Meinungen

Putins Pleite ist Pekings Profit

Der Überfall auf die Ukraine schwächt Russland. Damit erhält China namentlich in Südostasien zusätzlichen Manövrierraum, um seine hegemonialen Pläne voranzutreiben. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli, Tokio
«Für Asien ist Russland ein Entwicklungsland, das ausser Rohstoffen kaum etwas zu bieten hat und dessen Binnenmärkte wenig attraktiv und im Vergleich zu denjenigen westlicher Industriestaaten belanglos sind.»

Der von Putin losgetretene Krieg in der Ukraine hat weitreichende und nachhaltige geopolitische Gewichtsverlagerungen in Ostasien zur Folge. Die USA, deren verbockter Rückzug aus Afghanistan zu einem grossen Ansehensverlust bei den prowestlichen Asiaten geführt hatte, sehen sich als global einsatzfähige Ordnungsmacht bestätigt. Die Prognosen über ein baldiges Ende der Pax Americana in Asien sind wieder leiser geworden. Man nimmt zur Kenntnis, dass die Europäer und besonders Europas grösste Wirtschaftsmacht, Deutschland, ohne die USA militärisch machtlos sind. Man hat aber auch erkannt, dass das von der Covid-19-Pandemie heimgesuchte China, wenn es um die militärische Unterstützung seines vorgeblich «besten Freundes» Russland geht, weitgehend ein Papiertiger ist.

Der russische Sicherheitsexperte Sergej Karaganow bezeichnet China als «Russlands strategisches Kissen», doch zeigt das Verhalten der chinesischen Führung, dass China weder willens noch fähig ist, die «wirtschaftliche Entfremdung» Russlands vom Westen zu kompensieren. Die Frage stellt sich, wie viel der diplomatischen und wirtschaftlichen Expansion, die Russland in den vergangenen Jahren mit gesteigertem Selbstbewusstsein in Ostasien vorangetrieben hatte, nach dem Krieg in der Ukraine noch übrig bleiben wird.

Vor der Invasion der Ukraine hatten mehrere südostasiatische Staaten das verstärkte Engagement Russlands im indopazifischen Raum als Gegengewicht zu den USA und, meist versteckt, als Alternative zum Hegemonen China begrüsst. Davon dürfte heute nicht mehr viel vorhanden sein. Auch ist eine tiefe Ernüchterung über die wirklichen Stärken und Schwächen Russlands eingetreten. Zu den offenkundigen Mängeln und dem eklatanten Versagen der russischen Militärmacht kommt die Schwäche der russischen Wirtschaft, die durch die Sanktionen noch auf weite Zukunft hinaus schwer beschädigt sein dürfte. Auch ohne die unnötigen Verheerungen, die sich Russland durch den Krieg aufgebürdet hat, hatte Moskau im Wettbewerb mit den Giganten USA, China, EU und Japan von vornherein nicht viel zu melden.

Wirtschaftliches Leichtgewicht

Es ist, wenn geopolitische Gedankenspielereien angestellt werden, stets wichtig, sich die wahren Kräfteverhältnisse vor Auge zu halten, und da sprechen nackte Zahlen eine deutliche Sprache. Das gesamte Handelsvolumen zwischen der Volksrepublik China und den zehn Mitgliedern der südostasiatischen Regionalorganisation Asean belief sich gemäss offiziellen chinesischen Angaben 2020 auf 685 Mrd. $, ein gigantischer Sprung, wenn man bedenkt, dass das Volumen dreissig Jahre früher ganze 8,4 Mrd. $ betragen hatte.

Die USA, deren Handelsvolumen mit Asean 2020 rund 360 Mrd. $ erreichte, rangieren zwar weit hinter China, doch mit bloss 18 Mrd. $ ist das russisch-südostasiatische Handelsvolumen belanglos. Zu erwarten ist, dass es wegen der Sanktionen zudem von bereits niedrigem Niveau aus noch kräftig schrumpfen wird. Aber auch wenn die Sanktionen dereinst aufgehoben werden sollten, sind die Aussichten düster.

