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«Pictet setzt auf Europa und baut Personalbestand aus»

Managing Partner Marc Pictet vertritt die junge Generation in der Führung der Genfer Privatbank. In seinem ersten grossen Interview skizziert er die Strategie des Hauses.

Hanspeter Frey und Monica Hegglin

Während andere Banken personell abspecken, steuert das Genfer Traditionshaus Pictet unverändert auf Wachstumskurs. Vorangetrieben werden Know-how und Qualität, wie Managing Partner Marc Pictet im Gespräch erklärt. Das Traditionshaus mit verwalteten Vermögen von 400 Mrd. Fr. sieht den Umbrauch in der Schweizer Bankbranche nicht als Hindernis, sondern als Chance zur Erweiterung und zur Festigung der langfristigen Kundenbindung. Respekt, Servicequalität und Performance sind für den vierzigjährigen Marc Pictet der Schlüssel dazu.

Herr Pictet, im Raum Zürich wird viel diskutiert und auch geklagt über das härter werdende Vermögensverwaltungsgeschäft und die unvermeidliche Konsolidierung der Branche. Aus Genf hört man wenig, oder trügt der Eindruck?

Wenn Sie Skandale meinen – Libor, Devisenkursmanipulation –, so betrifft das die grossen Namen. Im Private Banking hat in Genf die Änderung der Rechtsform der hiesigen Banken inklusive Pictet für Schlagzeilen gesorgt, allerdings nicht negative. Es ist ein grosser Wurf, der uns auch dieses Jahr beschäftigen wird. Was Steuerfragen und Regulierung angeht, also das ganze rechtliche und fiskalische Umfeld, so unterstehen wir den gleichen Sachzwängen wie alle Banken der Schweiz. Wenn man von uns weniger hört, hängt das vielleicht mit der traditionellen Zurückhaltung der Genfer Privatbankiers zusammen. Am Finanzplatz Genf herrscht allgemein weniger Lärm vor.

Eine Kommanditgesellschaft auf Aktien oder KGaA, wie Pictet neu eine ist, hat die Merkmale einer Personengesellschaft, gilt aber als Kapitalgesellschaft. Die Partner haften nicht mehr unbeschränkt mit dem eigenen Vermögen. Liegt darin das Motiv für die veränderte Rechtsform?
Nein, der Prozess hat schon vor vielen Jahren begonnen, als von der geplanten neuen Regulierung mit verschärftem Anlegerschutz noch nicht die Rede war. Wir haben lange nach der perfekten Struktur für die Bank gesucht. Eine reine Aktiengesellschaft zu schaffen, war nie ein Thema, weil es bei Pictet ein eisernes Prinzip gibt: Führung und Eigentum sind identisch, das ist ein grundlegender Teil unseres Geschäftsverständnisses. Deshalb ist die Kommanditgesellschaft die richtige Lösung.

Ist es aus heutiger Sicht, im schwieriger gewordenen Umfeld, ein defensiver Schritt oder ein offensiver?
Es ist ein logischer Schritt. Pictet ist all die Jahre stark gewachsen. In den Achtzigerjahren hatte sich unser Asset Management vervierfacht, in den Neunzigern und den letzten zehn Jahren hat es sich je verdoppelt – nie über Akquisitionen, sondern immer organisch. Wir sind an 26 Standorten und in drei verschiedenen Geschäftsfeldern vertreten: dem Asset Management, dem Wealth Management und dem Asset Servicing. Allein dieses Jahr schaffen wir 200 neue Arbeitsplätze, die Beschäftigtenzahl wird auf über 3600 steigen. Damit will ich zeigen: Es bewegt sich etwas. Die alte Form der Partnerschaft war zu eng geworden.

