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Raiffeisens Augenwischerei

Die Bank wird den Gehrig-Bericht über ihre Vergangenheit nicht veröffentlichen, das muss ihr von Anfang an klar gewesen sein. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Valentin Ade.

«Wenn Raiffeisen Schweiz schon nicht Transparenz schaffen will oder kann, sollte sie zumindest ehrlich sein.»

In einem Monat erscheint ein weiterer Bericht über die zweifelhafte Vergangenheit von Raiffeisen Schweiz. Er gesellt sich zu den bereits erstellten, teils desaströsen Berichten über die Zeit unter Ex-Chef Pierin Vincenz hinzu. Wirtschaftsgrösse Bruno Gehrig durchleuchtet zurzeit für Raiffeisen die Ära des ehemaligen Bündner Überbankers, der nächstes Jahr mit einer Anklage wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung rechnen muss.

Der Gehrig-Bericht, aus dem nur die Schlüsselerkenntnisse publik werden sollen, wird ein weiteres Armutszeugnis für Raiffeisen werden, wie «Finanz und Wirtschaft» erfahren hat. Übernahmen wurden ausserordentlich schlampig durchgeführt. Wer das wusste, konnte dies ausnutzen und sich auf Kosten der Bank bereichern.

Die neue Führung Raiffeisens unter Interimspräsident Pascal Gantenbein kann nach Vorstellung der Kurzfassung des Gehrig-Berichts sagen: «Schaut her, wir stellen uns der Vergangenheit und machen es jetzt schon viel besser.» Seit Monaten wird von Raiffeisens Führungsfiguren vollmundig dieser Neuanfang propagiert, der in einem Monat mit der Wahl des neuen Verwaltungsratspräsidenten Guy Lachappelle und zum Jahreswechsel mit einem neuen CEO seine Fortsetzung finden soll.

Transparenz ist eines der Schlagworte, das die Vertreter der neuen Raiffeisen dabei stets im Munde führen. Auf Nachfrage versprach Interimspräsident Gantenbein stets, die Veröffentlichung des gesamten Gehrig-Berichts zu prüfen. Die Herausgabe wäre ein starkes Zeichen einer neu gelebten Transparenz gewesen. Wäre, denn Raiffeisen Schweiz wird auch diesen Bericht über die eigene Vergangenheit unter Verschluss halten, wie «Finanz und Wirtschaft» erfahren hat.

Diese Tatsache ist in dreifacher Hinsicht schädlich für die Bank: Berichte nicht zu veröffentlichen, hinterlässt immer den Beigeschmack der Zensur. Man fragt sich, ob wirklich alle heiklen Ergebnisse bekannt gemacht wurden. Wen will man eigentlich schützen? Zweitens bleibt die versprochene Transparenz dadurch ein reines Lippenbekenntnis. Und drittens ist das unerfüllte Versprechen von Transparenz kommunikativ ein äusserst schlechter Neuanfang. Wenn Raiffeisen Schweiz schon nicht Transparenz schaffen will oder kann, sollte sie zumindest ehrlich sein.

Gantenbein & Co. wussten von Anfang an, dass die sensiblen Dokumente, deren Inhalt Gehrig sichtet und in seinem Bericht ausbreiten wird, teilweise unter das Bankgeheimnis, den Persönlichkeitsschutz oder andere strafrechtliche Beschränkungen fallen. Dann zu sagen, die Veröffentlichung des Berichts werde geprüft, war schlicht ein «Bschiss».

Und ob es unter einem neuen Verwaltungsratspräsidenten Guy Lachappelle ab 10. November transparenter zugehen wird, darf bezweifelt werden. Die Basler Kantonalbank, deren Chef Lachappelle noch bis zum 22. Oktober sein wird, streitet bis vors Bundesgericht, um interne Untersuchungsberichte geheim halten zu können. Toller Neuanfang.

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