Im Jahr 2017 feierte AMG das fünfzigjährige Bestehen. Das frühere Entwicklungsbüro für Rennmotoren führt seit der Übernahme durch Mercedes-Benz seine eigenen Modellreihen und ist als Sporttochter des Konzerns für die Rennsportaktivitäten zuständig.

Mercedes-Benz wollte zum Jubiläum von AMG ein starkes Zeichen setzen, schliesslich war der Mercedes AMG F1 W07 Hybrid mit neunzehn Grand-Prix-Siegen der erfolgreichste Wagen der F1-Saison.

Zur Feier dieses Triumphs wurde beschlossen, die Technologie der Königsklasse auf die Strasse zu bringen. Mercedes war zwar nicht der erste Fahrzeugkonstrukteur mit einem solchen Vorhaben (Ferrari zum Beispiel hatte 1990 mit dem strassentauglichen Boliden F50 einen Versuch gewagt, allerdings nur mit mässigem Erfolg), dennoch gestaltete sich die Umsetzung des Plans extrem schwierig.

Der Grund: Ein Rennmotor hat nur ein Ziel, er muss über eine relativ kurze Distanz von ein paar hundert Kilometern maximale Leistung bringen. Ein Strassenfahrzeug aber soll auf lange Dauer zuverlässig sein. Eine weitere hochkomplexe Aufgabe bestand darin, den Hypercar mit sämtlichen derzeit verfügbaren Spitzentechnologien wie Hybridantrieb und Energierückgewinnungssystem auszustatten.

Mercedes AMG ging es also nicht allein darum, einen Formel-1-Motor in ein Strassenfahrzeug einzubauen. Der Sportableger wollte einen Zweiplätzer entwickeln, der aussieht wie ein echter Rennwagen mit Verschalung.

Premiere in der Schweiz

Im September 2017 wurde das Ergebnis dieser hochtechnischen Tüfteleien an der Frankfurter Messe IAA unter dem Namen Mercedes AMG Project One offiziell enthüllt. Es handelte sich aber nur auf dem Papier um eine Weltpremiere, denn in Wahrheit hatten einige Happy Few den Supersportwagen bereits vorher zu Gesicht bekommen.

Mercedes hatte bereits im März heimlich und unter strengen Vorsichtsmassnahmen ein paar potenzielle Kunden nach Genf eingeladen und ihnen dort an einem geheimen Ort am Genfersee den Project One präsentiert.

Sie mussten eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen und ihre Smartphones und Kameras in der Garderobe lassen. Anschliessend wurde ihnen der Bolide von den Ingenieuren und den Designern höchstpersönlich erklärt. Die meisten sollen noch vor Ort eine Bestellung aufgegeben und eine erste Anzahlung von einer halben Million Euro geleistet haben.

1,6-Liter-V6 und vier Elektromotoren

Seit der Verabschiedung eines neuen Reglements im Jahr 2014 fahren Formel-1-Wagen mit Hybridmotoren. Die FIA schreibt einen kleinen 1,6-Liter-Benziner sowie ein System zur Rückgewinnung von Energie und Einspeisung in die Elektromotoren vor.

Diese Technologie namens Power Unit ist viel komplexer als das System herkömmlicher Hybridautos. Sie gewinnt nicht nur die kinetische Energie insbesondere beim Bremsen zurück, sondern nutzt auch die überschüssige Energie aus dem Abgasstrom, um als Generator elektrische Energie zu erzeugen.

Bei Strassenfahrzeugen ein absolutes Novum. Mercedes AMG hat die Möglichkeiten des neuen Reglements zweifellos am effizientesten ausgeschöpft. Wie sonst hätten ihre Fahrer mit den zuverlässigen Motoren so manchen Sieg eingefahren. Bessere Voraussetzungen für den Umstieg auf die Strasse sind kaum denkbar.

Die Entwicklung und die Umsetzung geschahen in enger Zusammenarbeit zwischen den Ingenieuren von AMG aus Deutschland, den in England tätigen Motorsport-Experten von Mercedes AMG High Performance Powertrains und dem ebenfalls in Grossbritannien ansässigen Rennstall.

Die Basis bildete der Formel-1-Rennwagen Mercedes W06 Hybrid aus dem Jahr 2015. Ebendieser V6 1,6 L Single Turbo ist im Project One eingebaut. Er hat bis zu 11’000 U/Min., das sind ein paar tausend Drehungen weniger als im Rennsport.

