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Home Office? Darf gerne bleiben!

Mathias Binswanger

Schluss mit Rushhour? Morgendliches Pendeln wird als besonders unglücklich machende Aktivität eingestuft.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Was lernen wir aus der Pandemie? «Nichts» war die Antwort des Schriftstellers Peter Bichsel in einem kürzlich erschienenen Interview. Damit hat er im Wesentlichen recht. Doch etwas Wichtiges haben wir trotzdem gelernt: Arbeiten im Homeoffice funktioniert bei vielen Berufen gut und häufig sogar besser als im Büro. Nicht nur deshalb, weil das häufig anzutreffende Grossraumbüro ein denkbar schlechter Ort ist, um zu denken oder kreativ zu arbeiten. Man gewinnt auch räumliche und zeitliche Flexibilität, um zu der Zeit an dem Ort zu arbeiten, wo es individuell am besten passt. Und das lästige Pendeln zu Arbeit fällt weg.

Der traditionelle Arbeitsalltag wurde schon vor Corona von vielen Menschen als zunehmend absurd empfunden. Obwohl das bei vielen Berufen nicht mehr notwendig war, arbeitete die Mehrheit der Arbeitnehmer weiterhin zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Also (ALSN 281.00 +0.36%) setzte sich von Montag bis Freitag jeden Morgen eine gewaltige Menschenkarawane in überfüllten Transportmitteln und auf verstopften Strassen in Bewegung, um in städtische Ballungszentren zu gelangen. Und am Abend, nach Ablauf der Arbeitszeit, setzten sich wiederum alle diese Menschen gleichzeitig in überfüllte Züge, Busse oder in ihr eigenes Auto, um schliesslich erschöpft zu Hause anzukommen mit der unangenehmen Gewissheit, dass sich am nächsten Tag die ganze Prozedur wiederholen würde.

Win-win-Situation

Diese Organisation des Arbeitsalltags haben wir aus der Zeit der Industriearbeit übernommen, als tatsächlich alle Arbeiter zur selben Zeit in der Fabrik sein mussten, damit die Produktion funktionierte. Die damit verbundene tägliche Volkswanderung ist heute jedoch in vielen Fällen zu einem Anachronismus geworden. Es ist nicht einzusehen, warum sich alle gleichzeitig in bestimmten Gebäuden aufhalten müssen, in denen dann die Mehrheit den grössten Teil des Tages für sich allein vor dem Computer verbringt. Doch wir scheinen uns von diesem antiquierten Modell eines räumlich zentrierten, simultan stattfindenden Arbeitsalltags nur schwer wieder lösen zu können. Und dies, obwohl der ganze Fortschritt in der Informations- und Computertechnologie bei vielen Jobs längst ein räumlich und zeitlich flexibles Arbeiten ermöglicht hat. Doch weil viele Arbeitnehmer de facto nicht für Leistung, sondern für Anwesenheit in bestimmten Gebäuden bezahlt werden, setzte sich das Homeoffice nur sehr zögerlich durch.

Untersuchungen zeigen auch, dass die Lebenszufriedenheit der Menschen systematisch von der täglich für das Pendeln aufgewendeten Zeit beeinflusst wird, egal ob dieses im Auto oder im öffentlichen Verkehrsmittel stattfindet. Je mehr sie täglich pendeln, umso unzufriedener fühlen sich die Menschen im Durchschnitt. Gleichzeitig weiss man aus anderen Studien, dass Menschen das morgendlichen Pendeln zur Arbeit als besonders unglücklich machende Aktivität empfinden. Mehr Homeoffice führt so letztlich zu einer Win-win-win Situation. Die Lebenszufriedenheit der Menschen erhöht sich, ohne dass die Arbeitsleistung sinkt. Ja, häufig steigt sie sogar, weil die Motivation zur Arbeit besser wird. Die Unternehmen wiederum brauchen viel weniger Bürofläche und sparen damit Geld. Und gleichzeitig lösen sich auf diese Weise die Verkehrsprobleme in vielen Städten, welche durch die Peak-Hours am Morgen und späten Nachmittag verursacht werden.

… und der innere Schweinehund

Die zur Eindämmung des Coronavirus verordneten Lockdowns mit gleichzeitigem Zwang zum Homeoffice hat dieses in kürzester Zeit Teil des Arbeitsalltags werden lassen. Gemäss einer Befragung von Deloitte ist der Anteil der Beschäftigten, die von Zuhause aus arbeiten, während des Lockdown im Frühling auf 50% gestiegen und im Moment dürfte der Prozentsatz sich wieder auf ähnlichem Niveau bewegen.

Ausserdem wartet längst nicht hinter jeder Wohnungstüre Frieden und Glück.

Allerdings hat der verordnete Zwang zum Homeoffice die Menschen längst nicht überall glücklich gemacht. Die Zwangseinweisung in ein Homeoffice sorgt schnell auch für einen unattraktiven Alltag, wo sich physische Aktivität darin erschöpft, zwischen Computer, Küche und Esstisch hin- und herzupendeln. Ausserdem wartet längst nicht hinter jeder Wohnungstüre Frieden und Glück. Und dann kommen noch Kinder, Hunde oder auch der innere Schweinehund, die an der Arbeit hindern.

Was wir deshalb in Zukunft anstreben sollten, ist kein Zwang zum Homeoffice wie jetzt bei Corona. Vielmehr geht es um die Möglichkeit zum Homeoffice. Ist man ein paar Tage nur Zuhause, dann freut man sich wahrscheinlich darüber, wieder einmal ins Büro zu gehen und Kollegen zu treffen. Auch sind nicht alle Menschen gleich. Die einen arbeiten lieber fast ausschliesslich im Homeoffice und andere nur in Ausnahmefällen. Trägt man diesen unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung, dann kann das Homeoffice tatsächlich Lebensqualität und Arbeitszufriedenheit verbessern.