Meinungen

Philippinischer Fehltritt

Rodrigo Duterte, der Staatschef der Philippinen, beleidigt US-Präsident Obama – zu Pekings Freude. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Die Bucht von Manila liegt unmittelbar an der geostrategisch wohl heissesten Zone unserer Tage, dem Südchinesischen Meer.»

Er ist kein Gigant des guten Geschmacks: Rodrigo Duterte, der grobschlächtige Präsident der Philippinen. Zuerst betitelt er den amerikanischen Präsidenten Barack Obama als Hurensohn, dann lässt er verlauten – man vernimmt’s mit Staunen –, das sei nicht persönlich gemeint.

Duterte ist offenkundig auch kein Gigant des Geistes. Zwar zwingt ihn nichts und niemand, Obama lieb zu haben, doch ein Blick aus dem Bürofenster müsste ihm vor Augen führen: Die Bucht von Manila liegt unmittelbar an der geostrategisch wohl heissesten Zone unserer Tage, dem Südchinesischen Meer. Peking nimmt diesen Namen wörtlich und beansprucht rabiat so gut wie die ganze Seefläche. China errichtet auf den Riffen, Atollen und Inselchen munter Stützpunkte und missachtet zum Beispiel ein Urteil des Ständigen Schiedsgerichts in Den Haag, das die Philippinen angerufen hatten.

Die Chinesen propagieren die «Kuhzungenlinie» oder «U-förmige Strichlinie» (Nine-Dash Line), die 90% des Meers umfasst und den übrigen Anrainern nurmehr schmale Streifen vor der Küste zugesteht. Im von Peking exklusiv beanspruchten Gebiet, das auf der Karte der Form einer Kuhzunge ähnlich sieht, werden grosse Vorkommen an Erdöl und Erdgas vermutet. Vor allem aber führen bedeutende Seeverkehrswege durch diese Zone. Die Strasse von Malakka, zwischen Malaysia und Sumatra, ist Chinas lebenswichtige Nachschublinie besonders für Erdöl aus der Golfregion. Die neue Supermacht setzt alles daran, sozusagen bis vor Singapur alles unter Kontrolle zu kriegen.

Dieser maritime Vorstoss hat bereits zu Reibereien mit Vietnam und den Philippinen geführt. Es ist eine historische Ironie, dass Vietnam gerade vor diesem Bedrohungshintergrund militärisch mit dem ehemaligen Kriegsfeind USA zusammenarbeitet. Zwar wünscht Washington zweifelsohne keinen ernsthaften Konflikt mit China, kann es sich jedoch nicht leisten, Verbündeten wie Taiwan, Japan oder Südkorea als unzuverlässig zu erscheinen. Das würde der chinesischen Führung in die Hände spielen, deren langfristiges Ziel es ist, den Einfluss der USA zumindest in diesem Teil des pazifischen Raums zurückzudrängen und dort selbst die Vormachtrolle zu übernehmen.

Das wird Duterte, seit zwei Monaten im Amt und damit beschäftigt, ohne Zartgefühl den Drogenhandel auszumerzen, bekannt sein. Er wird auch wissen, dass sein Land und Amerika verbündet sind. Die Beziehungsgeschichte zwischen den Philippinen und den USA ist lang. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg fielen die Inseln 1898 an die USA; 1946 wurden sie unabhängig – nachdem die Amerikaner sie von den Japanern befreit hatten.

Den diplomatischen Affront, den Duterte mit seinen Verbaliniurien verschuldet hat, kann Peking als unerwarteten Erfolg für sich verbuchen. Auch im Malacañang-Palast, wo Duterte haust, muss die simple Weisheit Charles de Gaulles gelten: Staaten haben keine Freunde, nur Interessen. Es geht also nicht darum, die Herrschaft im Weissen Haus (oder anderswo) zu mögen oder nicht. Es geht darum, die eigenen Interessen zu kennen.