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Pharma-KMU hoffen auf Coronadurchbruch

Ein Schweizer Start-up tüftelt bereits am Impfstoff der zweiten Generation. Zwei Medikamente könnten schon in wenigen Monaten die Notfallzulassung erhalten.

Als BioNTech (BNTX 105.43 +2.13%) und Pfizer (PFE 36.48 -0.05%) und am Montag auch Moderna (MRNA 132.98 +6.26%) erste Wirksamkeitsdaten zu ihren Coronaimpfstoffen veröffentlichten, reagierte die Welt euphorisch. Ein möglicher Schutz von 90% und mehr ist deutlich besser als erwartet. Vladimir Cmiljanovic, Mitgründer von Swiss Rockets, ist gegenüber allen gegenwärtig getesteten Impfstoffen hingegen skeptisch.

Eben erst hat er Rocketvax ins Leben gerufen, um einen Impfstoff der zweiten Generation zu entwickeln. «Die Welt wird das dringend brauchen», ist er überzeugt. «Die Impfstoffe der ersten Generation werden sehr wahrscheinlich keine genügende Immunreaktion auslösen.» Möglicherweise werde die Wirkung auch nur ein paar Monate anhalten.

Ganzes Virus statt nur Spike-Protein

Fast alle der aktuell fortgeschrittenen Entwicklungsprojekte präsentieren dem Immunsystem das Spike-Protein des Virus. Es gilt als Türöffner, mit dem das Virus in die menschlichen Zellen gelangt, um sich dort zu vermehren.

Im Unterschied dazu setzt Rocketvax das vollständige Virus ein, dem aber die Fähigkeit zur Vermehrung genommen wurde. Abgeschwächte, aber lebende Viren gelten traditionellerweise als die besten Vakzine. Die Impfungen gegen Masern, Meningitis oder Gelbfieber wurden so entwickelt. Normalerweise dauert das Jahre.

Studienstart in acht bis zehn Monaten

Der Impfstoff von Rocketvax, respektive die Gensequenz zur Produktion des Virus, wurde hingegen in wenigen Tagen am Computer entworfen. Dabei liessen die Schöpfer des Verfahrens, ETH-Professor Beat Christen und sein Bruder Matthias, in der synthetischen DNA ein Protein weg, das das Virus für seine Vermehrung braucht. Ihr Unternehmen Gigabases Switzerland hat die Technologie für den Coronaimpfstoff an Rocketvax auslizenziert.

«Eine erste klinische Studie der Phase I wird frühestens in acht bis zehn Monaten starten können», sagt Cmiljanovic. Falls die Entwicklung ähnlich schnell wie bei den aktuell getesteten Produktkandidaten verläuft, ist danach in einem knappen weiteren Jahr mit der Zulassung zu rechnen, also noch vor dem Winter 2022/23.

Der 2018 gegründete Start-up-Inkubator Swiss Rockets will das Coronaprojekt finanzieren. «Wir haben schon mehrere Millionen ausgegeben», sagt CEO Cmiljanovic, der bei Rocketvax als Vizepräsident des Verwaltungsrats amtiert. Allein die präklinische Entwicklung wird demnach 10 Mio. Fr. kosten.

Weitere Kleine geben Gas

Neben den kotierten Relief Therapeutics (RLF 0.41 -3.54%), deren Entzündungshemmer im Januar eine Notfallzulassung zur Behandlung schwer kranker Coronapatienten erhalten könnte, und Molecular Partners (MOLN 20.70 -0.72%), die in den nächsten Tagen erste Tests an Menschen mit ihrem antikörperähnlichen Medikament starten sollte, treiben weitere kleinere, privat gehaltene Schweizer Pharmaunternehmen ihre Coronaprojekte voran.

Neurimmune und Memo Therapeutics arbeiten an Antikörpern, MetrioPharm und Orion Biotechnology an Entzündungshemmern. Memo Therapeutics kommt schneller voran als noch im Frühling erwartet. Sie will im kommenden Februar eine klinische Studie starten und wird im Erfolgsfall rollend von der einen in die nächste Phase übergehen. Läuft alles planmässig, könnte der Antikörper, der aus einem genesenen Patienten gewonnen wurde, schon im Sommer die Notfallzulassung erhalten.

Die ältere und grössere Neurimmune ist zurückhaltender und teilt auf Anfrage von «Finanz und Wirtschaft» lediglich mit, die präklinische Entwicklung schreite voran, und sie wolle im kommenden Jahr klinische Studien starten. Neurimmune ist wie Memo in Schlieren beheimatet und ebenfalls auf humane Antikörper spezialisiert. Sie hat sich mit Ethris aus München zusammengetan, die mRNA-Technologie für Anwendungen in der Lunge entwickelt. Die beiden streben ein inhalierbares Medikament an, das direkt in der Lunge Antikörper produzieren soll.

Entzündungshemmer direkt in Phase II

Am weitesten fortgeschritten ist aber MetrioPharm. Sie hat einen Entzündungshemmer, der im Labor sowohl die systemische Entzündungsreaktion dämpfen als auch die Virusreplikation von Sars-CoV-2 hemmen konnte. Da der Wirkstoff mit dem Kürzel MP1032 bereits gegen Schuppenflechte getestet wurde, kann MetrioPharm direkt eine Phase-II-Studie starten.

CEO Wolfgang Brysch hofft auf grünes Licht der Behörden im ersten Quartal 2021, wie er im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» präzisiert. Auch in diesem Fall könnten etwa sechs Monate später bereits erste Resultate vorliegen, die in eine Notfallzulassung münden könnten.

Börsengang möglich

Gelingt der Durchbruch mit dem Coronamedikament, dürfte das die Börsenpläne beschleunigen, die MetrioPharm ohnehin hegt. Sie war bereits einmal am First Quotation Board in Frankfurt gelistet. Als das Segment 2012 schloss, wurde sie wieder privat. Für ein neuerliches IPO kommt laut Brysch unter anderem der Nasdaq ebenso infrage wie SIX oder Euronext.

Etwas weiter liegt Orion Biotechnology zurück. Das Unternehmen aus Genf testet ein Molekül, das eine bei Entzündungen aktive Signalkette dämpft. Das könnte ebenfalls die Überreaktion des Immunsystems bei Schwererkrankten verhindern. Sein Produktkandidat OB-002 hat zuvor erfolgreich die Phase I in einer HIV-Studie abgeschlossen und soll bald in der Onkologie getestet werden. Für Sars-CoV-2 könnte eine Studie an Menschen noch 2021 starten, mit einer Notfallzulassung wäre nicht vor Anfang 2022 zu rechnen.