Aber die Haftungsfrage spielt mit?
Jetzt sind alle Betriebs- als Aktiengesellschaften organisiert, auch Pictet Schweiz, also alle operativen Tätigkeiten, nachdem es die ausländischen Teile schon vorher waren. Mit der Kommanditgesellschaft auf Aktien auf Gruppenstufe können wir Manager und Inhaber sein, wie es der Familientradition entspricht. Und die neue Form genügt den Anforderungen der Compliance, mit Einblick und Kontrolle auch von aussen, via Verwaltungsrat und Aufsichtsorgane mit ihren externen Mitgliedern. Davon profitieren alle, Besitzer, Mitarbeitende und Kunden. Es ging nicht darum, die Partner finanziell abzusichern. In der ersten Sitzung in diesem Jahr haben wir festgestellt, wie wertvoll der gegenseitige Austausch ist.

Wie viele Familienmitglieder sind in der Bank aktiv?
Es gibt zwei Pictets, Nicolas und mich, sowie andere Familien, die seit Generationen beteiligt sind, zum Beispiel die Familie von Seniorpartner Jacques de Saussure und die Familie Demole. Mit der neuen Rechtsform bleibt die Tradition des Familienunternehmens intakt, und es wird vermieden, dass alles an einer Generation oder an einem einzigen Familienstamm hängt. Wir führen das Unternehmen im Kollektiv, wichtige Entscheide werden einstimmig gefällt, und dabei bleibt es.

Bisher ist Pictet organisch gewachsen. Ist in der neuen Form jetzt auch mit Akquisitionen zu rechnen?
Es gibt gute Gründe, weshalb wir stets organisch gewachsen sind. Wir sind überzeugt, dass wir die richtige Technologie und das richtige Know-how haben. Eine Akquisition würde zwar Assets bringen, aber zusätzlich eine Infrastruktur, woran wir nicht interessiert sind. Unser Ziel ist es, gute Leute einzustellen, was uns auch gelingt.

Wo liegt der Schwerpunkt des Wachstums, im Ausland oder in der Schweiz?
Die neue Regulierung bedingt einen starken Ausbau des Risikomanagements, der Compliance, des Rechts- und Steuersektors. Dem tragen wir organisatorisch und personell Rechnung.

Das bringt noch keine Rendite.
Aber es ist wie allgemein in der Branche eine Investition, die hilft, Kosten zu sparen, indem sie Unregelmässigkeiten, die nicht sein dürften, für die aber immer ein Restrisiko besteht, auf das Minimum reduziert. Der mit Abstand grösste Teil der personellen Verstärkung betrifft jedoch das Kundengeschäft. Vor wenigen Wochen haben wir ein Büro in München eröffnet. Der Fokus Europa ist uns wichtig, Europa hat Potenzial und wird wieder wachsen. Wenn andere meinen, Deutschland sei strategisch nicht mehr wichtig, denken wir umgekehrt. Auch im Asset Management, in London, Genf und Zürich, bauen wir weitere Kompetenz auf.

Welche Chancen hat Pictet gegenüber den grossen Playern, BlackRock etwa, die auch nicht stillstehen?
Unabhängig davon, was andere tun – und die meisten machen es gut –, konzentrieren wir uns auf Qualität, auf erstklassigen Service und selbstverständlich auf Performance, in allen drei Geschäftsfeldern. Wir wollen weiterhin ein aktiver Vermögensverwalter sein und dazu unser Know-how stetig verbessern, so auf dem Gebiet der Emerging Markets, mit den Themenfonds und generell in Nischen.

Themenfonds haben eine grosse Tradition bei Pictet. Wo sehen Sie die neuen Themen?
Die Idee der Themenfonds entstand in den Neunzigerjahren, und in dieser Tradition geht es weiter. Die Themen müssen nachhaltig sein, Wasser, Premium-Marken, der demografische Wandel sind noch so aktuell wie zur Gründung der Fonds und haben weiterhin gute Aussichten. Das gilt ebenso für Wald- und Holzwirtschaft und andere Themen, wovon wir heute eine breite Palette abecken: Nachdem es am Anfang Nischenprodukte primär für Privatanleger waren, interessieren sich mehr und mehr auch institutionelle Anlege dafür – Sicherheit, Clean Energy usw. Vielfach drängen die Endkunden beispielsweise von Versicherern auf Nachhaltigkeit, und die Institutionellen müssen diesem Bedürfnis entsprechen.