Das in Mittelmotorposition vor der Hinterachse eingebaute Triebwerk leistet rund 700 PS oder gigantische 425 PS pro Liter, wobei die gesamte Kraft auf die Hinterräder übertragen wird. Der Motor ist an zwei Energiegewinnungssysteme gekoppelt:

• Der Elektromotor MGU-K (eine Weiterentwicklung des Kers-Systems) speichert die Bremsenergie, um sie bei der Beschleunigung als zusätzlichen Vortrieb einzusetzen.

• Der elektrische Turbolader MGU-H fängt die Abgasenergie auf und hält den Turbo unter Druck, damit die Ansprechzeit beim Anfahren oder bei Lastenwechseln möglichst reduziert wird.

Mit der rückgewonnenen Energie werden vier Elektrogruppen gespeist. Zwei davon mit insgesamt 326 PS treiben wie bei einem LMP1-Auto, das am 24-Stunden-Rennen von Le Mans zum Einsatz kommt, je ein Vorderrad an.

Die dritte ist im Turbolader integriert, die vierte befindet sich an der Kurbelwelle. Insgesamt bringt es der Project One also auf über 1000 PS. Entsprechend gross sind die Leistungsversprechen: Der Bolide soll in knapp 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen, in weniger als 6 Sekunden von 0 auf 200 km/h schiessen und ein Spitzentempo von über 350 km/h erreichen.

Eine so ausgeklügelte Technologie erfordert auch eine häufigere Wartung. Wie bei einem echter Formel-1-Wagen muss der Motor des Project One alle 50’000 km überholt werden.

Die Ingenieure haben mehrere Betriebsarten eingebaut, die simultan auf den Motor, das automatisierte Achtgang-Schaltgetriebe, die Steuerung und die aktive Federung wirken.

Dadurch hat der Fahrer die Möglichkeit, lautlos und nur mit Elektroantrieb zu fahren (Reichweite: 30 km). Wie bei jedem renommierten Hypercar bestehen Chassis und Karosserie ausschliesslich aus Karbon. Der Project One macht nämlich nicht nur leistungsmässig, sondern auch optisch viel her.

Funktionsgerechtes Design

Auffallend sind die vielen Lufteinlässe, allen voran der dynamische Lufteinlass in Form einer Haifinne, der sich über das Heck zieht. Er leitet die Luftströme zum mobilen Heckflügel.

Für besseren Halt wird er in Kurven oder beim Bremsen ausgefahren und beim Beschleunigen auf gerader Strecke zur Reduktion des Luftwiderstands und zur Tempooptimierung eingezogen. Aktive Lüftungsschlitze an den Flügeln regeln den Anpressdruck auf die Vorderachse.

Hinten führt ein zweigeteilter Diffusor den Luftstrom für mehr Bodenhaftung unter dem Auto durch, sodass der Project One auch bei hoher Geschwindigkeit sicher in der Kurve liegt. Das Interieur besticht durch funktionalen Minimalismus.

Zur Gewichtsoptimierung (1280 kg Leergewicht) wurde die Ausstattung auf das Nötigste reduziert. Zwei in die Struktur integrierte Schalensitze mit anpassbarer Sitzposition und justierbaren Pedalen, ein Sportlenkrad und eine digitale Instrumententafel mit zwei Displays – mehr bietet das Cockpit nicht.

Zurück in der Schweiz

Die ersten Project One sollen Anfang 2019 ausgeliefert werden. Fans und vermögende Sammler konnten aber schon vorher testen und rissen sich
geradezu um den Boliden. Alle 275 Exemplare sind bereits verkauft, zum Stückpreis von 2,5 Mio. € plus Mehrwertsteuer.

Kleine Anekdote: Die Verkäufe endeten dort, wo sie begonnen hatten, nämlich in der Schweiz. Die ersten Project One wurden in Genf bestellt, das letzte Exemplar wird nach Zürich gehen. Es wurde zugunsten der Laureus-Stiftung für 5,3 Mio. Fr. versteigert. 2,1 Mio. fliessen also direkt in soziale Förderprojekte für benachteiligte Kinder und Jugendliche.

Bis zur Schlüsselübergabe wird sich der amtierende Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton höchstpersönlich an den Feineinstellungen des Supersportwagens beteiligen.