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Friedrich August von Hayek war als Sozialphilosoph eine Ausnahmeerscheinung in den Wirtschaftswissenschaften. Der Mahner ist nicht populär, doch aktuell.

Friedrich August von Hayeks Streitschrift «The Road to Serfdom» gehörte im Sommer 2010 zu den meistverkauften Büchern auf Amazon (AMZN 940.13 -1.57%). Das dürfte erhebliche Unzufriedenheit in beträchtlichen Teilen des amerikanischen Publikums mit der Politik des «big government», des «deficit spending» spiegeln.

Hayek bestritt nicht, dass eine Regierung weiter angemessen Geld ausgeben sollte, sobald die Konjunktur von Boom zu Bust kippt. Doch für eine echte Erholung reiche das nicht aus. Vielmehr müsse der Weg gefunden werden zu gesunder, nachhaltiger Investition und Produktion. Dazu sei es unerlässlich, zuerst die Verzerrungen, die eine überschiessende Konjunktur wegen zu hoher Geldschöpfung bewirkt hatte, zu beseitigen, d. h. die Fehlallokation von Ressourcen bereinigen.

In letzter Konsequenz hätte das im Licht der jüngsten Finanzkrise geheissen: Liquidieren. Fannie Mae, Freddie Mac – den ganzen Apparat, der Subprime bis zum Platzen aufblähte. Banken, die unvorsichtig Geld ausgeliehen hatten, bankrott gehen lassen. Über einen alternativen Geschichtsverlauf nach dem Motto «lieber ein Ende mit Schrecken» lässt sich nur spekulieren. Die Regierungen bzw. die ­Notenbanken haben sich anders entschieden; dass ihre Therapie – namentlich die Niedrigstzinspolitik – tatsächlich zum Ziel führt und kein «Schrecken ohne Ende» wird, dafür steht der Beweis noch aus. Hayek-Schüler haben stets gewarnt, dass es keine schmerzfreie Erholung von einem übertriebenen Boom gebe.

Die Politik soll gemäss Hayek nicht nichts tun, wie ihm die Gegenseite oft  vorwirft, sondern den einzigen Weg der Leidensprophylaxe beschreiten: Booms vermeiden, d. h. keine Kreditexpansion über die Ersparnisbildung hinaus. Sonst wird fehlinvestiert, mit einer Rezession als Folge – das ist Hayeks Zyklusverständnis.

«Zweifacher» Österreicher

Friedrich August von Hayek ist bereits 75 Jahre alt, kränklich und depressiv, als ihm 1974 völlig überraschend der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wird. In seiner Rede in Stockholm empfiehlt er, die Staats­tätigkeit auf das Schaffen günstiger Bedingungen für die Entwicklung der Zivilisation zu konzentrieren – einen Rückfall in den Laissez-faire-Liberalismus umschreibt das nicht. Die späte Ehre verleiht dem fast schon vergessenen Hayek neues Prestige und frische Kräfte. Der Wind weht überhaupt zunehmend anders; die zuvor allseits beliebten Globalsteuerungsrezepte verlieren in der Phase der Stagflation der Siebzigerjahre an Glaubwürdigkeit.

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan berufen sich in den Achtziger- jahren auf Hayek, sie kontaktieren ihn gelegentlich. Hayek war über beider Politik freilich nicht vorbehaltlos begeistert. In Deutschland ist Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff von Hayek inspiriert. Dieser wird jedoch nie Regierungsberater, sondern bleibt zeitlebens primär ein Bücherwurm.

Hayek ist Österreicher im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: als Vertreter der so bezeichneten Lehrmeinung in der Nationalökonomie. Sie formuliert die Idee stetiger Schöpfung von Wissen durch die Unternehmer; sie sieht die Wirtschaft in dynamischem Ungleichgewicht, sie betont die Bedeutung der einzelnen Menschen und deren Vorlieben für die wirtschaftlichen Prozesse.

Die heutigen «Austrians» verschiedener Sub-Richtungen sind vornehmlich in den USA an einigen Universitäten oder ­libertären Denkfabriken aktiv. Sie stehen ausserhalb des wissenschaftlichen Mainstreams, weil sie mathematische Modelle und Makroökonomie ablehnen.

