Märkte / Kunstmarkt

Prominenz bringt GeldProvenienz wirkt preisbildend – Kunsthandel wird zum Reliquienhandel – Kunstfälscher werden zu Markenpiraten

Christian von Faber-Castell

CHRISTIAN VON FABER-CASTELL

Aus allen Holzsplittern, die angeblich von Jesu Christi Kreuz auf dem Schädelberg stammen und die einst als heilbringende Reliquien gehandelt und verehrt wurden, liessen sich vermutlich mehrere solcher Kreuze zusammensetzen. Tatsächlich bildete der Handel mit Reliquien von Jesus, aber auch von Märtyrern und Heiligen einst eine wichtige Einnahmequelle des katholischen Kirchenkonzerns.

Ketzern zufolge soll dieser Handel sogar so lukrativ gewesen sein, dass die Reformationen im 16. Jh. nicht nur von edlen Glaubensgründen, sondern mindestens so sehr von schnödem Futterneid nördlicher Herrscher getragen wurden. Denn obschon diese mit ihren Kreuzzügen wertvolles Reliquienrohmaterial aus dem Morgenland beschafft hatten, waren sie vom damit erwirtschafteten Geldsegen weitgehend ausgeschlossen.Aber auch der Handel mit den Souvenirs weltlicher Prominenz floriert schon seit langer Zeit mit all seinen Auswüchsen. Hätte beispielsweise Napoleon Bonaparte wirklich alle die Briefe und Dokumente, die von seiner Hand stammen sollen, eigenhändig signiert, dann hätte er daneben kaum mehr Zeit für seine Feldzüge und Eroberungen gefunden.

Personenkult

Einst konzentrierte sich der Handel mit den handfesten Belegstücken solchen Personenkults auf das Kunstmarktspezialgebiet der sogenannten Autographen. Dies umfasst den Handel mit handschriftlichen oder eigenhändig signierten Manuskripten, Briefen, Autogrammfotografien und ähnlichen Dokumenten von berühmten Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern sowie Superstars aus Sport und Showbusiness.

Heute jedoch wirkt der Berühmtheitsbonus im ganzen Kunstmarkt preisbildend. Die Herkunft eines Kunstgegenstands oder seine Provenienz spielt oft sogar eine wichtigere preisentscheidende Rolle als seine übrigen Qualitäten.Zum eigentlichen Markenartikel wurden Kunstwerke allerdings erst seit der Renaissance, als Künstler begannen, ihre Arbeiten zu signieren. Ihren Höhepunkt hat diese Marketingkunst damit erreicht, dass die Werke von Kunstmarktmegastars selbst zur unverwechselbaren Marke wurden. Arbeiten eines Renoir, Picasso, Cézanne, Van Gogh, Hodler, Chagall, Miró und erst recht eines Warhol oder Lichtenstein bedürfen keiner Signatur, um als Markenartikel erkannt zu werden. Bewertet und bezahlt werden heute häufig nicht mehr die Kunstwerke selbst, sondern die Künstler hinter ihnen. Zu den unerwünschten Nutzniessern dieser Entwicklung gehören die Fälscher, die heute auch in der Kunst vor allem Markenpiraten sind.Mit der Schnelllebigkeit des Kunstmarktes und seiner unüberschaubaren Produktvielfalt wird das qualitative Urteilsvermögen gelegentlicher Kunstkäufer überfordert. Künstlernamen und Provenienzangaben bieten hier ersatzweise eine ähnliche Sicherheit wie Luxusmarken. Mit einer Armbanduhr von Patek Philippe erwirbt man automatisch bestmögliche Uhrmachertechnik, und wo Picasso draufsteht, da steckt solide, marktbewährte Kunst drin. Die Provenienz eines Kunstwerks aus einer für ihre Qualität berühmten Sammlung bietet eine ähnliche zusätzliche Sicherheit wie der Kauf einer Spitzenuhr in einem anerkannten Fachgeschäft. Die Häufung schwer erkennbarer Fälschungen hat die Bedeutung seriöser Fachgeschäfte und erstklassiger Provenienzen sowohl im Luxusgüter- als auch im Kunstmarkt in den letzten Jahrzehnten noch erhöht.Wer beispielsweise ein Bild aus der Privatsammlung des Grosskunsthändlers Ernst Beyelers ersteigerte, ging davon aus, dass dieses Kunstwerk echt und gut sein muss. Die Möglichkeit, dass einzelne dieser Werke von Beyeler nur deshalb aus dem Galerielager in seinen privaten Bestand aufgenommen wurden, weil es sich um unverkäufliche Fehleinkäufe handelte, sollte dieses Sicherheitsgefühl nicht trüben. Ein nachweislich aus dem Versailler Schloss des Sonnenkönigs stammendes Louis-XIV-Möbel bietet sogar noch mehr Qualitätssicherheit.

Wie lange wirkt Ruhm?

Wer kürzlich ein Souvenir aus dem üppigen Juwelenbestand der ehelustigen Filmgöttin Liz Taylor ersteigert hat, hat die Gewissheit, beste Juwelenqualität erworben zu haben, weil Richard Burton und ihre anderen Juwelensponsoren ausschliesslich makellose Edelsteine in den besten Häusern gekauft hatten. Der Prominentenbonus von mehreren hundert Prozent vieler dieser Filmdiva-Souvenirs spiegelt auch die junge Geschichte Amerikas, das eben noch keine historischen Persönlichkeiten vom Range eines Sonnenkönigs oder eines Napoleon zu feiern hat.

Aus Kunstmarkt- und Kapitalanlagesicht stellt sich die Frage nach der Beständigkeit unterschiedlicher Prominentenboni. Ein Testobjekt hierfür ist Liz Taylors für 11,8 Mio. $ versteigertes Rubin- und Diamantencollier mit der historischen Peregrina-Perle, die vor ihr so berühmten Vorbesitzern wie 1582 dem spanischen König Philipp II. und seiner Gemahlin, Königin Mary I. von England, gehört hatte. Allerdings dürfte sich erst in einigen hundert Jahren beurteilen lassen, wer den Kunstmarktpreis dieses Juwels stärker beeinflusst, der weltbewegende spanische Renaissancekönig und Grosskolonialisator Amerikas oder eine Hollywoodkaiserin, zu deren grössten Verdiensten einige nicht ganz so weltbewegende Filme gehörten – sowie ihre Fähigkeit zu serieller Polygamie. Wer Kunstgegenstände auch unter dem Gesichtspunkt der Kapitalanlage kauft, sollte jedenfalls die Kurzlebigkeit von Ruhm und Glamour und die Vergänglichkeit entsprechender Provenienzaufpreise im Auge behalten.

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