Meinungen

Prinzip Hoffnung

Die Nationalen Forschungsprogramme «Energie» erachten die Energiewende als technisch machbar. Die Empfehlungen erinnern an Durchhalteparolen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Konkrete Angaben, wie das System umzugestalten ist und warum die zu erwartenden exorbitanten Kosten sozial- und wirtschaftsverträglich sein sollen, fehlen.»

«Der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und der Kernenergie ist bis 2050 möglich. Wirtschaftlich und sozialverträglich.» Das ist die Quintessenz der zwei Nationalen Forschungsprogramme «Energiewende» und «Steuerung des Energieverbrauchs», die im Schosse des Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung erarbeitet wurden.

Wer an der Präsentation der Programme am Dienstag in Bern auf konkrete Ergebnisse, neue Technologien oder klare Handlungsanweisungen an die Politik gehofft hatte, sieht sich jedoch enttäuscht. Die Programme, durchgeführt wurden hundert Projekte (!), gipfeln in fünfzehn Empfehlungen vom Kaliber: «CO2-freie urbane Logistik bis 2050 realisieren!» oder «Wissen vermitteln, und zwar zielgruppengerecht und neutral».

Konkrete Ansätze zur Lösung der grossen Probleme fehlen allerdings weitgehend. So ist etwa der Präsident der Steuerungsgruppe des NFP 70, der emeritierte ETH-Professor Hans-Rudolf Schalcher, überzeugt, dass Strom aus Sonne und Wind den wegfallenden Strom aus Kernkraftwerken kompensieren kann. Wie allerdings die winterlichen Dunkelflauten zu überbrücken sind, von wo also der Strom kommen soll, wenn der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint, weiss er auch nicht. Er setzt auf künftige technologische Entwicklungen – nur werden sie am Aufkommen von Sonne und Wind in der Schweiz nichts ändern.

Wie nicht anders zu erwarten, wird auch auf Lenkungsabgaben zur Steuerung des Konsums gesetzt. Das Konzept, das in der Theorie schön klingt, ist allerdings gespickt mit Fussangeln. Die Probleme beginnen bei der Bemessung der Abgabe, so dass weder unter- noch übersteuert wird, gehen über die Rückerstattung an die Bevölkerung bis hin zur Frage der Behandlung der energieintensiven Unternehmen. Die Fragen bleiben offen.

Zu den Kosten des Aus- bzw. Umstiegs in der Energieversorgung äussert sich das Programm wohlweislich nicht. Hans-Rudolf Schalcher hat sich darüber aber Gedanken gemacht und kommt auf eine Summe von über 100 Mrd. Fr. «Wir können uns das leisten, wenn wir wollen», so seine optimistische Einschätzung. Welch seltsamer Kontrast zu den von der früheren Energieministerin Doris Leuthard versprochenen 40 Fr. pro Jahr und Haushalt.

Konkrete Angaben, wie das System umzugestalten ist und warum die zu erwartenden exorbitanten Kosten sozial- und wirtschaftsverträglich sein sollen, fehlen. So huldigen die vorgestellten Programme eher dem Prinzip Hoffnung, als dass realistische Perspektiven und Wege aufgezeigt werden.

In der Realität zeigt sich dagegen immer mehr, dass die Energiestrategie aufläuft: Die Kompensation der wegfallenden Kernenergie ist ohne Importe oder Gaskraftwerke nicht zu haben, der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt trotz anhaltend hohen Subventionen, der Stromverbrauch wird im Zuge der angestrebten Dekarbonisierung zunehmen und nicht sinken, und die Kosten werden alle Vorstellungen sprengen. All dies wird dem Bürger vorenthalten, mit dem Prinzip Hoffnung wird ihm Sand in die Augen gestreut. Nur der Vollständigkeit halber: Die Forschungsprogramme zur Energiewende kosteten 45 Mio. Fr.

Leser-Kommentare

Willy Huber 14.01.2020 - 14:29
Der Experte Schalcher ist allerdings “…überzeugt, dass Strom aus Sonne und Wind den wegfallenden Strom aus Kernkraftwerken kompensieren kann”. Wie, “…weiss er auch nicht..)”. Hauptsache, wir stellen jetzt mal 1. die Atomkraftwerke ab (mit ziemlich grossen Rückbaukosten, wohlverstanden). 2. Dann subventionieren wir die Windräderbauer. 3. Ebenso die Solarpanelbauer. 4. Wir machen Verträge mit unserem französischen Kernenergie Nachbarn, der dann im… Weiterlesen »
Franz Bachl 14.01.2020 - 17:22
Der von Prof. Schalcher genannte Betrag von 100Mrd. Fr. ist als Summe, verteilt auf mindestens 20 Jahre zu sehen. Die 5Mrd. pro Jahr sehen dann nicht mehr so schrecklich aus…. Seitenblick: Die Nationalbank hat in wenigen Jahren einen Betrag von 800Mrd. Fr. auf ihre Bücher geladen, da wieder heraus zu kommen dürfte um einiges anspruchsvoller werden als die Kosten der… Weiterlesen »