Russland mag zwar seine Exporte nach Asien durch gesteigerten Absatz von Erdöl und Erdgas (NG 8.79 -2.06%) nach China und Indien aufbessern, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass für Asien Russland ein Entwicklungsland ist, das ausser Rohstoffen kaum etwas zu bieten hat und dessen Binnenmärkte wenig attraktiv und im Vergleich zu denjenigen westlicher Industriestaaten belanglos sind. Zu den Kriegsfolgen gehört, dass Russland technologisch weiter zurückfallen wird und zudem in einem der wenigen Bereiche, in denen es Erfolge hatte, nämlich der Rüstungsgüterindustrie, schwere Reputationsschäden wird in Kauf nehmen müssen.

Nun ist Putin der Getriebene

Es ist naheliegend, dass der Wettbewerb um das Füllen der Lücken, die die substanzielle Selbstzerstörung hinterlässt, die Russland sich beigefügt haben wird, bereits im Gange ist. Wie unschwer zu erkennen ist, wird das wirtschaftliche und technologische Erbe, das es zu verteilen gibt, geringfügig sein. Umso interessanter ist die geopolitische Hinterlassenschaft, die Russlands Schwächung und Statusverlust zur Folge haben werden.

Zu Beginn des Krieges hatte es so ausgesehen, als ob Moskau Peking ausgestochen hätte, indem es der Welt demonstrierte, dass Russland die Gangart bestimmt, sobald es um Krieg und Frieden geht, während China, das aus ökonomischen und politischen Gründen ein vitales Interesse an einer stabilen internationalen Ordnung und einer florierenden Weltwirtschaft hat, von Ereignissen jenseits seiner Kontrolle getrieben wurde. Nur gerade in seiner Bereitschaft, den Krieg gegen die Ukraine nicht während der Pekinger Winterolympiade loszutreten, zeigte sich Putin konziliant.

Inzwischen sind die Dinge für Moskau in militärischer und diplomatischer Hinsicht so schlecht gelaufen, dass Putin der Getriebene ist. Niemand scheint daran zu zweifeln, dass Russland der grosse Verlierer ist und die USA, China und Indien bereits Pläne für die Zeit schmieden, da Putin und seine Komparsen vor dem Scherbengericht stehen werden.

Ein Vakuum wird immer gefüllt

In der Geopolitik gibt es auf Dauer kein Vakuum. Entsprechend ist es deshalb bereits heute geboten, Überlegungen anzustellen, welche sicherheitspolitischen Konsequenzen für Südostasien aus der Schwächung Russlands erwachsen. Dies ist auch für Europa von Bedeutung, da Südostasien, das Scharnier zwischen der indischen und der chinesischen Welt, für den Welthandel und für die Sicherheit der globalen Lieferketten von grossem Gewicht ist. Die Meerenge von Malakka und die Strasse von Taiwan gehören zu den wichtigsten Seewegen der Welt.

Russland hat in Südostasien keine permanente militärische Präsenz. Sein geostrategischer Einfluss war indirekter Natur und resultierte aus seiner historisch gewachsenen Rolle als eurasisches Imperium. Mit Indien hat Russland zwar keine gemeinsamen Grenzen, doch hat es sich seit dem «Great Game» mit dem britischen Empire stets auch als Machtfaktor in Südasien geriert. Der Vorstoss an die Gestade des Indischen Ozeans gehörte stets zu den imperialen Träumen grossrussischer Nationalisten.

Indien muss umdenken

Nach Indiens Unabhängigkeit war Moskau ein solider Pfeiler von Delhis Sicherheitspolitik. Zum Grossteil seiner Rüstung hängt Indien auch heute noch von Russland ab. Dies soll sich ändern, und Indien stützt sich als Antwort auf ein aggressiveres China vermehrt auf die USA ab. Immerhin, zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint die indisch-russische Sonderbeziehung nach wie vor zu funktionieren. Es fragt sich allerdings, wie viel sie als Gegengewicht zu China noch wert ist.

Noch unmittelbarer betroffen von der Schwächung Russlands ist Südostasien, wenn es um die hegemoniale Macht Chinas geht. Mit dem Abstieg Russlands wächst die Rückenfreiheit Chinas in Zentralasien und im Fernen Osten. Dies stellt militärische Kapazitäten in Südostasien frei, was besonders Pekings Expansionsabsichten im Südchinesischen Meer und seinen militärischen Druck auf Taiwan begünstigt. Die militärische und wirtschaftliche Schwächung Russlands wird es China zudem erlauben, im Rahmen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) seinen Einfluss in Zentralasien auszubauen, eine weitere, seit dem Zerfall der UdSSR gehegte geopolitische Ambition Chinas.

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