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Märkte / Kunstmarkt

Prämie auf dem BuchwertGedruckte Bücher werden vom Gebrauchs- zum Kunstgegenstand – Private Sammlungen ersetzen Bibliotheken

Christian von Faber-Castell

CHRISTIAN VON FABER-CASTELL

Liebhaber gebundener Bücher führen als deren Überlebensvorteile häufig Dinge wie das unvergleichliche Lesegefühl, die besondere Haptik des greif- und durchblätterbaren Buches, aber auch praktische Merkmale wie seine Stromunabhängigkeit und seine Annotierbarkeit an. Bezeichnenderweise haben all diese Stärken klassischer Bücher nichts mit ihren Inhalten zu tun. Dies ist auch nicht erstaunlich, werden gedruckte und gebundene Bücher am Kunstmarkt doch je länger, desto mehr nur noch als schöne Gefässe ihrer Inhalte gesammelt.

Für den Kunstmarktwert preisentscheidend sind hier viel mehr der Einfluss, den ein bestimmtes Buch zu seinem Veröffentlichungszeitpunkt hatte, sowie seine Seltenheit. Die Marktbewertung eines Werks und seiner Bedeutung für die Nachwelt ist dabei zuweilen schwer nachzuvollziehen. So bietet das Antiquariat Winfred Geisenheyner aus Münster-Hiltrup an der vom 27. bis 29. Januar dauernden 51. Stuttgarter Antiquariatsmesse Christian Sigmund Zindels gewiss seltenes und hübsch illustriertes, aber sonst eher bedeutungsloses Taschenbuch «Der Eislauf oder das Schlittschuhfahren» aus dem Jahr 1825 für 3500 € an. Dagegen ist etwa der Erstdruck von Albert Einsteins «Über eine Methode zur Bestimmung d. Verhältnisses d. transversalen u. longitudinalen Masse d. Elektrons» im Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher (www.zvab.com) schon ab 190 € zu finden.

Bibliophile Raritäten

Zwar ist die Entwicklung schöner gedruckter Bücher vom Gebrauchsgegenstand zum Kunst- und Sammelgegenstand noch nicht so weit gediehen wie im Falle mechanischer Armbanduhren. Schliesslich beeindruckt eine noch so bedeutende wissenschaftliche oder literarische Erstausgabe im Bücherregal die Mitmenschen eben weniger als eine spektakuläre Uhr.

Aber auch bibliophile Raritäten zeigen Trophäencharakter. Wem es nur um den Inhalt von Arthur Schopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung» geht, der kann ihn sich kostenlos als PDF herunterladen. Wer dagegen die Erstausgabe von 1819 besitzen möchte, der kann ein schönes Exemplar dieses Jahrtausendwerks an der Stuttgarter Antiquariatsmesse am Stand des Bremer Antiquariats Eckert & Kuhn für 19 000 € erwerben.Die Entwicklung des antiquarischen Buches vom Gebrauchs- zum Kunstgegenstand mit Trophäencharakter eröffnet auch Möglichkeiten zur Kapitalanlage. Wen diese Vorstellung kultiviert empört, der übersieht, dass die als Kapitalanlage und Trophäe gesammelten Bücher unter diesem Sammelmotiv ja keineswegs leiden und erst noch bessere physische Überlebenschancen haben als die Bücher einer Gebrauchsbibliothek, die immer mehr durch handlichere digitale Formate ersetzt und damit überflüssig werden.Allerdings wird die Kapitalanlagetauglichkeit gedruckter Bücher im Vergleich etwa zu Gemälden, Antiken, Juwelen und Uhren durch ihre besonderen Eigenheiten stark eingeschränkt. In einem globalen Kunstmarkt bilden etwa die Erstausgaben niederländischer Literatur ein Nischengebiet, dessen Wertentwicklung höchstens für Spezialisten durchschaubar und nutzbar ist. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Werke oder ganz allgemein überwiegend textlastigen Inhalt.

Illustrierte Klassiker

Hieraus leitet sich umgekehrt ab, welche Werke am Kunstmarkt die besten Aussichten auf Wertsicherheit oder gar Wertzuwachs bieten. An erster Stelle sind dies berühmte, spektakulär bebilderte Einzelwerke aus sprachgrenzenlosen Bereichen der Naturwissenschaften, insbesondere der Botanik und der Zoologie. Ein Beispiel ist John James Audubons vierbändiges Monumentalwerk «The Birds of America» aus den Jahren 1827 bis 1832 mit seinen über 400 lebensgrossen kolorierten Aquatintaradierungen amerikanischer Vögel.

Am 10. März 2000 hatte Christies für ein Exemplar dieses Kunstwerks den Bücherauktionsrekordpreis von 8,8 Mio. $ erzielt, der von Sothebys am 7. Dezember 2010 in London mit 11,5 Mio. $ übertroffen wurde. Aber auch illustrierte Pionierwerke der Technikgeschichte, vom Automobil-, Eisenbahn- und Bootsbau über Luftschiffe, Flugzeuge und Weltraumfahrt bis zur Uhrmacherei haben antiquarische Zukunft. Internationaler Beliebtheit erfreuen sich ferner illustrierte Bücher aus den Bereichen Architektur und Medizin.Anspruchsvolle Schlüsselwerke aus den Geistes-, den Natur- und den Ingenieurwissenschaften haben es dagegen schwer, Sammler zu begeistern. 400-jährige, holzschnittillustrierte Renaissanceausgaben von Euklids zweitausendjährigem Geometrieklassiker «Stoicheia» sind vereinzelt unter 2000 Fr. zu haben. Die 1927 in Leipzig erschienene Erstausgabe einer Sammlung von sechs «Abhandlungen zur Wellenmechanik» des Quantenchemiepioniers Erwin Schrödinger bietet das Heilbronner Wissenschaftsantiquariat Gerhard Gruber gar schon für 280 € an. Auf diesem Preisniveau kann man mit dem Kauf so wichtiger Werke allerdings kaum etwas falsch machen.

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