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Pugibet und Porfirio – Modernisierer Mexikos

Ernesto Pugibet traf den guten Ton: Seine Zigarrenfabrik El buen tono versorgte um die vorige Jahrhundertwende den einschlägigen mexikanischen Markt gut zur Hälfte. Zu den besten Zeiten lieferte der Betrieb täglich bis zu anderthalb Millionen Zigarren aus: selige Epoche, in der wahre Caballeros noch mit Sombrero auf dem Kopf und Cigarro unterm Schnauz zu flanieren pflegten. Der aus Frankreich via Kuba nach Mexiko-Stadt zugewanderte «empresario galo» war ein findiger, rühriger Geschäftsmann, der es in Mexikos Wirtschaft bis ganz nach oben brachte.

Ernesto Pugibet stammte aus der Gegend von Toulouse und traf 1879, mit jugendlichen 26 Jahren, in Mexiko ein: Damals noch ein vorwiegend landwirtschaftlich-gewerblich geprägtes Land, weit im Rückstand auf den grossen Nachbarn USA, auf viele europäische Länder und das rasant aufholende Japan; sein Start als Zigarrenhersteller und -händler folgte denn auch noch der Heimwerkertradition. Doch bereits 1886 liess Pugibet eine Maschine zum Rollen von Zigarren patentieren, ein eisernes Ungetüm, wie es die Aktie seiner Gesellschaft prominent zeigt: Damit setzte er in Mexiko die industrielle Massenfertigung von Rauchwaren in Gang.

Das passte exakt zum Zeitgeist des «Porfiriato». Das war die Ära des Präsidenten Porfirio Díaz, der von 1876 bis 1911 Mexiko seinem Generalsrang entsprechend mit eiserner Faust regierte und die Republik, ohne hinderliches­ Zartfühlen, modernisierte; dabei setzte er auf Industrialisierung und ausländische Direktinvestitionen. 1893 besuchte Don Porfirio Díaz die Fabrik Pugibets und war, wie Zeitungen überliefern, höchst angetan von dem, was ihm vor Augen und unter die Nase geführt wurde – da dürften sich zwei Seelenverwandte gefunden haben. Doch der wendige Unternehmer Pugibet überstand auch den Sturz des ­Regimes und wirkte weiter, bis zu seinem frühen Tod 1915; das abgebildete Papier (unten links die Signatur des Patrons) stammt denn auch von 1912. Zu dieser Zeit beschäftigte El buen tono über 2000 Arbeitskräfte und war einer der grössten Betriebe im Lande.

Ernesto Pugibet war eine Gestalt der Gründerzeit: ein Rast-ich-so-rost-ich-Typ. Zu seinem durchschlagenden Erfolg trug wesentlich bei, dass ihm auch in der Marktbearbeitung nur das Neuste recht war: Verkaufsstrategien, die gerade in den USA und in Europa en vogue waren. Er liess, auch in dieser Hinsicht eine Pionierleistung in Mexiko, die Marke professionell und einfallsreich bewerben und setzte Kampagnen in Gang, sodass El buen tono wirklich bald zum guten Ton ­gehörte. Den Geldstrom aus der Tabakverarbeitung, deren Kapital er dem Publikum geöffnet hatte, investierte Pugibet in Banken, in Eisenbahn-, Brauerei- oder Textilgesellschaften.

Von der alten Tabacalera ist nichts mehr erhalten. Doch wo sie stand, findet sich ganz simpel: dort, wo im Herzen der riesigen Metropole Ciudad de México die Strassen Ernesto Pugibet und Buen Tono aufeinandertreffen.