Zum Thema: Die neuen Nifty Fifty

Qualität zu jedem Preis: Lehren aus der Nifty-Fifty-Euphorie

Vor ziemlich genau fünfzig Jahren setzte in den USA die Rally der Nifty-Fifty-Aktien ein. Ungeachtet der Bewertung enteilten diese Qualitätstitel dem Gesamtmarkt. Dann folgte der Absturz.

Auf der Flucht vor der Geldschwemme und dem damit verbundenen Anlagenotstand haben Investoren den Fokus auf Qualitätsaktien gerichtet: Titel von Unternehmen, die dank hoher freier Cashflows, solider Bilanzen und starker Wettbewerbsposition konstant wachsende Gewinne und Dividenden erwirtschaften.

Das Sicherheitsbedürfnis der Anleger ist gross. Das globale Wachstum entwickelt sich nach wie vor schleppend, die politische Unsicherheit ist hoch. Tiefe oder gar negative reale – das heisst nach Abzug der Inflationsrate – Zinsen bestrafen die Sparer. Gleichzeitg schüren hohe Staatsschulden die Angst, dass Politiker die Probleme «weginflationieren» wollen. Anleger flüchten deshalb in Sachwerte wie Gold (Gold 1425.43 -1.43%), Immobilien oder eben Aktien von soliden Unternehmen. Mittlerweile sind viele Investoren der Ansicht, dass Dividendentitel wie Nestlé (NESN 102.6 -1.06%) eher einer risikoarmen Anlage entsprechen als etwa Schweizer Staatsobligationen.

Als Konsequenz dieser Anlegergunst werden Qualitätsnamen wie Nestlé, Novartis (NOVN 92.7 0.26%), Coca-Cola (KO 51.39 -1.23%), Johnson & Johnson (JNJ 130.31 -1.33%) oder Unilever inzwischen zu sportlichen Preisen gehandelt. Das scheint jedoch kaum jemanden zu beunruhigen. Dieses Muster erinnert an die Sechzigerjahre. Damals gab es bereits einmal eine Phase, in denen eine Gruppe grosser, stabiler Unternehmen trotz hoher Bewertungen stark abschnitt, während der Gesamtmarkt in einem breiten Seitwärtstrend verharrte.

Reimt sich die Geschichte?

Diese Unternehmen wurden bekannt unter dem Begriff Nifty Fifty – die schicken Fünfzig. Beispiele der damaligen Nifty Fifty sind Coca-Cola, Johnson & Johnson, McDonald’s (MCD 213.87 -0.94%), Pfizer (PFE 42.77 -0.67%), Procter & Gamble (PG 115.01 -0.37%) und Walt Disney (DIS 139.85 -1.26%).

Aktien dieser Unternehmen, so die damalige Überzeugung, kaufte man und hielt sie für immer im Depot. Deshalb wurden sie manchmal auch One-Decision-Aktien genannt. Anleger mussten demnach ­lediglich eine Entscheidung – nämlich zum Kauf – fällen und sich keine weiteren Gedanken mehr über ihr Investment machen. Ein willkommener Nebeneffekt für die Kundenberater: Eine Empfehlung, in solch grundsolide Unternehmen zu investieren, konnte kaum Anlass zur Beschwerde von Kunden geben. Wie die Grafik ganz links zeigt, wurden Anleger für ihre ­Titelselektion belohnt: In den acht Jahren von 1964 bis zum Höhepunkt 1972 schnitten die Nifty Fifty-Aktien pro Jahr um 15% besser ab als der Gesamtmarkt. Über die gesamte Zeitspanne resultierte eine Outperformance von gegen 200%.

Ein entscheidender Grund für die Popularität dieser Blue- Chip-Aktien dürfte deren Gewinnwachstum  gewesen sein. Gemäss Daten von Nobelpreisträger  Robert Shiller durchlebte der US-Aktienmarkt Mitte der Sechzigerjahre und an der Schwelle zu den 1970ern eine heftige Gewinnrezession. Die inflationsbereinigten Gewinne der im US-Leitindex S&P 500 (SP500 2976.61 -0.62%) enthaltenen Unternehmen sanken von November 1966 bis Dezember 1970 um ein Viertel. In einem ­solchen Umfeld erstaunt es wenig, dass Anleger für solide Unternehmen, die ihre Gewinne zu halten oder zu steigern vermochten, eine Prämie zu zahlen bereit waren.

Höhenflug und Absturz

Im Höhepunkt der Euphorie Ende 1972 zeigte sich ­jedoch ein krasses Auseinanderdriften in den Bewertungen zwischen Nifty-Fifty-Aktien und Gesamtmarkt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von durchschnittlich beinahe 45, einem Kurs-Buch-Verhältnis von über acht und einer Dividendenrendite von mageren 1% hatte die Bewertung der Gruppe ­extreme Werte erreicht. So handelten Avon Products (AVP 3.97 0.51%), Baxter International, Johnson & Johnson, McDonald‘s und Walt Disney zu KGVs von 55 bis 60. Für den Spitzenreiter Polaroid waren Anleger gar bereit, das 93-fache des Jahresgewinns zu bezahlen. Zum Vergleich: der S&P 500 handelte zu einem KGV von 18 und offerierte eine Dividendenrendite von 2,7%.

Es kam, wie es kommen musste: Auf den Höhenflug folgte der Crash. Viele der Überflieger stürzten mit der Rezession Anfang der Siebzigerjahre ab. Coca-Cola, Inbegriff der Stabilität, büsste vom 1972 erreichten Höchst bis Ende 1974 rund 70% seines Werts ein. Mit einem Einbruch von knapp 60% musste auch IBM (IBM 149.68 0.03%) kräftig Federn lassen. Über die folgenden acht Jahre schnitten die Nifty Fifty 33% schlechter ab der S&P 500 und gaben damit einen Grossteil der in den Jahren zuvor erzielten Outperformance wieder preis.

Es zeigte sich somit mit schöner Deutlichkeit, dass eine gutes Unternehmen nicht gleichbedeutend ist mit einer guten Investition. Es kommt immer auf den dafür bezahlten Preis an.

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