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Prävention gegen Pandemie

Die solide Finanzierung von globalen öffentlichen Gütern wie Impfstoffen und Diagnostika muss eine politische Hinterlassenschaft der Pandemie sein. Ein Kommentar von Jim O’Neill, Sally C. Davies und Jeremy Farrar.

Jim O'Neill, London
«In den Gesundheitssystemen nahezu aller entwickelten Länder sind Instrumente zur Diagnose und zur Risikobewertung unterbewertet und ihr Preis zu niedrig angesetzt.»

Angesichts des sich beschleunigenden Rollout von Covid-19-Impfstoffen haben Regierungen weltweit nun die Chance, sich stärker auf die Zukunft der öffentlichen Gesundheit zu konzentrieren. Sowohl innenpolitisch als auch im Rahmen multilateraler Organisationen wie der G-20, der G-7 und der G-77 sollte ihr Ziel darin bestehen, die Strukturen zu stärken, die sich in der Bewältigung der Pandemie als so unverzichtbar erwiesen haben.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO etwa hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, unterschiedliche Interessen für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren. Durch Zusammenarbeit wie beim bahnbrechenden Access to Covid-19 Tools (ACT) Accelerator haben Regierungen, multilaterale Organisationen, Unternehmen und Philanthropen geholfen, Impfstoffe, Medikamente und Diagnostika in Teile der Welt zu bringen, wo diese fehlen.

Tatsächlich haben wir während der Pandemie ein beispielloses Mass an internationaler, öffentlich-privater und privat-privater Zusammenarbeit erlebt. Als es einen dringenden Bedarf an Apps zur Kontaktverfolgung gab, stellten grosse Technologiekonkurrenten ihre Rivalitäten hintan, um gemeinsam mit den öffentlichen Gesundheitsbehörden an einer Lösung zu arbeiten. Die rasche Entwicklung, Erprobung und Produktion von Impfstoffen war ein branchenübergreifendes Unterfangen, an dem Regierungen, wissenschaftliche Einrichtungen, Start-ups und grosse Pharmaunternehmen beteiligt waren. Das Gleiche gilt für die Zusammenführung von Daten und die Erkrankungsprognostik, in die Wissenschaft, Technologiesektor und staatliche Behörden eingebunden waren.

Alte Gewohnheiten durchbrechen

Indem man herkömmliche bürokratische und sektorale Silos ignorierte, wurden beeindruckende Resultate erreicht, die uns anspornen sollten, uns im Bereich der globalen öffentlichen Gesundheit anspruchsvollere Ziele zu setzen. Einen universellen, gerechten und bezahlbaren Zugriff auf eine gute Krankenversorgung sicherzustellen, ist für langfristigen Wohlstand unverzichtbar. Doch die heutigen Gesundheitsorganisationen können auf sich allein gestellt die digitalen und wirtschaftlichen Hilfsmittel, die wir zum Erreichen dieser Ziele brauchen, nicht herstellen. Viele dieser Instrumente haben ihren Ursprung ausserhalb des Gesundheitssektors und erfordern Finanzmittel, Innovationen und Fachwissen aus einem breiten Spektrum von Quellen, um sich wirksam einsetzen zu lassen.

Dies ist der Grund, warum wir drei nun mit einer breiten Palette von Partnern zusammenarbeiten, um auf der von der Pandemie hervorgebrachten kollaborativen Dynamik aufzubauen. Die unmittelbare Aufgabe besteht darin, konkrete Ideen und Lösungen zu ermitteln, die im Rahmen der Erholung von der Krise unmittelbar umgesetzt werden sollten.

Dabei konzentrieren wir uns stark auf die Technologie. Leistungsstarke neue digitale und analytische Tools ermöglichen es uns inzwischen, gesundheitliche Notfälle schneller denn je zu erkennen, zu bewältigen und uns davon zu erholen. Es stimmt, dass derartige Hilfsmittel häufig sozialen und kulturellen Hindernissen begegnen, wie etwa einem Mangel an Vertrauen zwischen den Inhabern öffentlicher und geschützter Daten oder zwischen Behörden und wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen. Sogar noch schwieriger ist der Einsatz neuer Tools, wenn Datensätze weit verstreut und etablierte Verfahren tief verankert sind. Doch um es noch einmal zu sagen: Die Pandemie hat uns gezeigt, dass sich alte Gewohnheiten und Silos durchbrechen lassen, wenn die Lage dies erfordert.

