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Pleite-Unternehmen im Angebot

Börsenmäntel sollten rasch dekotiert werden – sie erweisen der Anlageform Aktie keinen guten Dienst.

Dietegen Müller, Frankfurt

Börsenmäntel sind perfekt geeignet, undurchsichtige Transaktionen abzuwickeln. Dies bestätigen nicht nur Spezialisten für die Nachverfolgung von Vermögenswerten und Betrugsbekämpfung. Dies lässt sich auch aus eigener Anschauung ableiten. Über Börsenhüllen lassen sich Beteiligungen an argentinischem Ackerland oder Regenwald im Amazonas verschieben, Ölmühlen in Afrika oder Solarfabriken in Spanien und im Wallis, oder Elektroautos bauen oder zumindest ankündigen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Gegen die Ausgabe neuer Aktien lassen sich Forderungen aus anderen Hüllen gegenrechnen, es gibt Reverse Splits und Reverse Takeovers, bei Transaktionen kann die Differenz des Kaufpreises zum Nominalwert der Aktie als Kapitalrücklage bilanziert werden, und dies alles unter der Reputation, die eine kotierte Gesellschaft hat – denn schliesslich musste eine Zulassung zum Handel erteilt werden, weshalb schon die Kotierung an sich einen Wert hat und gewisse Glaubwürdigkeit bringt.

Der ökonomische Mehrwert solcher Transaktionen? Aus Sicht unbeteiligter Investoren besteht er meist in der Ankündigung von Millioneninvestitionen bis in den dreistelligen Bereich, die sich im Nichts auflösen. Beliebte Branchen: erneuerbare Energie, Biotech, IT, Telekommunikation. Wer als Investor fungiert, welche Technologie verwendet werden soll, warum die Projekte nicht erfüllt werden, bleibt im Dunkeln – «politische Gründe», «Geheimhaltung» sprechen dagegen, und so schnell, wie die Projekte aufgetaucht sind, verschwinden sie oft wieder.

Frankfurt macht dicht

Aber es bleiben Spuren zurück. An der Börse in Frankfurt haben sich über die Jahre  Hunderte solcher Gesellschaften angesammelt, viele im Freiverkehr – vor allem im First Quotation Board, wo minimalste Transparenzpflichten galten. Nachdem sich Berichte über Kursmanipulationen und Ungereimtheiten häuften und das Bundeskriminalamt von mafiösen Strukturen sprach, hat die Deutsche Börse (DB1 125.2 -0.24%) Konsequenzen gezogen – das Board wird per 15. Dezember geschlossen, Hunderte Aktien sollen dekotiert werden.

Auch an der Schweizer Börse gibt es solche Hüllen. Selbst Aktien von Unternehmen, die aufgelöst worden sind, können gehandelt werden. Etwa die Valoren des Elektroautoherstellers Mindset, obwohl das Bezirksgericht Höfe das Konkursverfahren im Schnelldurchgang per 15. Oktober «mangels Aktiven» eingestellt hat. Am Donnerstag etwa waren im Orderbuch etwa vierzehn Kaufaufträge über total gut 940 000 Stück zu sehen. Das ist beträchtlich – das Aktienkapital von Mindset beläuft sich auf gut 4,1 Mio. Stück. Zum Zeitpunk des Konkurses soll der Streubesitz um 10% betragen haben – wer stellt aber auf der Geldseite für fast 20% Aufträge ein? Auf der Briefseite beträgt das Volumen insgesamt noch etwa 300 000 Stück. Jeden Tag werden seit der Konkursankündigung Ende September einige tausend, bisweilen hunderttausend Stück gehandelt, in Summe kommen etwa 2 Mio. Stück zusammen – und dabei ist der enorme Umsatz am Tag der Konkursankündigung von 1 Mio. Stück noch ausgenommen. Wer hat hier verkauft und gekauft? Aus dem Streubesitz kann dies wohl nicht gekommen sein.

