Zum Thema: Die grössten Risiken für die Börsen

Problemzone Euro

Die Deflation ist seit Mitte Jahr zunehmend zu einem ernstzunehmenden Risiko geworden. Unklar ist, ob die dagegen beschlossenen Massnahmen der EZB ausreichen. Mit den Konjunktursorgen hat sich auch der Blick der Anlager für die alten strukturellen Probleme geschärft.

Als die Euro-Krisenländer Mitte 2012 den Kapitalmarktzugang zu verlieren drohten, beschloss die Europäische Zentralbank (EZB) die Outright Monetary Trans­actions (OMT). Sie versprach, unter Reformbedingungen Staatsanleihen zu kaufen. Die Eurozone wurde zur Komfortzone, die Renditen der Wackelstaaten konvergierten mit denen Deutschlands – bis jetzt.

Letzte Woche stiegen die Renditen griechischer Bonds auf fast 9%, die spanischer und italienischer Titel zogen nach. Gleichzeitig rentieren deutsche Bunds immer weniger – ein Zeichen dafür, dass die Anleger Sichherheit suchen.

Die Eurozone macht wieder Angst.  Wie anfällig sie erneut ist, zeigen die Verwerfungen nach der Rückführung der Fed-Liquidität (vgl. Risiko 5). Der Dax (DAX 13003.31 -0.42%) verlor noch mehr als der S&P 500 (SP500 3380.35 1.4%).

Grösste Sorge ist neben dem schwachen Wachstum (vgl. Risiko 3) die Deflation – auch das signalisieren die Renditen der als kreditrisikolos geltenden deutschen Staatsanleihen. Im August löste EZB-Präsident Mario Draghi den Alarm aus: Die Inflationserwartungen waren unter das Ziel von knapp 2% gefallen. Davor waren sie der Anker, der die Eurozone dem Deflationssog entzog. Gemäss Unicredit sind sie in Wochenfrist um 10 Basispunkte auf 1,77% gesunken. Und die neuen Daten von Eurostat belegen: Die Inflation nähert sich der Nullmarke. Im September fiel sie auf 0,3%.

Jetzt wecken auch vergessene Probleme wie Wahlen und Reformfreudigkeit wieder das Anlegerinteresse. Griechenland wählt 2016. In Umfragen liegt die Oppositionspartei Syriza vorn. Sie bekämpft den Sparkurs. Und bereits Ende Jahr fragt sich, wem Hellas seine Bonds verkauft, wenn sein Rettungsprogramm ausläuft. Frankreich macht derweil keine Anstalten, das Defizit in den vom EU-Stabilitätspakt vorgesehenen 3% zu senken, unterstützt von Italien. Es sind just die beiden Länder, die Reformen verschleppt haben. Draghi machte seinem Unmut jüngst Luft: Die Geldpolitik könne die Finanzierungsbedingungen erleichtern. Aber für die Kreditnachfrage sei Vertrauen in die Zukunft wichtig. Doch woher soll es kommen?

Das Anfang September zur Bekämpfung von Deflation und Kreditklemme beschlossene Programm zum Kauf von Pfandbriefen und Verbriefungen (ABS)scheint vielen Analysten zu schwach. In seinem vielbeachteten Kommentar erhoffte Wallstreet-Veteran Art Cashin von der EZB schon diese Woche Taten – oder zumindest Worte. Doch EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeure vermeldete am Freitag auf einer Konferenz in Riga nur, das ABS-Kaufprogramm werde in den nächsten Tagen anlaufen. Und laut EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny haben die Märkte überzogene Vorstellungen.

Doch selbst wenn sich die EZB zur quantitativen Lockerung im Stil des Fed durchringt: Der damit verbundene Kauf von Staatsanleihen könnte mit dem Verbot der Staatsfinanzierung in Konfikt ­stehen. Ifo-Präsdient Hans-Werner Sinn hält bereits das jüngste Kaufprogramm für unzulässig, und auch die OMT sind juristisch noch nicht in trockenen Tüchern:  der Fall vom Bundesverfassungsgericht aus Kompetenzgründen an den Europäischen Gerichtshof weitergeleitet. Dessen Urteil fällt im Januar.

Und noch eine Baustelle: Die EZB veröffentlicht am 26. Oktober die Resultate der Bilanzüberprüfung und des Stresstests der Banken. Zum Stress an der Börse hat das bereits geführt: Die sechs grössten Verlierer im EuroStoxx50 waren Banken. Analysten von Royal Bank of Scotland erwarten vor allem in Italien und in Deutschland Kapitalbedarf.