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Blogs / Fintech

Pensionskassen entdecken Crowdfunding

Andreas Dietrich
Heute investieren Anleger erst zaghaft über das Internet in junge Wachstumsunternehmen. Das sogenannte Crowdinvesting könnte mit der Plattform Investiere.ch hierzulande nun einen Schub erhalten.

Im Bereich Crowdinvesting für Unternehmen wurden im Jahr 2016 Start-ups mit 6,8 Mio. Fr. finanziert (–4% gegenüber 7,1 Mio. Fr. im Jahr 2015), wobei sich die Investoren an insgesamt 13 Start-ups beteiligten. Die derzeit wichtigste Plattform in der Schweiz ist dabei Investiere.ch, eine Plattform für Venture-Capital-Finanzierungen mit 15 Mitarbeitenden.

Investiere hat in den vergangenen Jahren einige interessante Anpassungen an ihrem Geschäftsmodell vorgenommen und kann seit kurzem mit der Nest und der Schweizerischen Post auf zwei prominente Kooperationspartner zählen.

Der Einstieg der Sammelstiftung Nest und die Kooperation mit der Schweizerischen Post sind auch wichtige und interessante Zeichen an den Crowdfunding-Markt, der sich zunehmend professionalisiert.

Crowdinvesting für Unternehmen bietet sich als Finanzierungsform vor allem für Unternehmen in einem frühen Entwicklungsstadium an (sog. Start-ups). Je nach Plattform bietet Crowdinvesting auch Investoren mit kleineren Beträgen die Möglichkeit, ein Jungunternehmen in der Wachstumsphase zu unterstützen.

Als Gegenleistung erhalten diese in der Regel Anteile am Unternehmen und/oder partizipieren an dessen Erfolg. Im Bereich Crowdinvesting für Unternehmen wurden im Jahr 2016 Start-ups mit 6,8 Mio. Fr. finanziert (7,1 Mio. Fr. im 2015, –4%).

Der gesamte Venture-Capital-Markt in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt.

Abbildung 1: Entwicklung Venture-Capital-Markt Schweiz 2012–2016 (Quelle: Swiss Venture Capital Report 2017)

Wie in Abbildung 1 zu sehen, lag das entsprechende Volumen im Jahr 2014 bei rund 450 Mio. Fr., während im Jahr 2016 bereits über 900 Mio. Fr. finanziert wurden (Quelle: Swiss Venture Capital Report 2017). Insofern hat sich der Marktanteil der Crowdfunding-Plattformen im Verhältnis zum Gesamtvolumen im Bereich Venture Capital in den vergangenen fünf Jahren auf unter 0,1 % reduziert.

Das Geschäftsmodell von Investiere

Im letzten Jahr wurde das Crowdinvesting-Volumen in der Schweiz vor allem über die Plattform von Investiere abgewickelt. Diese steht lediglich qualifizierten Anlegern mit Mindestinvestitionen von in der Regel 10’000 Fr. offen.

Damit unterscheidet sich Investiere vom Geschäftsmodell anderer Crowdinvesting-Plattformen wie zum Beispiel c-crowd oder Raizers, bei denen der Zugang für die «Crowd» nicht eingeschränkt ist.

Insofern handelt es sich bei Investiere nicht um eine «typische» Crowdinvesting-Plattform, da der Zugang nur einer «qualifizierten Crowd» offensteht. Investiere hat sich in der Vergangenheit in erster Linie auf die zweite und dritte Finanzierungsrunde («early stage») fokussiert und dabei durchschnittlich eine halbe Million Franken vermittelt.

In einem nächsten Schritt möchte sich die Unternehmung nun auch in dem Bereich von 2 bis 10 Mio. Fr. positionieren (also dritte bis fünfte Finanzierungrunde). In der Schweiz gab es gemäss dem Swiss Venture Capital Report im Jahr 2016 29 Finanzierungsrunden in dieser Grössenordnung (von total 151 Finanzierungsrunden).

Neben der Absicht, auch bei grösseren Finanzierungsrunden mitzuwirken, hat Investiere die folgenden weiteren Anpassungen im Geschäftsmodel vorgenommen:

  1. Zu viele Kleinaktionäre und Co-Investoren sind für eine junge Firma oftmals nicht wünschenswert. Daher werden Investoren mit einer Kapitalbeteiligung von weniger als 50’000 Fr. über einen Treuhänder vertreten. Mit der treuhänderischen Funktion inklusive der Wahrnehmung der Stimmrechte wird dabei Investiere selbst mandatiert. Es ist aber auch den «Kleinaktionären» möglich, bei einer allfälligen nächsten Finanzierungsrunde wieder mitzumachen. Bis anhin haben jeweils ca. 15 der durchschnittlich 20 Investoren einen Betrag von weniger als  50’000 Fr. in die einzelnen Unternehmen investiert.
  2. Gebühren fallen nur noch bei den Investoren an (prozentuale Transaktionsgebühr beim Investment und 15% auf dem Profit bei einem erfolgreichen Exit). Early-Stage-Firmen selbst müssen für die Vermittlung nicht mehr bezahlen.
  3. Mit Nest konnte eine erste Pensionskasse als Co-Investor gewonnen werden (siehe auch weiter unten). Dank dem Einstieg von Nest sind künftig möglicherweise auch Finanzierungen in der Grössenordnung von  1 bis 5 Mio. Fr. möglich (bisher: 500‘000 Fr. pro Finanzierung).

