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Putins Trumpfkarte

Wladimir Putin und Donald Trump hätten sich gegenseitig verdient. Beide sind perfekte Propagandisten und Darsteller, beide sind bereit, für den eigenen Vorteil zu schikanieren, zu predigen und zu lügen. Ein Kommentar von Nina Chruschtschowa.

Nina Chruschtschowa, New York
« Sollten die USA Trump zum Präsidenten wählen, werden sie in Russland einen Freund haben, wenn auch fast nirgendwo sonst.»

Auf seiner alljährlichen Pressekonferenz zum Jahresende war der russische Präsident Wladimir Putin ebenso informell, dreist und beleidigend wie Donald Trump, sein bevorzugter amerikanischer Präsidentschaftskandidat. Eine Frage über den Zustand des Staates beantwortete er mit einem Witz:

«Wie ist dein Leben?», fragt ein Mann einen anderen.

«Mein Leben besteht aus Streifen, schwarzen und weissen Streifen, immer abwechselnd», antwortet der zweite Mann. «Im Moment bin ich im schwarzen Streifen.»

Sechs Monates später treffen sie sich erneut. «Wie ist dein Leben?», fragt der erste Mann wieder. «Ich weiss, dass es aus Streifen besteht, aber welcher ist jetzt dran?»

«Der schwarze», antwortet der zweite Mann. «Und es sieht so aus, als sei es beim letzten Mal doch der weisse gewesen.»

Orwellsche Doppelsprache

Der Rest von Putins Pressekonferenz war ebenso zynisch. Wiederholt behauptete er, Russland und der schnell niedergehenden Wirtschaft des Landes gehe es gut – etwas, was noch nicht einmal seine engsten Unterstützer glauben.

Nach fünfzehn Jahren solcher Auftritte habe ich mich an Putins orwellsche Doppelsprache gewöhnt – Krieg ist Frieden, Unwissen ist Stärke usw. Aber diesmal hat er seinen Bombast zu einem neuen Höhepunkt gebracht.

Putin bestand darauf, der Rückgang des russischen BIP um etwa 3,7% im vergangenen Jahr sei in erster Linie durch fallende Ölpreise verursacht worden. Die westlichen Sanktionen aufgrund seines Krim-Feldzugs erwähnte er nur kurz. Und er gab zwar mit den russischen Fremdwährungsreserven in Höhe von 364 Mrd. $ an, erwähnte jedoch nicht die bedrückende jährliche Inflationsrate des Landes von 12,3% oder die Tatsache, dass ein Grossteil dieser Reserven bereits verpfändet ist.

Realitätsfremd

Dass Putin derart die Gesundheit der russischen Wirtschaft beschwört, erinnert an seinen eigenen Witz. Entgegen seinen Beteuerungen ist der aktuelle schwarze Streifen verglichen damit, was noch kommt, wahrscheinlich weiss. In der Tat bezeichnete eine Gruppe russischer Ökonomen Anfang Dezember die Regierungsvorhersage einer Erholung im nächsten Jahr als völlig «realitätsfremd».

Auf der jährlichen Pressekonferenz hatte Putin auch die ausgiebige Gelegenheit, das russische Engagement in Syrien in ein gutes Licht zu stellen. Immerhin wird es trotz der üblichen russischen Geheimniskrämerei über militärische Verluste schwierig sein, die öffentliche Unzufriedenheit über die zurückkehrenden Särge zu beschwichtigen.

Putin versicherte, Russland sei nicht «syrischer als die Syrer selbst», und er bestand darauf, die Vereinigten Staaten sollten sich nicht in den politischen Prozess des Landes einmischen. Die amerikanische Politik, so sagte er, sei derart zusammenhangslos gewesen, dass dies ein russisches Eingreifen gerechtfertigt habe. Trotz aller gegenteiligen Anzeichen prophezeite Putin auch, Russlands Anwesenheit in Syrien werde nicht über die Lösung des Konflikts hinaus andauern. Aber Russland verfügt bereits jetzt über Flotten- und Luftstützpunkte in Tartus und Latakia, die sicherlich verteidigt werden.

Wie Katharina die Grosse

In der Tat legen die russische Annexion der Krim und die Invasion in der Ostukraine nahe, dass Putin Gebiete sammelt und nicht etwa aufgibt – jedenfalls nicht, wenn er dafür nichts zurückbekommt. Einst hat er Katharina die Grosse als seine liebste russische Regentin gelobt: «Sie hat weniger Blut vergossen, aber mehr Land gewonnen als Peter der Grosse.» 1772 schickte Katharina ein Kriegsschiff nach Syrien, um den Bewohnern beim Kampf gegen das Osmanische Reich zu helfen. Zwei Jahre später verliess sie die Region, zufrieden mit den osmanischen Zugeständnissen bezüglich der Krim. Putin scheint ein ähnliches Ergebnis zu beabsichtigen.

Wie Katharina hofft Putin, aus seinen Invasionen Gewinn schlagen zu können. Die Ukraine bleibt weiterhin Russlands erste Priorität. Der Kreml denkt, durch die Intervention in Syrien in einem Konflikt, der für Europa und die USA von entscheidender Bedeutung ist, könne er gegenüber den westlichen Partnern der Ukraine Vorteile gewinnen. Verglichen mit der Möglichkeit eines grossen Kuhhandels, der Putins Ansprüche näher zu Hause sichert, scheinen die Folgen, darunter militärische Verluste und die Bedrohung durch die Rache des IS, zu verblassen.

Putin ist so sicher, dass er alle Karten in seiner Hand hält, dass er sich sogar bemühte, seine üblichen antiamerikanischen Ausfälle zu mildern. Er sagte, er unterstütze die Bemühungen von US-Aussenminister John Kerry, Themen gemeinsam zu behandeln, «die nur gemeinsam gelöst werden können», und er sei bereit, «mit jedem Präsidenten zusammenzuarbeiten, den das amerikanische Volk wählt».

Sympathie für «The Donald»

Welchen Kandidaten Putin allerdings gern im Weissen Haus sähe, steht kaum in Frage. In Bemerkungen nach der Pressekonferenz pries er Donald Trump als «sehr schillernde und talentierte Person» und als «absoluten Anführer des Rennens um die Präsidentschaft».

Die beiden Männer hätten sich sicher gegenseitig verdient. Beide sind perfekte Propagandisten und Darsteller. Und beide sind nur zu bereit, für den eigenen Vorteil zu schikanieren, zu predigen und zu lügen. Man muss nur Trumps Ratschlag aus seinem Buch «How to Get Rich» («Wenn dir jemand schadet, verfolge ihn so heftig und gewalttätig, wie du kannst») mit Putins Beschreibung vergleichen, wie man gegen Terroristen kämpft («Wir werden sie jagen und töten, sogar noch auf der Toilette»).

Trump hat seine Kampagne auf Ignoranz aufgebaut, die sich als Stärke verkleidet. Sein simplistischer Wahlspruch – «Macht Amerika wieder gross!» – könnte aus Putins Anleitung stammen, wie man Inkompetenz und Charakterschwäche durch Allmachtsfantasien und scheinbar mutige Führerschaft kaschiert.

Putin plant, noch mindestens ein Jahrzehnt an der Macht zu bleiben. Sollten die USA Trump zum Präsidenten wählen, werden sie in Russland einen Freund haben, wenn auch fast nirgendwo sonst.

Copyright: Project Syndicate.