Früh hat sich Ihre Bank in der Schweiz den Schwellenländern als Anlagethema zugewandt. Wie beurteilen Sie die Aussichten der Emerging Markets heute?
Der Boom konnte nicht ewig weitergehen, und dass sich verschiedene Länder mit der strukturellen Entwicklung und der Modernisierung schwerer tun als andere, ist ebenso selbstverständlich. Aber man darf nicht dramatisieren. Die Öffnung in China wird weitergehen; in Asien generell, der Region mit den stärksten Wachstumskräften, bleibt die Dynamik grundsätzlich erhalten. Wer antizyklisch investiert, ob an den Vermögensmärkten oder strategisch in Unternehmen, nutzt die Chance und ist sich bewusst, dass es dafür unter Umständen einen langen Atem braucht. Wir rücken von der Favorisierung der Emerging Markets nicht ab. Genauso sind wir, wie gesagt, zuversichtlich für Europa, eine weitere strategische Ausrichtung von Pictet, in allen drei Geschäftsfeldern.

Mit der Asset-Management-Initiative Schweiz will die Finanzbranche Terrain zurückgewinnen. Kann und wird das Asset Management das Anlagegeschäft in Zukunft stärken, also auch das Private Banking, wo die Schweiz globaler Leader ist?
Wenn ich als Beispiel wieder Pictet nehmen darf: Wir verwalten über 400 Mrd. Fr. an Kundenvermögen, davon die Hälfte Private Banking, inklusive grosser Familienvermögen, die andere Hälfte betrifft das Asset Management. Der Mix stimmt so für uns. Was das Asset Management, also das institutionelle Geschäft, in der Schweiz braucht, um vom Fleck zu kommen, sind eine Vision, Zeit, Engagement und finanzielle Mittel. Dass das nötige Engagement vorhanden ist, wage ich zu bezweifeln. Es ziehen längst nicht alle Banken mit. Doch ich spreche lieber über Pictet: Wir hatten vor über vierzig Jahren entschieden, dass Asset Management für uns wichtig ist. Heute teilen andere diese Sicht, und sie wissen wie wir, dass es enorm viel Zeit benötigt, um das Geschäft zur Entwicklung zu bringen. Auch da muss man Nischen finden, wo sich Mehrwert schaffen lässt. Sind sie lokalisiert, braucht es Kompetenz, und die muss man am Markt finden und kaufen. Nur zu sagen, das Private Banking in der Schweiz ist wichtig, wir wollen aber auch das Asset Management stärken, genügt nicht. Bemerkungen wie «die Regulatoren helfen uns nicht» oder «das Umfeld ist schlecht» sind Ausflüchte. Wir haben 700 Investmentspezialisten in unserem Asset Management, davon gut die Hälfte in Genf und Zürich. Wenn man will, ist es möglich, auch in der Schweiz.

Wird in fünf oder mehr Jahren das Verhältnis zwischen der Schweiz und London immer noch fünfzig zu fünfzig sein, und wenn nein, welche Seite kommt mehr zum Zug?
Es gibt keinen Plan, wo die Asset-Manager in fünf Jahren arbeiten sollen. Sicher ist hingegen eines: dass wir in fünf Jahren mehr Mitarbeiter in Asien haben werden als heute. Mit Niederlassungen in Singapur und in Hongkong, die auch Asset Management betreiben, sind die Voraussetzungen für weiteres kräftiges Wachstum geschaffen. Und noch eine Bemerkung zur Schweiz: Das Private Banking ist, wie wir alle wissen, sehr bedeutend. Doch wenn die Branche personellen Bedarf hat, beispielsweise im Fondsmanagement, fragt sie selten, was das eigene Land bietet, sondern man schaut sich sehr schnell in London und in New York um und unterschätzt die Kapazität und das Know-how im Inland.

