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Profitipps für ruppige Börsenphasen

Was private Anleger vor dem Investieren zwingend festlegen sollten und wie sie finanziell handlungsfähig bleiben.

Einbahnstrasse am Aktienmarkt war einmal. Nun herrscht wieder Gegenverkehr. Erfolgreich zu taktieren, ist für private wie für institutionelle Investoren schwieriger geworden. Viele Kommentatoren prophezeien, wegen des Bruchs in der Geldversorgung würden am Aktienmarkt als Folge einer Sektorrotation als Nächstes die Valoren von Unternehmen nachfragestabiler Branchen – etwa Nahrungsmittel, Gesundheit und Versorgung – performen. Diese Branchen seien nun im Portfolio stärker zu berücksichtigen und gleichzeitig die zins- und konjunktursensibleren Sektoren anteilsmässig zu verringern.

Die in den USA und der EU hochgeschossene Inflation hat die Karten am Aktienmarkt neu gemischt. Der Vermögensverwalter Aquila rät in der neuesten Einordnung zu Aktien eigenkapitalstarker Unternehmen, weil sie von steigenden Kreditkosten verschont sind, und solchen mit hoher Dividende. Im Vergleich zu den nun wieder besseren Obligationenzinsen bieten sie einen Renditevorteil.

Von Standardindizes abweichen

In wackligen Börsenphasen Geld in Aktien zu investieren, fordert von Anlegern eine lange Zeit nicht mehr geprüfte Nervenstärke. «Tagesschwankungen von 2% und längere hoch volatile Phasen hat es zwar immer mal wieder gegeben», sagt Adriano Lucatelli, Gründer des Vermögensverwalters Descartes Finance. «Aber für jüngere Anleger sind sie ein Novum, das rasch überfordert.»

Er weist darauf hin, dass eine passiv dem Weltaktienindex folgende Geldanlage, beispielsweise in Form von Gesamtmarktanlagefonds oder Exchange Traded Funds (ETF), das Schwergewicht auf dem US-Aktienmarkt habe, der wiederum zu einem Viertel von den Technologiebranchen geprägt sei. Das sei eine Klumpenchance gewesen, und lange Jahre habe man damit «Glück gehabt». Dieses Jahr, so Lucatelli, sei daraus ein Klumpenrisiko geworden. Sein Rat: das Aktienportfolio breiter auslegen und die Gewichtung der darin repräsentierten Unternehmen sowie Wirtschaftssektoren aktiv gegenüber der Indexgewichtung verändern.

Aktienkäufe staffeln

Vorzüge bieten die Valoren von Unternehmen, die eine Zinsnormalisierung leicht absorbieren und deren Produkte in jeder Konjunkturlage berechenbar stetig nachgefragt werden. «Anleger sollen im Aktienmarkt investiert bleiben und bei Rücksetzern zusätzlich kaufen», empfiehlt Lucatelli. Er warnt jedoch, man solle zeitlich und betraglich gestaffelt einsteigen, damit bei allfälligen weiteren Korrekturen nochmals günstiger nachgekauft werden könne. 

Vorbedingung ist, dass die individuelle Risikoneigung auch massive Preisschwankungen toleriert. «Zu oft hapert es an einer ehrlichen Selbsteinschätzung der Risikoneigung», moniert der Vermögensberater. Deshalb frage er potenzielle Kundschaft jeweils, ob sie sich zutraue, eine allenfalls drei Jahre anhaltende Marktwerteinbusse gegenüber dem Einstandspreis ungetrübt durchzustehen.

Aktien, die dieses Jahr überdurchschnittlich korrigiert haben, hat «Finanz und Wirtschaft» eben erst vorgestellt. Auf attraktiven Preisen notieren die Papiere von Bobst (BOBNN 61.00 -0.65%), Lindt & Sprüngli (LISN 100'800.00 +0.70%), SIG Combibloc, Sika (SIKA 220.60 +0.27%) und Swissquote (SQN 96.70 -0.15%)

Damit man liquide für einen Aktienkauf ist, muss jedoch disponibles Bares vorhanden sein. Von den Reserven zu zehren, ist tabu. Kluge Aktienanleger schöpfen regelmässig nach Markt- oder Einzeltitelavancen einen Teil des Kursgewinns ab und legen diese Mittel auf die Seite. So sind sie in Marktkonstellationen wie jetzt finanziell handlungsfähig.

Kursgewinne sichern

Im Fachjargon nennt sich dieses Vorgehen Rebalancing. Am Beispiel eines simplen Portfolios mit je 50% Anteil in Aktien und Kontoguthaben bedeutet das, monatlich diese Gewichtung wiederherzustellen, indem nach einem Kursanstieg des Aktienteils im entsprechenden Umfang Teile der Aktienpositionen verkauft werden. 

Zwingend vor jeglichem Investieren festgelegt werden müsse das eigene Risikoprofil, sagt Rico Willi, stellvertretender Leiter des Vermögensverwalters Albin Kistler: «Die finanzielle Gesamtsituation muss erlauben, einen Teil des Geldvermögens mindestens drei Jahre lang nicht von den Märkten zurückziehen zu müssen. Erfahrung und Charakter des Anlegers müssen zudem so beschaffen sein, dass mit ungünstigen Wertschwankungen konstruktiv umgegangen werden kann.»

Konsequenterweise muss der Teil des Geldvermögens, der über die jeweils bevorstehenden 36 Monate für den Verbrauch verfügbar sein soll, auf einem Konto separat gehalten werden: etwa Geld für die Jubiläumsweltreise, für die Abdeckung der vollen Lebenshaltungskosten während Zeiten mit reduziertem Beschäftigungspensum oder in der Rentnerphase.

Auch Obligationen locken

Den verbleibenden Vermögensbetrag sollen Anleger nach eigenem Risikoprofil auf Aktien, Wohnliegenschaftenfonds und Obligationen aufteilen, rät Willi: «Die Kombination dieser Komponenten glättet die Wertschwankung des Gesamten. Unabhängig davon, ob der Investor die Aktienquote für eine ausgewogene Strategie bei 50% oder für eine dynamische bei 70% oder mehr festlegt.» Anstelle von Aktienindexanlagen sei vorteilhaft, aktiv diejenigen Branchen zu wählen, die verlässliche wirtschaftliche Perspektiven hätten, und dann gemäss den dafür festgelegten Prozentanteilen global diversifiziert Papiere vielversprechender Branchenunternehmen auszuwählen.

Eindimensional in Aktien zu gehen und durch Absicherungstechniken das Wertzerfallrisiko mindern zu wollen, taxiert der Experte als untauglich. «Kontinuierlich den Kurs zu sichern, kostet ständig», begründet er: «Vorteilhafter ist, das Portfolio durch die Beimischung von Anleihen und Immobilienfonds von Beginn weg mit gezielter Titelselektion sturmfest zu bauen und wirklich genügend Liquidität auf dem Konto vorrätig zu halten, um sich von Börsenschwächen nicht finanziell bedrängen zu lassen, sondern sie durchzustehen bis zum Wiederaufschwung.»

Wie bei zehn Vermögensverwaltern die Investmentstrategen die Gewichtung der Anlageklassen in einem ausgewogen gebildeten Investmentportfolio für die bevorstehenden Monate festlegen, erfragt «Finanz und Wirtschaft» vierteljährlich. Anfang Januar hatten die Anlageexperten zu einem hohen Aktienbestand geraten.