Meinungen

Popstar Merkel

Die deutsche Kanzlerin macht Wahlkampf mit den Themen der Opposition. Das ist Popkultur: stets übernehmen, was anders ist. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«So haben die liberalen oder konservativen Schichten in der deutschen Gesellschaft die ‹Wahl› zwischen dem Nichts und dem Unerwünschten.»

Deutschland findet den Superstar: Kanzlerin Angela Merkel, die Politik in Pop umwandelt. Wie das? Indem sie sich alles einverleibt – und dessen Gegenteil dazu. Gegenwärtig sagt sie den Opfern der Fluten in Süd und Ost finanzielle Hilfe zu (schön, das muss sie wohl, schliesslich hat das Schröder, gummibestiefelt, einst wahlwirksam auch getan). Der ganzen Republik aber verheisst sie, mit festem Blick auf abermalige Amtseidabstattung, ein Füllhorn an Bestechungsgeldern: allerlei Wohlfahrtsgoodies, die gemäss öffentlichrechtlichen Fernsehkanälen der «Staat» bezahlen werde.

Wer rechnen kann, weiss es besser: Das Schmiergeld – die Rede ist im vorliegenden Fall von gegen 30 Mrd. € – wird den Bürgern selbst entwendet, deren Kindern und Kindeskindern. Dass die kollektive Unvernunft von Wählern und zu Wählenden so funktioniert, ist nicht neu. Das fast schon Bewundernswerte an Merkel ist aber die Kaltschnäuzigkeit, mit der sie aus der Union, einer einst halbwegs bürgerlichen Partei, eine Art Sozialdemokratie mit Bausparvertrag macht.

Das System Merkel ist wie der moderne Kunstbetrieb: Neue Trends werden zunächst vielleicht geächtet, zieren jedoch bald schon als unbezahlbare Exponate jedes bessere Museum. So war Punk – dem Vernehmen nach Musik plus Mode – zu Beginn ein Schock, dann chic. Was auch immer sich vom gerade Gängigen leicht unterscheidet, sich vielleicht gar aus Protest davon abheben will, wird vom gefrässigen Monstrum Popkultur, dem nichts und niemand entkommt, alsbald eingesogen und zu Mainstream verdaut.

Breitspurig, nicht wendig

So wie der Kunstbegriff dauernd erweitert wird und alle Widersprüche fortlaufend plattwalzt, so wertet Merkel konsequent alles um, wogegen ihre Partei einst antrat. Die Kanzlerin ist eben gerade nicht wendig, sondern vielmehr breitspurig. Sie vertritt sowohl These wie Antithese, etwa, indem sie anderen deutsche Sparsamkeit nahelegt und sich zu Hause als Prasserin auf Pump anbiedert.

Grüne, Hell- und Dunkelrote dagegen sind gemessen an der Patin hoffnungslos vormodern: Während Merkel linke Postulate freundlich übernimmt, wagen sich SPD & Co. aus immerhin parareligiösen Skrupeln noch nicht so recht, die massentauglicheren Positionen der (als solcher kaum noch erkennbaren) Gegenseite als die immer schon eigenen anzupreisen.

Eine Unwahl steht bevor

So haben, falls überlebend, die liberalen oder konservativen Schichten in der deutschen Gesellschaft die «Wahl» zwischen dem Nichts und dem Unerwünschten (ihr Trost: andernorts werden gerichtsnotorische Clowns gewählt). Allenfalls gäbe es noch die reichlich fahrige FDP anzukreuzen, oder die neue euroskeptische «Alternative für Deutschland». Es dürfte jedoch niemanden verwundern, wenn Merkel auch hier die Synthese schaffte, indem sie vor dem Wahltermin am 22. September ihre üblichen Glaubensbekenntnisse zu Europa mit einigen Vorbehalten abschmecken würde.

Das also heisst in letzter Konsequenz Popkultur in der Politik: totale Beliebigkeit. Was eben nicht frisch und frei bedeutet, sondern ungehemmt spiessig. So wie mit schier unbegrenzter Zahl an Fernsehkanälen die Programme nicht viel-, sondern einfältiger werden.

Das Fortschreiten der Popkultur dürfte sich dereinst darin manifestieren, dass unter viel Klamauk zwischen Nichts und Nichts gewählt werden darf. Wie bei «Deutschland sucht den Superstar».

Leser-Kommentare

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Peter Duschet 04.06.2013 - 17:32
Ich habe vergessen, wer es gesagt hat: “Notwendige Dinge sind in Europa derzeit nicht mehrheitsfähig.” Das führt dazu, dass man nur mehr die Wahl hat zwischen Parteien, die glauben, dass das Falsche richtig ist und Parteien, die ein bisschen so tun, als würden sie auch das Falsche wollen, überwiegend jedoch das Richtige verfolgen. Wir können nur hoffen, dass diese Spiegelfechterei… Weiterlesen »