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Ray Dalio: Ratlos in der Krise

Der Chef des weltgrössten Hedge Fund muss eine Fehleinschätzung der Viruskrise einräumen.

Alexander Trentin

«Cash is trash», diese Aussage hätte sich Ray Dalio wohl besser verkniffen. In einem Interview mit dem Börsensender CNBC erklärte die Hedge-Fund-Legende im Januar, dass sich Investoren am starken Aktienmarkt beteiligen sollten. Nun ist bekannt geworden, dass sein wichtigster Fonds – der Pure Alpha Fund II – von Anfang März bis Mitte vergangener Woche mehr als 13% verloren hat, seit Jahresanfang sollen es 20% sein. Das ist verheerend für einen Fonds, der eine Rendite verspricht, die unkorreliert mit dem Aktienmarkt verlaufen soll.

Hält sich der Verlust des Fonds, wäre das der schwächste Monat seiner Geschichte. Während der Finanzkrise hatte er schon einmal verloren: Im April 2008 ging es mehr als 10% runter – das Gesamtjahr schloss er dann aber mit einem Plus ab. Der Pure Alpha Fund II verwaltet rund 80 Mrd. $, die zum weltgrössten Hedge-Fund-Unternehmen Bridgewater gehören, das insgesamt 160 Mrd. $ verwaltet. Die Strategie von Dalio scheint schon länger nicht mehr aufzugehen: Das vergangene Jahr war das erste Mal seit 2000, dass der Pure Alpha Fund II keinen Gewinn für seine Investoren erwirtschaftet hat.

Gegenüber der «Financial Times» erklärte Dalio offen, dass «wir nicht gewusst haben, wie wir auf das Virus reagieren sollten». Man habe sich entschieden, in den bestehenden Positionen zu bleiben – «rückblickend hätten wir alles Risiko herausnehmen sollen». Es sei besonders unbefriedigend, da der Fonds wie 2008 in solch einer Situation Gewinn erwirtschaften sollte.

Noch Mitte Februar hatte Dalio auf einer Konferenz erklärt, dass das Virus auf die Finanzmärkte einen «etwas übertriebenen Effekt hatte». Das Virus sei temporär, daher erwarte er eine Erholung. Damals machte er sich eher Sorgen über einen zyklischen Abschwung der Wirtschaft.

Auch eine andere Dalio-Strategie enttäuscht

Der Pure Alpha Fund bedient sich einer Global-Macro-Strategie. Dabei wettet der Fondsmanager auf steigende oder sinkende Kurse in verschiedenen Anlageklassen, oft gehebelt über Terminkontrakte oder Kredite. Während diese Strategie in den vergangenen Jahren eher enttäuscht hat, lief ein anderer Fonds von Bridgewater bis vor kurzem noch hervorragend.

Dalios oft kopierte Risikoparitätsstrategie (Risk Parity) im All Weather Fund erzielte 2019 mit 16% eine starke Performance. Bei Risk Parity werden verschiedene Anlageklassen wie Anleihen und Aktien so kombiniert, dass sie ein gleich grosses, begrenztes Schwankungsrisiko im Portfolio aufweisen. Dabei wird normalerweise das Anleihenexposure mit Krediten gehebelt, um mit den höheren Schwankungen von Aktienkursen mitzuhalten.

Die Strategie von Dalio fand weltweit Nachahmer, da sie eigentlich in jeder Marktsituation gut performen sollte, so die Idee. Denn immerhin sollten die Anleihenrenditen fallen, wenn die Börsen nervös werden. Gemäss dem S&P-500-Risk-Parity-Index hat die Strategie vergangene Woche aber versagt: Der Index fiel um fast 10% – der grösste Wochenverlust seit 2008. Der Grund: Anleger hatten vergangene Woche auch US-Staatsanleihen abgestossen. Im Vergleich zu Anfang Jahr notiert der Index etwa 11% im Minus.

Ein anderer Hedge Fund gewinnt

Während viele Hedge Funds jetzt bluten müssen, gibt es auch Gewinner. So soll der Universa-Fonds von Mark Spitznagel in den vergangenen Wochen nach Gerüchten eine Performance von mehr als 1000% eingebracht haben. Spitznagel richtet sich bei der Fondsstrategie nach den Lehren des Risikotheoretikers Nassim Taleb, dem Erfinder des Konzepts des «schwarzen Schwans» – seltener Ereignisse, die eine grosse Wirkung entfalten.

«Unsere Strategie ist, dass wir eine Versicherung gegen systemische Börsencrashs und allgemein gegen Krisen sind», erklärte Spitznagel vor kurzem in einem Interview. Zum Coronavirus sagte er: «Ist das der Crash? Ich weiss es nicht.» Man müsse aber Pandemien nicht verstehen, um zu wissen, wie riskant das Bankensystem aufgestellt sei.

Neue Short-Positionen

Nun könnte Dalio nachgezogen haben. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Montag, dass Bridgewater für 14 Mrd. $ Short-Positionen – also Wetten auf sinkende Kurse – von europäischen Aktien eingegangen ist. Insbesondere französische und deutsche Titel sind im Ziel von Bridgewater. Davon läuft 1 Mrd. $ gegen den deutschen Softwarekonzern SAP. 715 Mio. $ laufen gegen ASML, niederländischer Produzent für Maschinen in der Halbleiterindustrie.

Es ist aber nicht klar, ob die Short-Positionen als ungesicherte Wette auf sinkende Kurse eingegangen wurden, oder ob sie bestehende Positionen nur absichern. Dalio kritisiert jedoch die bisherigen Anstrengungen von Notenbank und Regierungen, das Wachstum zu stützen. In einem LinkedIn-Post schreibt er: «Die Antwort bisher war inadäquat bezüglich Grösse, Fokus und Koordination – die Unterschiede je nach Land sind aber sehr gross.» So lobt er China, am kräftigsten und zielgerichtetsten agiert zu haben.

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