Ergänzen sich Private Banking und Asset Management?
Man kann durchaus nur im Private Banking aktiv sein und Erfolg haben. Wir sind der Meinung, dass es gerade in der neuen Welt mit verschärfter Regulierung, vermehrten länderspezifischen Anforderungen und massgeschneiderten Kundenlösungen von Vorteil ist, wenn man Asset Management und Wealth Management betreibt. Grosse Familien sagen: Wir brauchen euch als Depotbank, für die Asset Allocation, und sucht die besten Produkte am Markt.

Besteht nicht die Gefahr von Interessenkonflikten, dass man die hauseigenen Produkte bevorteilt?
Weil es diese Gefahr gibt, muss man sicherstellen, dass sie gar nicht aufkommt, mit strikter Aufgabentrennung und -kontrolle. Wettbewerbsfähig ist nur, wer seine Produkte extern verkaufen kann. Der Markt fällt das Urteil, und wenn sich Pictet-Produkte als Best in Class erweisen, muss man sie auch inhouse in Betracht ziehen, jedoch nur dann. Wenn wir Portfolios von neuen Kunden betrachten, stellen wir nicht selten fest, dass der Anteil der Eigenprodukte des früheren Hauses 80% oder mehr ausmacht. Das hat mit der viel gerühmten Open Architecture nichts zu tun und ist auch für den Finanzplatz nicht förderlich.

Bei der Umsetzung der Weissgeldstrategie setzen verschiedene Banken ausländische Kunden, vorab aus den USA und aus Deutschland, rigoros vor die Tür. Pictet hat viele Kunden in Frankreich. Was ist Ihre Strategie, wie geht es im grenzüberschreitenden Geschäft weiter?
Wir respektieren, was Branchenkollegen machen, aber noch mehr respektieren wir unsere Kunden, ob off- oder onshore. Ob sich jemand für ein Depot in Paris, in Frankfurt, München oder Genf entscheidet, spielt keine Rolle. Ausländern mit Altlasten empfehlen wir mit Nachdruck die Legalisierung und begleiten und betreuen sie dabei. Wie das Beispiel Spanien zeigt, wo es 2012 zu einer Lösung in Form einer Fiskalamnestie kam, ist es eine Win-Win-Situation: Fiskus, Kunde, Bank und Finanzplatz profitieren. Eine ähnliche Lösung könnte man sich für Frankreich vorstellen. Mit der neuen französischen Regierung unter Premier Manuel Vals kehrt womöglich etwas mehr Pragmatismus und Unternehmertum ein.

In der Schweiz kommt demnächst das geplante Finanzdienstleistungsgesetz, Fidleg, in die Vernehmlassung. Was wünschen Sie sich vom Gesetzgeber, wie sähe die ideale Regulierung aus?
Obschon kritisch, bin ich nicht einer, der über den Regulator schimpft. Banken haben Fehler gemacht, und vielleicht kommen nach Libor und Devisenkursmanipulation noch mehr Skandale zum Vorschein. Da darf man sich nachher nicht über strengere Gesetze beklagen. Wichtig ist, dass man sein Haus in Ordnung hält. Und wenn Sie nach einem Wunsch fragen, so wäre es der, dass man die unterschiedlichen Interessen – von Privatbanken, den grossen Universalinstituten, den Kantonalbanken, den unabhängigen Vermögensverwaltern – irgendwie unter einen Hut bringt, ein gemeinsames Ziel definiert. Dann könnte man eine Strategie festlegen und sie gegen aussen vertreten, zum Wohl des Finanzplatzes, der Wirtschaft und des gesamtes Landes.