Meinungen

Probleme mit der Wahrnehmung

Die Börsen werden allein von der Wahrnehmung getrieben. Das zeigt auch die jüngste Verkaufswelle. Ein Kommentar des stv. Chefredaktors Clifford Padevit.

««Das Einzige, was sich diese Woche verändert hat, ist die Wahrnehmung der Investoren.»»

Wenn die Aktienmärkte mal heftiger ausschlagen, werden alle nervös. Denn die Verkaufswelle an den Börsen weltweit, ausgehend von den USA, kam überraschend, wie alle Korrekturen immer überraschend kommen. Naheliegend sind da die Versuche, den Grund für den Kursrückgang zu suchen. Und Deutungsversuche gibt es derzeit viele.

Es seien die Konjunkturängste, die Anleger zu Verkäufen angespornt hätten, heisst eine Erklärung. Es stimmt, gerade diese Woche hat der Internationale Währungsfonds die Prognosen für das Wirtschaftswachstum etwas zurückgenommen. Grund dafür ist der Handelskonflikt, angezettelt durch die USA.

Andere wollen wissen, es seien die steigenden Zinsen in den USA, die zu zittrigen Händen geführt hätten. Richtig, die Zinsen sind gestiegen, zumindest in den USA. Dort haben die zehnjährigen US-Treasuries diese Woche 3,25% abgeworfen.

Die Dritten finden, die Aktienbewertungen in den USA seien historisch gesehen hoch. Auch das stimmt, besonders wenn man den langfristigen Massstab, das zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis, zurate zieht.

Welche Deutung auch immer als überzeugend angeschaut wird – das ist alles nicht neu. Das Einzige, was sich diese Woche verändert hat, ist die Wahrnehmung der Investoren. Wegen der Kursverluste schätzen sie nun plötzlich alle Risiken, die es vorher schon gab, als viel grösser ein, obwohl sich de facto gar nichts geändert hat. Die jüngste Episode zeigt wieder einmal, dass allein die Wahrnehmung und die Stimmung die Börsenrichtung vorgeben. Oder anders ausgedrückt: Investoren sind derzeit nicht mehr gierig, sondern haben Angst. Das kann sich rasch wieder ändern.

 

Leser-Kommentare

Peter Martin Wigant 14.10.2018 - 01:17

Liebe FuW,
Einen sehr guten Artikel hat Clifford Padevit da geschrieben. Im Gegensatz zu den vielen Wahrsagern und Kaffeesatzlesern in der Finanzbranche, die allesamt keine Kristallkugel haben, aber so tun als ob. Der Dänische Nuklearphysiker Niels Bohr soll einmal gesagt haben: “Prognosen sind schwierig, speziell wenn sie die Zukunft betreffen”. Etwas weniger wäre mehr!
PW