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Pierin Vincenz lässt Allfinanzidee aufleben

Der CEO von Raiffeisen und designierte Chef der Helvetia Versicherung plädierte am Finanz und Wirtschaft Forum «Fintech 2015» dafür, sich mit Blick auf die Digitalisierung erneut Gedanken über das Allfinanzthema zu machen.

Am Finanz und Wirtschaft Forum «Fintech 2015 – Innovation in Finance» am Mittwoch standen die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Bankgeschäft im Mittelpunkt.

Welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das Schweizer Retail Banking hat, diskutierten unter der Leitung von Mark Dittli, Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft», Pierin Vincenz, CEO von Raiffeisen, Hanspeter Rhyner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Glarner Kantonalbank (GLKBN 31.6 0%), Stephan Wick, Mitglied der Geschäftsleitung der Migros Bank, und Herbert Kumbartzki, Geschäftsleitungsmitglied der Basellandschaftlichen Kantonalbank.

Allfinanz II dank Digitalisierung?

Die Digitalisierung tangiert nicht alle Bereiche im gleichen Ausmass. «Im Zahlungsverkehr werden wir angegriffen. Aber im klassischen Bankgeschäft, wo es um Vertrauen geht, sind wir bei Raiffeisen nicht verletzlich», ist Pierin Vincenz überzeugt.

Aber jetzt muss die Branche Content liefern und kreativ sein: «Ich würde auch wieder einmal überlegen, das Versicherungs- und das Bankgeschäft näher zueinander zu führen», empfiehlt Pierin Vincenz. Ursprünglich sei es bei der Allfinanzidee um die Vertriebsnetze und die Vertriebskosten gegangen. «Wenn man davon ausgeht, dass das Tiefzinsumfeld noch fünf oder zehn Jahre bleibt, ist es auch interessant, die Bilanzen von Banken und Versicherungen zusammenzuführen», sagte Vincenz.

Die Aussage ist nicht ohne Brisanz, übernimmt der heutige CEO Anfang Juni doch das Präsidium der Versicherungsgesellschaft Helvetia (HELN 138.8 -1.14%). Könnte Helvetia also mit einer Bank zusammengehen? «Ich spreche hier nicht von Raiffeisen und Helvetia», präzisierte Pierin Vincenz. «Wenn das Tiefzinsumfeld bleibt, haben Versicherungen grundsätzlich ein zunehmendes Problem mit den langen Laufzeiten.»

«Digitalisierung sehen wir als grosse Chance»

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der Druck zur Digitalisierung nicht von den Kunden kommt. «Die Nachfrage der Kunden nach mehr Digitalisierung spüren wir nicht», sagte Herbert Kumbartzki von der Basellandschaftlichen Kantonalbank. Dem pflichtet Stephan Wick von der Migros Bank bei: «Von Kunden ist in dieser Hinsicht kein grosser Druck vorhanden.»

«Wir haben schon vor Jahren den strategischen Entscheid gefällt, nicht Leader in der technologischen Entwicklung zu sein», sagte dazu Pierin Vincenz. Dennoch habe Raiffeisen mit der Gründung von Arizon und Raitec Lab ein klares Zeichen gesetzt, dass sie vorne mit dabei sein will – aber nicht überall und um jeden Preis: «Vor fünf Jahren diskutierten wir, eine Direktbank aufzubauen. Wir haben uns dagegen entschieden: Weshalb sollen wir uns selbst konkurrenzieren?», führte Vincenz aus.

Ganz bewusst eine andere Strategie eingeschlagen hat die Glarner Kantonalbank. «Als Bank in einem kleinen Kanton mit vielen Wettbewerbern hatten wir Handlungsbedarf. Die Digitalisierung von Bankdienstleistungen sehen wir als grosse Chance», erläuterte Hanspeter Rhyner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Glarner KB.

