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Peking braucht Zählbares

China steckt Milliarden in die Forschung und verfolgt dabei klare Ziele – nicht nur eine gesündere Bevölkerung oder schnellere Computer, sondern auch die Stärkung der Armee und des inneren Sicherheitsapparats.

Die Spannung war gross, als der Forscher He Jiankui an der Genom-Editierungs-Konferenz an der Universität Hongkong Mitte Woche zu seinem umstrittenen Embryonenexperiment Stellung nahm. Denn mit dem Eingriff in das Erbgut von unterdessen geborenen Zwillingen hatte er ohne Wissen über die langfristigen Folgen eines der grössten Tabus der Wissenschaft gebrochen.

Obwohl Peking als Reaktion auf den weltweiten Aufschrei He mittlerweile zurückgepfiffen hat, ist es kein Zufall, dass gerade ein chinesischer Forscher dieses hoch umstrittene Experiment gewagt hat. Denn auf dem Forschungsplatz China ist vieles möglich, was heute im Westen nicht machbar ist, sei es mangels finanzieller Mittel, wegen der nicht zu versichernden Risiken durch mögliche Schäden oder wegen der ethischen Bedenken.

Chinas Forschungsoffensive

Wenn sich am Wochenende Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump am Gipfel der G-20-Staaten in Buenos Aires treffen, wird der Handelsdisput im Zentrum stehen. Doch zumindest im Hintergrund wird auch der Aufstieg Chinas zu einer führenden Forschernation ein grosses Thema sein.

Denn nicht nur die Gentechnik, auch künstliche Intelligenz, dunkle Materie oder auch das Quanten-Computing werden die Welt in den kommenden Jahren verändern. Und in all diesen Gebieten spielt China in der Forschung eine führende Rolle.

«Das ist mit tiefgreifenden Folgen für die Wirtschaft und die Rüstung, aber auch für unser Verständnis des Menschseins verbunden», hebt Richard Suttmeier, emeritierter Professor der Universität von Oregon, hervor. Doch die Forschung wird nicht global reguliert.

Die chinesische Regierung wird allein wegen der Bedenken des Westens den Kurs ihrer Wissenschaftspolitik kaum ändern. Auf die öffentliche Meinung, die dem Forschungstrieb in demokratischen Gesellschaften Fesseln anlegt, muss die chinesische Regierung wenig Rücksicht nehmen. Infolge des in China praktisch nicht vorhandenen Datenschutzes verfügen Forscher gegenüber ihren westlichen Kollegen sogar über einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.

Es ist damit zu rechnen, dass das Forschungsbudget wie bereits in den vergangen zwei Jahrzehnten schneller wachsen wird als die Wirtschaft. Wenn es nach dem Willen von Präsident Xi geht, soll China vor allem auch durch Investitionen in die Forschung und Entwicklung bis 2050 zu einer global führenden Industrienation aufsteigen.

Dabei ist es schwer abzuschätzen, wie viel Geld in die Forschung und Entwicklung fliesst. Gemäss der regierungseigenen Zeitung «China Daily» wurden 2015 umgerechnet 409 Mrd. $ in den Wissenschaftsbetrieb investiert, was rund 3% des jährlichen Bruttoinlandprodukts entsprechen würde. Nicht bekannt ist, wie viel Geld darüber hinaus in die Entwicklung von modernen Waffensystemen fliesst. Gewiss ist aber, dass Wagniskapitalgesellschaften  in den vergangenen Jahren vermehrt in die Forschung investiert haben. So wurde auch Hes Eingriff ins menschliche Erbgut zumindest teilweise von Shenzhen Cosun Venture Capital Investment Management finanziert.

Die Zahl der angemeldeten Patente zeigt, dass China schon heute in der Forschung ganz vorne mitspielt. 2016 hat China zum ersten Mal mehr Patente angemeldet als die USA. Auch die Qualität der Lehre hat sich deutlich verbessert. Gemäss einer Erhebung der britischen Fachzeitschrift «Times Higher Education» gehört die Universität Tsinghua im Fach Computer Science zu den weltweit zwanzig Besten, während die Universität Peking im Bereich der Ingenieurwissenschaft den Platz sieben einnimmt und damit noch vor der ETH Zürich liegt.

Zielgerichtete Forschung

Zwar variiert die Qualität der Forschung sehr stark, was sich daran zeigt, dass immer wieder grössere Fälschungen auffliegen.  Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass China in den von der Regierung festgelegten Gebieten wie eben der Humanbiologie, der künstlichen Intelligenz oder auch der Computerwissenschaft enorme Fortschritte erzielt hat.

Dabei setzt der Staat den Forschern klare Ziele. Die im Westen hochgehaltene Grundlageforschung spielt eine untergeordnete Rolle. Was zählt, sind Erfolge. Die Ziele sind nicht nur eine gesündere Bevölkerung oder schnellere Computer, sondern auch die Stärkung der Armee und des inneren Sicherheitsapparates. Damit gerät die Entwicklung des Forschungsstandorts China unweigerlich auch ins Spannungsfeld der Geopolitik.

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