Die bisher 38 via Investiere finanzierten Start-ups hatten noch keine Exits. Die Firma ist aber auch erst seit sieben Jahren aktiv. Vier der 38 Unternehmen mussten bisher liquidiert werden.

Erste Pensionskasse als Investor für den Crowdfunding-Markt

Bemerkenswert ist aus meiner Sicht insbesondere, dass die Sammelstiftung Nest, die aktuell 20‘000 Arbeitnehmer in knapp 3200 Betrieben versichert und über ein Anlagevermögen von 2,3 Mrd. Fr. verfügt, mit Investiere eine Kooperation eingegangen ist und sich dadurch direkt bei den Jungfirmen engagieren wird.

Nest hat dabei sozusagen eine dreifache «Absicherung», welches ihr Engagement interessant macht:

  1. Das erfahrene Team von Investiere beurteilt das entsprechende Unternehmen als interessant und schlägt es in ihrer Community als Investition vor.
  2. Eine weitere Schlüsselrolle nehmen die auf Investiere zusammengeschlossenen Business Angels ein. Ihr Engagement ist die Voraussetzung für eine Co-Investition von Nest und «bestätigt» das Potenzial des Start-ups.
  3. Da Investiere den Finanzierungsbedarf innerhalb einer Runde nie selber zu 100% deckt, gibt es auch ausserhalb der Investiere-Community professionelle Co-Investoren, welche vom Modell der entsprechenden Unternehmung überzeugt sind.

Im laufenden Jahr wird Nest voraussichtlich einen einstelligen Millionenbetrag für rund zehn Engagements investieren. Die Pensionskasse wird dabei grundsätzlich bei allen Finanzierungsvorhaben von Investiere mitmachen und das Volumen der Privatinvestoren jeweils verdoppeln. Das Team von Investiere kümmert sich neben dem Screening auch um die Dokumentation und das Reporting bzw. Monitoring der Investitionen.

Fazit

Insgesamt ist es etwas erstaunlich und auch enttäuschend, dass sich das Modell Crowdinvesting für Start-ups in der Schweiz noch nicht so erfolgreich entwickelt hat und in den vergangenen drei Jahren auf sehr tiefem Niveau sogar Marktanteile gegenüber dem gesamten Venture-Capital-Markt verloren hat.

Im Vergleich zu anderen Crowdfunding-Bereichen konnte Business Crowdinvesting seit dem Jahr 2013 nur tiefe Wachstumsraten vorweisen. Möglicherweise kennen junge Firmen diese Finanzierungsform noch zu wenig oder sie möchten ihr Geschäftsmodell nicht über diesen Kanal offenlegen.

Des Weiteren kann es auch sein, dass die jungen Firmen ihr Kapital aus privaten Quellen oder von Business Angels beziehen und dadurch gar keinen Bedarf an einer Finanzierung über Crowdfunding aufweisen.

Ebenso könnte es sein, dass in der Schweiz – im Gegensatz zu z.B. Deutschland – weniger für Crowdinvesting interessante B2C-Modelle existieren, da der hiesige Markt zu klein ist. Auch gilt zu beachten, dass gewisse Anträge von Start-ups gerade von Investiere auch abgelehnt werden.

Es gibt aber auch zahlreiche und gute Gründe, wieso es für Unternehmen sinnvoll und spannend sein könnte, über Crowdfunding Eigenkapital aufzunehmen. Dazu gehört auch, dass vermehrt institutionelle Anleger auf diese Investitionsmöglichkeiten aufmerksam werden und somit künftig auch grössere Transaktionen möglich werden.

Das Modell von Investiere mit der «qualifizierten Crowd» ist interessant und hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend von einem Crowdinvesting-Modell im engeren Sinne entfernt. So geht das Team von Investiere beispielsweise auch proaktiv auf ihre Crowd zu, wenn sie das Gefühl hat, dass eine neue Finanzierungsmöglichkeit bestehen könnte.

Mit der Zürcher Kantonalbank als Aktionärin, der Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post und der Kooperation mit der Sammelstiftung Nest hat sich Investiere zudem gut positioniert.

Für das Jahr 2017 erwarte ich entsprechend vor allem auch dank Nest und die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten, grössere Finanzierungsrunden zu stemmen, dass sich das Volumen bei Investiere deutlich erhöhen, möglicherweise sogar verdoppeln wird.

Die Schwierigkeit könnte künftig eher darin liegen, spannende Wachstumsfirmen zu finden, als die Investoren für diese guten Business Cases zu gewinnen.