Neue digitale Tools

Was die Erkennung und die Steuerung von Seuchenausbrüchen angeht, so wissen wir dank der jüngsten Ebola-, Zika- und Covid-19-Krisen, dass einige Indikatoren aussagekräftiger sind als andere. Durch Überwachung von Abwasserdaten, sozialen Medien, Mobilitätsdaten oder Crowdsourcing-Berichten lassen sich Bedrohungen viel schneller ermitteln als über das herkömmliche mikrobiologische Frühwarnsystem. Einige Gruppen erkunden derzeit sogar, ob routinemässige Blutwertdaten einen potenziellen Vorhersagewert haben könnten.

Diese neuen digitalen Tools sind verhältnismässig billig, einfach anwendbar und gut zum Schutz oder zur Anonymisierung personenbezogener Daten geeignet. Doch es sind deutlich höhere Investitionen erforderlich, um vor Auftreten der nächsten potenziellen Pandemie ihre weltweite Einführung auszuweiten.

Genau wie private Investoren nach Chancen Ausschau halten, um zur Renditesteigerung langfristige Einsparungen zu generieren, sollten das auch diejenigen tun, die öffentliche Investitionsentscheidungen treffen. Jeder weiss, dass öffentliche Investitionen in die Infrastruktur oder die Qualifizierung erforderlich sind, um die langfristige Produktivität zu steigern. In vielen Ländern fliessen selbst in Zeiten der Sparpolitik öffentliche Gelder in diese Richtung. Doch was die Gesundheit angeht, scheinen die meisten Länder nur allzu bereit, die Verbreitung von Krankheiten zuzulassen und dann für ihre kostspielige Behandlung zu bezahlen.

Nutzen übersteigt Kosten

In den Gesundheitssystemen nahezu aller entwickelten Länder sind Instrumente zur Diagnose und zur Risikobewertung unterbewertet und ihr Preis zu niedrig angesetzt. Von den 40 Mrd. $, die die Welt jedes Jahr im Rahmen der Entwicklungshilfe für Gesundheit ausgibt, werden armselige 374 Mio. $ für die Pandemievorbereitung aufgewandt. Doch indem wir heute mehr für Prävention ausgeben, könnten wir um komplette Grössenordnungen höhere künftige Kosten abwenden.

Eine nachhaltige Finanzierung von globalen öffentlichen Gütern wie Impfstoffen, Diagnostika, Abwasserbeseitigung, Frühwarn- und Modellierungstools muss eine der politischen Hinterlassenschaften der Pandemie sein. Der Nutzen aus diesen Investitionen übersteigt ihre individuellen Kosten bei weitem. Sie stellen eine Investition in die Gesundheit dar, die langfristig weitreichenden Produktivitätszuwachs herbeiführen wird.

Echte Veränderungen erfordern echte Reformen, um diese Investitionslogik bei allen Gesundheitsausgaben fest zu verankern. So sollten etwa die budgetrechtlichen Bilanzierungsregeln überarbeitet werden, um klar zwischen Gesundheitsinvestitionen und Konsumausgaben zu unterscheiden.

Stabilitätsrat für öffentliche Güter

Auf internationaler Ebene sollten die Regierungen dem Modell des Finanzstabilitätsrats der Zeit nach 2008 folgen und einen Stabilitätsrat für öffentliche Güter einrichten, der sich auf die globale öffentliche Gesundheit und den Klimawandel konzentriert, und mehr Finanzmittel auf Aktiva ausrichten, die Resilienz und langfristigen Wohlstand steigern. Schliesslich ist es Zeit, die Statuten des Internationalen Währungsfonds IWF zu aktualisieren, um die Gesundheit zum Bestandteil der routinemässigen wirtschaftlichen Überwachungsfunktion der Organisation zu machen.

Wir sind dabei, diese Ideen innerhalb unserer jeweiligen Organisationen zu verfolgen, und möchten andere ermutigen, das Gleiche zu tun. Letztlich werden von Erfindern überall auf der Welt die richtigen Lösungen kommen. Je mehr Köpfe wir einbeziehen können, desto besser sind unsere Chancen, die nächste Krise zu verhindern.

Copyright: Project Syndicate.

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