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Produktivität nach der Pandemie

Um das Potenzial einer höheren Produktivität auszuschöpfen, müssen Fiskal- und Geldpolitik auf breites Einkommens- und Konsumwachstum ausgerichtet werden. Ein Kommentar von Laura Tyson.

Laura Tyson
«Die Erholung des Arbeitsmarktes wird langsam ablaufen und ungleich verteilt sein.»

Die amerikanische Wirtschaft dürfte im späteren Jahresverlauf wieder das Produktionsniveau von vor der Pandemie erreichen. Dies dank der Impfkampagne und der die Gesamtnachfrage ankurbelnden Unterstützung durch die Fiskal- und die Geldpolitik. Die Erholung des Arbeitsmarktes jedoch wird viel langsamer ablaufen und ungleich verteilt sein. Die Rückkehr der Beschäftigung auf das hohe vor der Pandemie erreichte Niveau ist nicht vor 2024 zu erwarten.

Falls das Produktionswachstum in den nächsten Jahren die Beschäftigungszunahme übersteigt, wird die Produktivität (zumindest zeitweilig) zunehmen. Die jüngste Prognose des Congressional Budget Office geht von einem Anstieg der Produktivität der Erwerbsbevölkerung von 1,5% pro Jahr für den Zeitraum von 2021 bis 2025 aus – verglichen mit durchschnittlich 1,2% jährlich zwischen 2008 und 2020.

In Reaktion auf die Pandemie haben viele Unternehmen – besonders die grossen – beträchtliche Fortschritte in der Steigerung der Produktivität durch Automatisierung, Digitalisierung und die Reorganisation ihres Betriebs gemacht. Dies schliesst eine schnelle Umstellung auf die Arbeit im Heimbüro ein, um Effizienz und Resilienz zu steigern.

Investitionen steigen

In einer Umfrage vom Dezember 2020 von McKinsey & Company unter Führungskräften aus der Wirtschaft in Nordamerika und sechs europäischen Ländern, die etwa 40% des globalen BIP repräsentieren, gaben 51% der Teilnehmer an, dass sie ihre Investitionen in neue Technologien 2020 erhöht hätten, und 75% erklärten, dass sie dies in den Jahren 2020 bis 2024 zu tun gedächten. Im Gegensatz dazu vermeldeten in den Jahren 2014 bis 2019 nur 55% höhere Investitionen. Darüber hinaus ergab eine 2020 vom Weltwirtschaftsforum (Wef) durchgeführte Umfrage, dass 80% der Unternehmen planen, die Digitalisierung ihres Geschäfts voranzutreiben und den Einsatz von Remote-Tätigkeiten auszuweiten, und 50% beabsichtigen, die Automatisierung von Produktionsaufgaben zu beschleunigen.

Allgemeiner betrachtet erkennt eine aktuelle Untersuchung des McKinsey Global Institute (MGI) Chancen für ein schrittweises Produktivitätswachstum in einem breiten Spektrum von Sektoren, auf die rund 60% der Wirtschaftsaktivität ausserhalb der Landwirtschaft entfallen. Dazu gehören Gesundheit (Telemedizin), Bau (digitale Zwillinge und standortferner modularer Bau), Detailhandel (E-Commerce und Lagerhausautomatisierung), Bankensektor (digitale Zahlungen und hybride Remote-Tätigkeiten), Fertigung (Roboter, digitale Kanäle und vernetzte Fahrzeuge) und selbst die schwer getroffene Reisebranche (agilere Arbeitsformen).

Falls dieses breite Potenzial realisiert wird, könnte die jährliche Arbeitsproduktivitätszunahme in den USA und mehreren europäischen Volkswirtschaften zwischen 2019 und 2024 um etwa einen Prozentpunkt steigen. Doch um derart dramatische angebotsseitige Verbesserungen zu erreichen, ist es erforderlich, dass die produktivitätssteigernden Änderungen von den Grossunternehmen, wo sie sich bisher konzentrieren, auf kleine und mittelständische Gesellschaften übergreifen.

Kleinere Unternehmen im Rückstand

Viele in dieser letztgenannten Gruppe waren bisher unfähig oder nicht willens, ihre Investitionen in die Automatisierung oder die Digitalisierung ihrer Lieferketten, ihres Betriebs und ihrer Auslieferungsmodelle zu steigern. Doch ohne derartige Investitionen wird die Produktivitätslücke zwischen den grossen «Superstars» unter den Unternehmen und den reihenweise ihnen hinterherhinkenden kleineren Konkurrenten weiter zunehmen. Dies würde den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs verringern und die Trends im Gefolge von 2008 in Richtung grösserer Ungleichheit zwischen Unternehmen und Regionen in der Wirtschaftsleistung und stärkerer Marktkonzentration noch verschärfen.