Zentral ist für Hayek die Signalfunktion der Preise. Sie sagen Anbietern, «was sie in ihrem eigenen wie im allgemeinen Interesse tun sollten»; das Preissystem sei ein effizienter «Mechanismus zur Vermittlung von Informationen», und zwar unter Menschen, die sich nicht einmal kennen. Die einzelnen Marktteilnehmer müssen nur sehr wenig wissen, damit die Koordination insgesamt gelingt. Planwirtschaftler dagegen glauben, ausgerechnet auf diesen Preismechanismus verzichten zu können. Wettbewerb wiederum ist für Hayek ein «Entdeckungsverfahren», wirksamer als jede planende Vernunft, jede zentrale Verwaltung (die «unsichtbare Hand» des klassischen Nationalökonomen Adam Smith winkt sozusagen dazu).

Hayek wächst noch zu Kaisers Zeiten im Wiener Bildungsbürgertum auf. Als Kriegsrückkehrer erlebt er Elend und ­Inflation nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie. Zunächst studiert  Hayek Rechts-, danach Staatswissenschaften. Seine ursprüngliche Begeisterung für Planwirtschaft wird im Privat­seminar von Ludwig von Mises (nach Menger und Böhm-Bawerk der führende Kopf der österreichischen Schule) kuriert – das macht Hayek in seinen eigenen Worten zum «radikalen Anti-Sozialisten». Mit Mises gründet Hayek 1927 das Österreichische Konjunkturforschungsinstitut; 1929 habilitiert er.

Hayek betrachtet die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren nicht als eine Folge zu geringer Nachfrage, sondern von Fehlinvestitionen der Unternehmen und Banken. Das wiederum erkennt er als Effekt verfehlter staatlicher Geld- und Wirtschaftspolitik: Solche Eingriffe erkennt er nicht als Lösung, sondern als Problem.

Auf Einladung von Lionel Robbins hält Hayek 1931 Gastvorträge an der London School of Economics, wohin er in der Folge berufen wird. Hayek verlässt mit Frau und zwei Kindern Wien und beobachtet nun von aussen mit grosser Sorge das Aufkommen des Totalitarismus in Mitteleuropa. 1938 wird er britischer Staatsbürger. Derweil geht die erste österreichische Republik im Nazireich auf.

Zwar behagt Hayek die Lebensweise englischer Akademiker – Gentlemen in edlen Clubs und Bibliotheken –, doch seine Warnungen bleiben ungehört; selbst Robbins konvertiert zu John Maynard Keynes. Dieser glaubt, erleuchtete Staatslenker (wie er) könnten die Wirtschaft aus einem Abschwung und damit keineswegs zwangsläufig in den Totalitarismus führen. Hayek dagegen hält Eingriffe in die «spontane Ordnung» des Marktes für ­Anmassung von Wissen und damit für potenziell die Krise verlängernd.

Für eine liberale Gesellschaft

Für Hayek ist es eine Illusion, mit geldpolitischen Mitteln Konjunkturschwankungen vollständig beseitigen zu können. Depressionen durch «ein wenig Inflation» zu bekämpfen, hält er für wohlgemeint, jedoch verfehlt (wofür er in den Siebziger- jahren publizistische Aufmerksamkeit gewinnt). In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg jedoch kann er die Meinungsführerschaft der nachfrageorientierten Schule auch mit seiner «Pure Theory of Capital» nicht erschüttern. Er gerät in der Ökonomenszene ins Abseits und wendet sich ­zunehmend von der Ökonomik ab.

Hayek publiziert gegen Ende des Kriegs die eingangs  erwähnte Zeitkritik «Der Weg zur Knechtschaft», ein Bestseller. Hayek warnte den Westen, besonders seine neue Heimat, nachdrücklich davor, über Planwirtschaft und wohlfahrtsstaatliche Umverteilung – betrieben von «Sozialisten in allen Parteien» – auf das gleiche abschüssige Gelände zu geraten wie Deutschland oder die Sowjetunion.

Hayek wird spätestens damit vom Ökonomen zum Sozialphilosophen, der für eine aufgeklärte Öffentlichkeit schreibt, nicht für seine Zunft. Manche Aussagen sind beklemmend aktuell. So sagt er: «Die jüngere Generation unserer Zeit ist in einer Welt aufgewachsen, in der in Schule und Presse der Unternehmergeist als schimpflich und das Verdienen als unmoralisch hingestellt worden sind.» Er beklagt die «moralische Stigmatisierung der Gewinne, ohne die sich Risiken nicht lohnen, die aber nur wenigen zufallen können».

Dieses Werk sowie sein spätes Opus Magnum, «Die Verfassung der Freiheit» (Hayek übergibt das Manuskript an seinem 60. Geburtstag dem Verleger), setzen normativ die Freiheit an die Spitze der Wertskala. Freiheit strikt begrenzt auf die Abwesenheit von Zwang – denn «Freiheit bedeutet nicht alle guten Dinge oder die Abwesenheit aller Übel».