Online-Geschäft mit Anteil von 50%

Dieses Geschäft läuft gut, wie er präzisierte: «Bei den Neuhypotheken hat das Online-Geschäft einen Anteil von 50%. 90% dieser Online-Hypotheken stammen von ausserhalb des Kantons.» Und Herbert Kumbartzki ist überzeugt: «Wenn man das Pricing richtig macht, hält sich die Kannibalisierung in Grenzen.»

Für ihn ist klar, dass die kleinen Banken zu Drive und Innovation gezwungen sind. «Wir sind als Kantonalbank auf unser Gebiet verpflichtet. Die Digitalisierung muss Auswirkungen auf die Gewinnrechnung haben. Das Crowdfunding soll dazu beitragen, dass der Kommissionsertrag gegenüber dem Zinsertrag an Bedeutung gewinnt», sagte Herbert Kumbartzki

«Digitalisierung findet im Anlagegeschäft statt»

Raiffeisen sieht sich in einer komfortablen Position: «In der digitalen Welt haben wir eine Community von 4 Mio. Kunden und 2 Mio. Eigentümern. Für einen Event können wir 1,5 Mio. Personen bewegen», erläuterte Pierin Vincenz. Diese Community müsse Raiffeisen hegen und pflegen. «Neues kann man als grosses Institut relativ schnell einkaufen. Wir wollen jedoch auch die interne Innovationskultur hochhalten.»

Für Stephan Wick ist klar: «Die Digitalisierung findet nicht im Bilanzgeschäft, sondern im Anlagegeschäft statt. Da kann man mit wenig Geld viel machen. Da sehe ich die grösste Konkurrenz, dort ist man am meisten gefährdet», erläuterte er. Für ihn ist entscheidend, dass eine Bank schnell reagieren kann. «Eine Bank muss in der Geschäftsleitung die Kompetenz haben, digitale Strategien zu entwickeln.» Der grösste Einflussfaktor sei, welche Leute die Bank führen. «Wir haben kein institutionalisiertes Innovationsmanagement, aber wir nehmen uns in der Geschäftsleitung die Zeit dafür», führte er aus.

Und in zehn Jahren?

Gefragt, wie sich das Schweizer Retail Banking in zehn Jahren präsentieren wird, gaben die Podiumsteilnehmer differenziert Antwort. «Im Online-Bereich werden Crowdfunding und Peer to Peer Lending zum Standard gehören. Aber die klassische Bankfiliale wird es nach wie vor geben für Kunden, die die persönliche Beratung wollen», ist Hanspeter Rhyner überzeugt.

«Wir werden viel mehr von unseren Kunden wissen. Die physischen Stützpunkte werden wir behalten, aber sie werden ganz anders aussehen», sagte Herbert Kumbartzki. Dem pflichtet Stephan Wick bei: «Die Individualisierung wird sehr stark zunehmen. Das physische Filialnetz wird eine Rolle spielen, aber das Online-Geschäft wird wichtiger sein als heute.»

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist überzeugt, dass Bankprodukte im engeren Sinne bleiben werden, das sei das Grundgeschäft. «Dieses Grundgeschäft wird allerdings erweitert. Unsere Banken werden noch mehr auf die Kundenbedürfnisse eingehen.»

«Dank Leonteq hohe Innovationsvermutung»

Die Digitalisierung erlaube es, den Kunden neue Angebote zur Verfügung zu stellen. «Die Digitalisierung hat jedoch auch die Folge, dass neue Mitspieler in den Markt kommen», sagte der Raiffeisen-CEO. Das werde dazu führen, dass Markennamen im Banking an Bedeutung gewinnen. «Für welche Werte eine Bank steht, wird noch viel wichtiger.»

Die Herausforderung von Raiffeisen sei es, den starken Markennamen in die digitale Welt zu transportieren. «Dank unserer 25%-Beteiligung an der in der Schweiz aufgebauten Technologieplattform Leonteq (LEON 34.02 0.53%) haben wir eine hohe Innovationsvermutung geschaffen, die zusammen mit unserer Substanzvermutung eine ideale Mischung darstellt», ist Pierin Vincenz überzeugt.

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