Kaffee mit…

Ralf Glabischnig, Unternehmer

Ralf Glabischnig lädt ins Crypto Valley Café an der Dammstrasse 16 in Zug zum Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Es ist nicht wirklich ein öffentliches Café, ­sondern mehr Kantine der Mitarbeiter der in den Crypto Valley Labs angesiedelten Blockchain-Firmen. Eine Bedienung gibt es nicht. Das Essen muss man selbst mitnehmen, den Kaffee selbst rauslassen. Vier Tische mit Stühlen sind im Crypto Valley Café vorhanden, zwei Sofas, eine Bar mit Kaffee­maschinen und Kühlschrank sowie ein paar Pflanzen. Nicht zu übersehen in der Mitte des Raumes: der Geldwechselautomat für Kryptowährungen. Hier – und im zugerisch-schweizerischen Crypto Valley überhaupt – fühlt sich Glabischnig wie zu Hause.

Im Crypto Valley Café trinkt der 42-jährige Unternehmer und Investor am Morgen seinen ersten Kaffee. Fünfzehn bis zwanzig weitere werden es im Verlauf des Tages. Meistens sind es Espressi mit Rähmchen und Zucker – «die weichgespülte Variante», wie Glabischnig sagt. Der Workaholic arbeitet sechzehn bis achtzehn Stunden am Tag, hat aber noch eine Familie mit Ehefrau und drei Kindern. «Sie leiden unter meiner Arbeitswut», gibt er zu.

Zum Crypto Valley fand Glabischnig per Zufall. Inacta, die Digitalisierungsberatungsfirma, die er 2009 mit seinem Geschäftspartner Marco Bumbacher aufgebaut hatte, wuchs rasch. Mehrmals waren sie gezwungen, neue Büros zu suchen. Darum gründeten sie 2014 das Lakeside Business Center in Zug. Dieses bot Fläche zum Expandieren. Büros, die noch nicht gebraucht wurden, wurden an Dritte vermietet. Als sich dann in Zug das Crypto Valley zu formieren begann, klopften plötzlich Blockchain-­Firmen bei Inacta an und fragten, ob im Business Center schon andere Unternehmen aus dem Bereich anwesend seien.

Glabischnig und Bumbacher begannen sich in der Folge für die Blockchain-Technologie zu interessieren. «Wir suchten Wege, wie wir als Firma lernen konnten», sagt der aus Österreich stammende Glabischnig, der seit 2005 in der Schweiz wohnt. 2016 schrieben sie deshalb die Blockchain Competition aus – einen mit 100 000 $ dotierten Wettbewerb um die besten Ideen für Blockchain-Anwendungen im Versicherungsbereich. In den Jahren danach folgten Wettbewerbe für den Bankensektor und die Immobilienbranche. «Jedes Mal kamen über hundert Ideen aus mehr als dreissig Ländern zusammen», erinnert sich Glabischnig. «So brachten wir Blockchain-Know-how und die Macher, die dahintersteckten, in die Schweiz.»

Der zweiten Blockchain Competition stattete auch der damalige Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann einen Besuch ab. Kurz darauf tauchte Finanzminister Ueli Maurer ebenfalls in der Innerschweiz auf. Er habe von seinem Kollegen Schneider-Ammann gehört, in Zug gebe es neue, spannende Entwicklungen, begründete er gegenüber Glabischnig seine Visite. «Da habe ich gemerkt, wie nah in der Schweiz Politik und Wirtschaft sind», sagt Glabischnig.

Die bundesrätlichen Besuche blieben nicht ohne Folgen: Ende 2017 wurde die Blockchain-Taskforce aus der Taufe gehoben. Ihr Ziel war es, in der Schweiz für die Anwendung der Blockchain-Technologie günstige ­gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. «Entsprechende Vorschläge kommen noch dieses Jahr ins Parlament», weiss Glabischnig. Aus der Taskforce ist inzwischen die Swiss Blockchain Federation geworden. Glabischnigs und Bumbachers Inacta gehört zu den Gründungsmitgliedern.

Immer mehr Blockchain-Firmen kamen nach Zug. Um ihnen Platz zu bieten, wurden zusätzlich die Crypto Valley Labs geschaffen. Im Lakeside Business Center und vor allem in den Labs sind gemäss Glabischnig mittlerweile über zweihundert Unternehmen angesiedelt. Zusammen mit Mathias Ruch, einem mit Investitionen in Start-ups erfahrenen Mann, haben Glabischnig und Bumbacher schliesslich noch Crypto Valley Venture Capital gegründet. Dieses Unternehmen soll Investoren den Zugang zu Blockchain-Firmen erleichtern. «Wir sind gute Berater, aber schlechte ­Investoren», begründet Glabischnig den Beizug von Ruch.

Zum Crypto Valley zählt Glabischnig heute nicht nur Zug, sondern die ganze Schweiz sowie das Fürstentum Liechtenstein. «Es reicht von Genf bis Vaduz, von Chiasso bis Basel», sagt der Betriebswirt und Infor­matiker. Es bestehe mittlerweile aus 840 Unternehmen, die rund 4400 ­Mitarbeiter beschäftigten. International geniesse das zugerisch-schweizerische Crypto Valley einen hervorragenden Ruf; es habe in der Blockchain-Technologie eine Spitzenposition inne.

Glabischnig sieht sich selbst als «Wegbereiter» des Crypto Valley. Den Grundstein hätten jedoch andere gelegt, sagt er. Pioniere seien etwa ­Niklas Nikolajsen von Bitcoin Suisse und Mihai Alisie von der Ethereum Foundation, die sich 2013/14 in Zug niederliessen. Eine Vision hat Glabischnig trotzdem: «Wir wollen eine Industrie aufbauen, die die Schweiz von der Ära des Private Banking in ein neues Zeitalter führt. Die Schweiz hat die Chance, im Blockchain-Bereich einen relevanten Teil des weltweiten Geschäfts zu ergattern.»

Das Gespräch fand vor Einführung der Coronavirusmassnahmen statt.

Martin Gollmer

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