Jedoch ist Freiheit nicht Abwesenheit von Moral. Hayek betont, dass «… Freiheit ohne tief eingewurzelte moralische Überzeugungen niemals Bestand gehabt hat und dass Zwang nur dort auf ein Mindestmass herabgesetzt werden kann, wo zu erwarten ist, dass die Individuen sich in der Regel freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten» – auch das ist hochaktuell.

Hayeks Denken hat mit dem gängigen Zerrbild des Neoliberalismus nichts zu tun (den Begriff wendet er auf sich selbst nicht an). Er plädiert für den Staat als Schiedsrichter, der Wirtschaftspolitik als Rechtssetzung versteht: Eigentum, Rechtsstaat, Wettbewerb. Hayek, ganz Erkenntnisskeptiker, warnt zwar unentwegt davor, gesellschaftliche Ideale umzusetzen, die unerfüllbare Ansprüche an menschliches Wissen und Können stellen, doch das heisst nicht herzloses Abseitsstehen: «Zweifellos kann jedem Einzelnen ein gewisses Minimum an Nahrung, Obdach und Kleidung garantiert werden, das für die Erhaltung der Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit ausreicht.»

Nach dem Krieg gründet Hayek in einem Hotel auf dem Mont Pèlerin oberhalb von Vevey eine der ersten liberalen «Denkfabriken». Mit von der Partie sind u. a. Milton Friedman, der Lehrer Ludwig von Mises, Karl Popper, Ludwig Erhard, Walter Eucken, George Stigler und Wilhelm Röpke. Später stossen etwa die ­Nobelpreisträger James Buchanan oder Ronald Coase (beide heuer verstorben), Vernon Smith oder Gary Becker hinzu.

Schrecken der Sozialisten

In Westdeutschland entwickelt derweil Mont-Pèlerin-Mann Ludwig Erhard die «soziale Marktwirtschaft», deren durchschlagender Erfolg – rasanter Wiederaufbau, Vollbeschäftigung, nie gekannter Wohlstand – eben kein Wirtschaftswunder ist, sondern ein Zeugnis der Wirksamkeit einer liberalen Ordnung. Hayek hielt ­Erhards Konzept jedoch für zu interventionistisch, das «Wieselwort» sozial war ihm ein Graus: «Eine soziale Marktwirtschaft ist keine Marktwirtschaft.»

Mit 50 Jahren lässt sich Hayek scheiden, um eine wiedergefundene Jugendliebe zu heiraten. Dadurch vereinsamt er in England noch stärker. Hayek zieht nach Chicago, wo er eine glanzlose Professur erhält. Mit dem dort lehrenden Mont-Pèlerin-Kollegen Milton Friedman liegt er über Kreuz, weil ihm der makroökonomische Ansatz von dessen Monetarismus missfällt.

Ab 1962 lehrt Hayek in Freiburg im Breisgau, wo der Zeitgeist zwar auch nicht kongenial ist, doch immerhin der Genius loci von Euckens Ordoliberalismus (Freiburger Schule). Der Wechsel nach Salzburg 1968 ist ein Fehler, doch der Nobelpreis dynamisiert: Hayek, materieller Sorgen endlich ledig, sucht die Öffentlichkeit, reist, hält Vorträge, schreibt Kommentare, wird zur intellektuellen Reizfigur.

Schliesslich kehrt er ins Badische zurück, wo er 1992 stirbt. Dem Sozialistenschreck ist es also noch vergönnt, den Zusammenbruch des Ostblocks zu erleben. Václav Klaus, nach der Wende Ministerpräsident und später Präsident von Tschechien, bezeichnet sich übrigens als Hayek-Anhänger.

Ist Hayek heute abermals passé? Kaum. Gerade die Staatsschuldenkrise, die an die Finanz- und Wirtschaftskrise anschloss, zeigt doch, «dass Regierungen nicht alles können», wie die Hayek-Biografin Karen Ilse Horn schreibt. Der amerikanische «Austrian» Richard M. Ebeling sagt es so: «Wir brauchen puritanische Ökonomen wie Hayek, um vor der künftigen Strafe für ausgabefrohe Politik zu warnen und um uns über dem Höllenfeuer von deren langfristigen Folgen baumeln zu lassen.»

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Ein Kommentar zu «Philosoph der Freiheit»

  • Markus Saurer sagt: 17.09.2013 – 17:04 Uhr

    Vielen Dank. Ausgezeichneter Beitrag!