Meinungen

Pharma braucht zweiten Anlauf für US-Handelsvertrag

Der Freihandel mit den USA ist nicht in Sicht, doch wenigstens könnte die Pharmaindustrie erleichterten Zugang erhalten, wie die EU und Grossbritannien ihn schon haben. Ein Kommentar von Rupen Boyadjian.

Rupen Boyadjian
«Das bedeutsame Abkommen hätte wahrscheinlich schon früher unter Dach und Fach sein können.»

Ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA ist zurzeit nicht möglich. Die Schweiz könnte aber ein Abkommen im Pharmabereich abschliessen. Das sagt US-Botschafter Scott Miller in einem Interview mit dem «SonntagsBlick». Es gehe um eine Vereinbarung, die die Zulassung von Schweizer Pharmazeutika durch die US-Gesundheitsbehörde FDA erleichtern würde.

Gemäss Marcel Plattner, dem Präsidenten des Pharmaverbands Vips, der 85 Pharmaunternehmen in der Schweiz vertritt, handelt es sich beim angestrebten Vertrag mit den USA um ein sogenanntes Mutual Recognition Agreement (MRA). Es gehe um die gegenseitige Anerkennung der Inspektionen von Produktionsanlagen durch die jeweiligen Behörden. «Das würde den Inspektionstourismus reduzieren.»

Branche ist erfreut

Zurzeit muss die amerikanische Gesundheitsbehörde jedes Schweizer Werk inspizieren, das für den US-Markt produziert. Laut Plattner würden solche Inspektionen mit einem MRA nicht komplett wegfallen, aber wohl deutlich weniger oft stattfinden. Vips begrüsst das geplante Abkommen.

Auch Interpharma, der Verband, dem vor allem die grösseren Pharmaunternehmen angehören (darunter Roche und Novartis), steht hinter dem Abkommen. Es würde den Standort Schweiz stärken und ihn in Bezug auf Handelshürden mit den USA wieder auf das Niveau der EU und Grossbritanniens heben. Beide haben bereits einen solchen Vertrag mit den USA.

Zentraler US-Markt

Gemäss dem auf Schweizer Seite für die Verhandlungen zuständigen Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) könnte der Vertrag «den administrativen Aufwand für die Zulassung und die Überwachung von Arzneimitteln verringern», wie Seco-Sprecher Fabian Maienfisch auf Anfrage schreibt. Die Inspektion der Produktionsanlagen ist Teil des Zulassungsprozesses.

Das MRA erleichtert der Schweizer Pharmaindustrie also den Export in den wichtigen Markt USA. Er war in der letzten Dekade der grösste Treiber der Schweizer Pharmaexporte, die ihrerseits den grössten Anteil am Schweizer Exportwachstum hatten. Pharmazeutische Produkte machen inzwischen rund 100 Mrd. Fr. oder fast die Hälfte aller Ausfuhren aus. In die USA geht rund ein Viertel aller Pharmaexporte.

Landwirtschaft bremst

Das bedeutsame Abkommen hätte wahrscheinlich schon früher unter Dach und Fach sein können. Doch die Gespräche über ein breiteres Freihandelsabkommen liegen auf Eis. Das Seco nennt den Elefanten im Raum, die Landwirtschaft, nicht. Nach dem Wechsel zur Biden-Administration habe sich «die Diskussion dann eher in Richtung Stärkung der sektoriellen Handelsbeziehungen weiterentwickelt».

US-Botschafter Miller erklärt es so: «Die Schweiz hat beschlossen, dass sie uns keinen Zugang zum Agrarmarkt geben kann. Bis wir dort weiterkommen, sprechen wir über spezifische sektorale Abkommen.» Es scheint also einmal mehr, dass die protektionistische, wettbewerbsfeindliche Schweizer Landwirtschaftspolitik ein grosses Hindernis ist für günstigere Rahmenbedingungen auch in anderen Wirtschaftsbereichen, allen voran der Exportwirtschaft.