Eine weitere Frage bleibt offen: Mindset war 2010 mit dem US-Investor GEM Group eine Eigenkapitalzusage eingegangen. GEM hatte sich verpflichtet, Mindset-Aktien gegen die Gewährung eines Kredits an Mindset zu übernehmen – und Mindset hat daraus für rund  1 Mio. Fr. Kredit gezogen. Grob überschlagen dürften dabei rund 0,2 bis 0,3 Mio. Stück die Hand gewechselt haben. In welchen Büchern sind diese Aktien am Ende gelandet, werden sie wertberichtigt, wer trägt den Verlust?

Die gleiche Frage lässt sich auch bei Mondobiotech stellen, die ebenfalls eine Eigenkapitalzusage von GEM erhalten hat. Mondobiotech ist überschuldet – und trotzdem finden sich im Orderbuch auf der Geldseite Aufträge über 1,7 Mio. Stück, auf der Briefseite über fast 2,1 Mio. Stück – bei 69 Mio. ausstehenden Aktien liegen diese Werte aber anteilsmässig deutlich unter denen von Mindset.

Bis zur Dekotierung dauert es

Die Schweizer Börse SIX erklärt auf Anfrage, eine Dekotierung diene dem Anlegerschutz, der sei aber bei Mindset nicht in Gefahr, da bekannt ist, dass die Gesellschaft in Konkurs ist. Wann die Kotierung aufgehoben ist, konnte die SIX nicht sagen. Einen Anhaltspunkt gibt der Fall von Global Natural Resources Holding – die aus dem Mantel des gescheiterten Internet-Unternehmens Pragmatica hervorging. Das Regulatory Board der SIX hatte den letzten Handelstag auf den 16. September 2011 festgesetzt, über die Gesellschaft, die aus Abfall Energie erzeugen wollte, wurde vom Bezirksgericht Zürich am 7. April 2011 der Konkurs eröffnet. Vorsitzender der Geschäftsführung war der ehemalige Fiat-Finanzchef Clemente Signoroni, gegen den in den Neunzigerjahren wegen Verdachts auf  Bestechungszahlungen an Politiker ermittelt wurde. Die Zahlungen sollen über Schweizer Konten geflossen sein. Auch mit Global Natural Resources Holding hatte der US-Investor GEM eine Kreditzusage gegen Ausgabe von Aktien abgeschlossen und  Titel übernommen.

Auch ein anderer Schweizer Pleitier kann weiter über die Börse gekauft werden. So sind die Titel der Gesellschaft Genesis Invest im First Quotation Board in Frankfurt noch handelbar. Die Baader Bank erklärte als Skontroführer, sie sei verpflichtet, den Handel aufrechtzuerhalten. Über Genesis Invest hat das Bezirksgericht Horgen am 5. September den Konkurs eröffnet, die Gesellschaft ist aufgelöst. Ende 2010 hat die deutsche Finanzaufsicht BaFin wegen Verdachts auf Marktmanipulation Anzeige erstattet. Aufsehen erregte Genesis vergangenes Jahr mit dem Projekt, in Raron (Wallis) für 108 Mio. Fr. eine Solarmodulfabrik zu bauen – in einem Jahr, wo die Solarmodulhersteller fast ausnahmslos schon in einer tiefen Krise waren. Die Fabrik ist nie gebaut worden.

Genesis Solartec soll nun aufgelöst und in eine Gesellschaft namens Triple Green integriert worden sein. Im Impressum wird Triple Green als eine Beteiligungsgesellschaft beschrieben, deren Zielpublikum in der Schweiz wohnhafte Personen sind, die gemäss Kollektivanlagengesetz (KAG) als qualifizierte Anleger gelten. Im Board sitzt unter anderem der Anwalt Sabino de Bonis aus Siena. Die Gesellschaft selbst ist in London domiziliert, die Internet-Domain wurde aber von einem deutschen Anwalt, der auf Insolvenzrecht spezialisiert ist, registriert. Triple Green wirbt bereits um neue Projekte.

Damit die Aktie als seriöse Anlageform nicht in schlechtes Licht gerät, wäre es wünschenswert, solche Hüllen möglichst zügig zu dekotieren. Noch besser wäre es aber, solche Gesellschaften gar nicht erst zuzulassen – und auch bei Corporate Actions genauer hinzusehen.