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PricewaterhouseCoopers untersucht den privaten Konsum in den Industrieländern – USA und Grossbritannien bisher am spendierfreudigsten

Von Barbara Mettler
und Andreas Neinhaus

Für Europa stellt die Konsummüdigkeit seiner Bewohner ein Problem dar: Solange Europäer ihr Geld bevorzugt auf Konten horten, hängt die wirtschaftliche Erholung vom Konsum der US-Bürger ab. Immerhin machen dies- und jenseits des Atlantiks die Verbraucherausgaben etwa 60% des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus. Sie stützen die Konjunktur – besonders in Zeiten wie diesen, die allgemein als Investitionskrise bezeichnet werden. Europa darf trotzdem (noch) auf die USA hoffen, denn in den vergangenen zehn Jahren fielen die Konsumausgaben in den Vereinigten Staaten und Grossbritannien stets höher aus als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern; in absoluten Zahlen wie auch im Verhältnis zum BIP (vgl. Grafik rechts).
Angelsächsische Haushalte sparten weniger von ihrem Einkommen als westeuropäische Konsumenten. Ende 2001 betrug die Sparquote der USA rund 2%, die britische lag leicht über 5%. Die der Schweiz, Deutschlands und Italiens war mit je rund 10% fast doppelt so hoch. Franzosen legten fast 15% auf die hohe Kante. Dieses Verhalten wird von der Inflation beeinflusst. Historisch weist Grossbritannien, aber auch die USA, eine höhere Inflation auf als Kontinentaleuropa.

Mehr Geld in der Tasche

Die Motivation von Konsumenten, mehr auszugeben und weniger zu sparen als andere, hängt gemäss einem Bericht der Unternehmensberatungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) von verschiedenen Faktoren ab, die vom verfügbaren Einkommen über die Zinsen bis zur Lage an den Immobilien- und Aktienmärkten reichen. Der Anstieg des verfügbaren Einkommens steigert die Konsumfreudigkeit der Haushalte. Dies allerdings nur, wenn mit einem permanent höheren und stabilen Lohn gerechnet wird. Andernfalls werden die Einkünfte eher gespart. Vor allem die Furcht vor Arbeitslosigkeit, die derzeit auch in besser verdienenden Kreisen umgeht, erhöht die Sparquoten. Dass der Konsum in den USA darunter weniger leidet als in Europa, mag durch den flexibleren amerikanischen Arbeitsmarkt bedingt sein.
Im allgemeinen Wehklagen gerät indes in Vergessenheit, dass es dem Durchschnittsbürger heute finanziell besser geht als früher. Das sagen zumindest die Statistiken aus: In den USA beträgt das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen 27202$. 1995 belief es sich auf 20400$. Selbst wenn die Inflation herausgerechnet wird, hat der Durchschnittsamerikaner heute (nach Abzug der direkten Steuern und Abgaben) 14% mehr Geld zur Verfügung als vor einem Jahrzehnt. Wie die meisten Ökonomen ignoriert PwC diesen Punkt. Die Veränderung der Ausgaben und der Verbraucherneigung und nicht das absolute Einkommensniveau treibt die Konjunkturforscher um. Der Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen liefert eine interessante Erkenntnis. Das verfügbare Einkommen entwickelte sich in den USA weit vorteilhafter als in Kontinentaleuropa (vgl. Grafik links).
PwC konstatiert, dass in den vergangenen 18Monaten die Zinsen in den Industriestaaten deutlich gefallen sind. In den USA und England wirkte sich das förderlich auf den Konsum – vor allem von Autos und langlebigen Gütern – aus, in Westeuropa hingegen nicht. Grund seien der Zeitpunkt und das Ausmass der Senkungen. Zusätzlich sind in Westeuropa deutlich weniger Hypotheken variabel verzinst, sodass die Zinssenkungen weniger Wirkung zeigten.
Briten und Amerikaner sind öfter Hausbesitzer als die meisten Kontinentaleuropäer. Dank steigender Preise im Immobiliensektor konnten die Hypotheken aufgestockt und die flüssigen Mittel für den Konsum verwendet werden. Die Liberalisierung des Finanzsektors ermöglicht es den Haushalten in den USA und in Grossbritannien, sich leichter zu verschulden als in den meisten westeuropäischen Ländern, wo die Öffnung langsamer voranschreitet, argumentiert PwC.
Ebenso verliehen die Gewinne an den Aktienmärkten Amerikanern und, in geringerem Masse, Briten gemäss PwC einen kräftigeren Konsumimpuls, als es in anderen Staaten der Fall war. Dass sich die Verluste an den Aktienmärkten umgekehrt weniger nachteilig auf den Konsum in den USA und Grossbritannien auswirkten, sei auf die Zinssenkungen sowie die steigenden Immobilienpreise zurückzuführen.

Schweiz besonders betroffen

Das Wertschriftenhaus Goldman Sachs warnt, dass vor allem der Schweizer Konsum unter der Baisse leidet, da hierzulande die Wirtschaft auf Finanzdienstleistungen ausgerichtet ist (siehe Seite 5). Den Konsumenten sass zwar das Portemonnaie seit Anfang Januar 2001 lockerer in der Tasche als den Bewohnern von Euroland. Das sei auf eine tiefe Inflation sowie das Wachstum des Realeinkommens von 1 bis 2% zurückzuführen. Trotzdem wird nach Ansicht von Goldman Sachs die Konsumnachfrage der Schweizer Wirtschaft künftig nicht den nötigen Impuls verleihen. Das Vertrauen der Schweizer in die Wirtschaft sei gesunken. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH geht davon aus, dass das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen inflationsbereinigt dieses Jahr 2,2% und 2003 noch einmal 0,2% abnehmen wird. Es soll erst 2004 1,1% wachsen und die Einbusse der Vorjahre teilweise wettmachen.
Darf Europa damit rechnen, dass der Konsum des Importlandes USA zur Wachstumslokomotive wird
Es ist zu befürchten, dass die amerikanischen Bürger schon an Weihnachten ihren Gürtel enger schnallen werden. Die Rahmenbedingungen für die Konsumenten haben sich verschlechtert: Die Löhne wachsen schwächer, Steuererleichterungspakete laufen aus, und dem nachlassenden Vermögenseffekt auf Immobilien steht ein hoher Berg privater Schulden gegenüber.

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