Substitute. Zudem ist es aufgrund seiner einzigartigen Charakteristika in der technischen Produktion kaum durch chemische Produkte ersetzbar. Mit einem Markt­anteil von einem Drittel ist es das beliebteste aller pflanzlichen Öle.

Nachhaltigkeitsbemühungen

Eine Welt ohne Palmöl ist deshalb nicht realistisch. Aber die Produktionsbedingungen können verbessert werden. Konsumenten und Unternehmen besitzen die Hebel für einen verantwortungsvolleren Anbau. Deshalb wurde 2004 der Runde Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO) gegründet. Mittlerweile zählt die Vereinigung von NGO, Industrie, Handel und Finanzinstituten beinahe 5000 Mitglieder. Das Fünftel Nutella, das aus Palmöl besteht, ist beispielsweise RSPO-zertifiziert.

Die Richtlinien erfüllen nicht alle Forderungen von Umweltorganisationen, die Initiative wird als «Grünwaschen» kritisiert. Und selbst bei nicht perfekten Standards machen längst nicht alle mit: Erst 19% des Palmöls sind RSPO-zertifiziert.

Die Bilder des heimatlosen Orang-Utans haben auf jeden Fall Wirkung gezeigt. In der Schweiz hat der Direktimport von Palmöl in den vergangenen Jahren abgenommen. Wie viel Palmöl in Form von verarbeiteten Produkten in die Schweiz gelangt, lässt sich jedoch nicht erheben.

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