Gleichermassen wichtig ist die Entwicklung der Gesamtnachfrage, die davon abhängig ist, was im Bereich der Beschäftigung und des Einkommenswachstums passiert. Die überzeugendste Erklärung für das enttäuschende Produktivitätswachstum im Jahrzehnt nach der globalen Finanzkrise von 2007 bis 2009 war die chronisch schwache Konsum- und Investitionsnachfrage. Während die Beschleunigung der Automatisierung und der Digitalisierung in der Pandemieära die Produktivität angebotsseitig steigern könnte, könnte sie belastende Auswirkungen auf die Nachfrage haben, indem sie die Zunahme von Arbeitseinkommen und Konsum – eine bedeutende Determinante des Wirtschaftswachstums im Allgemeinen – bremst.

Während des nächsten Jahres dürfte das Konsumwachstum bedingt durch die Freisetzung der aufgestauten Nachfrage nach der Pandemie und massive fiskalpolitische Konjunkturspritzen stark ausfallen. Doch im Laufe der Zeit könnten die Auswirkungen der effizienzfokussierten Produktivitätsmassnahmen und der beschleunigten Digitalisierung den Beschäftigungs- und den Einkommensanstieg dämpfen, die Polarisierung des Arbeitsmarktes vertiefen und Arbeitsplätze mittlerer Qualifikationsstufe vernichten. Dies würde das Konsumwachstum unter denjenigen mit der höchsten Konsumneigung einschränken.

Arbeitsplätze in Gefahr

Die langfristigen Auswirkungen könnten erheblich sein. Etwa 60% des im jüngsten MGI-Bericht identifizierten Produktivitätspotenzials spiegeln effizienzsteigernde Verringerungen bei Arbeits- und sonstigen Kosten. Die Wef-Umfrage hat ergeben, dass 43% der befragten Unternehmen infolge der durch die Pandemie beschleunigten Automatisierung und Digitalisierung eine Nettoverringerung ihrer Belegschaft erwarten. In einem damit im Zusammenhang stehenden Bericht schätzt MGI, dass weitere 5% der Arbeitnehmer (8 Mio.) bis 2030 durch Automatisierung und Digitalisierung verdrängt werden könnten – zusätzlich zu den 22% der Arbeitsplätze, die schon vor der Pandemie als gefährdet galten.

In den USA und anderen Industrieländern hatte die Pandemie die stärksten negativen Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Einkommen in den Bereichen Nahrungsmitteldienstleistungen, Detailhandel, Gastgewerbe, Kundenservice und Bürounterstützung. Viele dieser gering entlohnten Arbeitsplätze könnten komplett verschwinden, falls die pandemiebedingte Verringerung von Bürozeiten und Fachkräften sowie von Geschäftsreisen die Nachfrage nach unzähligen Dienstleistungen (Büroreinigung, Sicherheit, Wartung, Transport, Gastgewerbe) drückt. Vor der Pandemie entfielen jeder vierte US-Arbeitsplatz und ein wachsender Anteil der Beschäftigungsverhältnisse für Arbeitnehmer ohne Studium auf diese Tätigkeiten.

Schwache Investitionen stellen ein weiteres nachfrageseitiges Risiko für das potenzielle Produktivitätswachstum dar. Die Investitionsraten der Unternehmen befanden sich insgesamt schon vor der Pandemie im langfristigen Niedergang (daher der Produktivitätsrückgang im Gefolge von 2008), und die Investitionen sind bedingt durch einen Rückgang der privaten Investitionen ausserhalb des Wohnungsbaus gemessen am Spitzenwert von 2019 weiter gesunken. Allerdings fiel der Rückgang der Investitionen während der Covid-Rezession weniger stark aus als der nach der Finanzkrise von 2007 bis 2009.

Humankapital pflegen

Um das Potenzial eines höheren Produktivitätswachstums auszuschöpfen, sollten die Fiskal- und die Währungsbehörden die Massnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur auf zwei allgemeine Ziele ausrichten: die Förderung eines starken, breite Schichten umfassenden Einkommens- und Konsumwachstums sowie die Steigerung der öffentlichen und der privaten Investitionen in physisches Kapital (Infrastruktur und bezahlbarer Wohnraum), Humankapital (Bildung und Ausbildung) und Wissenserwerb (Forschung und Entwicklung).

Angesichts der beträchtlichen, durch jahrzehntelange zu geringe Investitionen bedingten Mängel der öffentlichen Infrastruktur könnte der Infrastrukturplan der Biden-Regierung zusätzliche private Investitionen auslösen, so die Gesamtinvestitionen kurzfristig ankurbeln und das langfristige potenzielle Produktivitätswachstum der US-Wirtschaft steigern.

Copyright: Project Syndicate.

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