Meinungen

Raum für höheres Rentenalter

Die Erwerbsquote der älteren Arbeitnehmer steigt markant. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Immer mehr Arbeitgeber sind bereit bzw. sehen die Notwendigkeit, auch ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen.»

Ein höheres Rentenalter ist für die politische Linke nach wie vor tabu. Stets wenn es zur Debatte steht, packt sie ihr vermeintliches Totschlagargument aus: Die älteren Arbeitnehmer könnten und wollten nicht länger arbeiten, und die Arbeitgeber würden gar keine Stellen für ältere Arbeitnehmer anbieten. Würde diese Argumentation zutreffen, müsste die Erwerbsquote des älteren Teils der Bevölkerung niedrig sein und bleiben, die Erwerbslosenquote müsste umgekehrt überdurchschnittlich hoch sein.

Wie die neuste, vom Bundesamt für Statistik veröffentlichte Arbeitskräfteerhebung 2015 zeigt, trifft beides nicht zu. Die Erwerbsquote der Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren liegt zwar unter derjenigen der 25- bis 54-Jährigen, doch sie hat seit 2010 markant zugenommen, nämlich 5,3 Prozentpunkte auf 75,8%. Die Quote der über 65-Jährigen ist von 9,3 auf 11,8% gestiegen. Die der Jüngeren ist lediglich 1,4 Punkte auf 91% gewachsen. Umgekehrt lag die Erwerbslosenquote (gemäss Definition des Internationalen Arbeitsamtes ILO) der Älteren unter der gesamten Quote. Und: Das Durchschnittsalter bei Austritt aus der Erwerbstätigkeit ist gestiegen und lag 2015 mit 65,5 Jahren über dem ordentlichen Rentenalter der Männer.

Diese Zahlen zeigen zunächst zweierlei: Die Bereitschaft, der Wille und die Fähigkeit der Arbeitnehmer, auch im Alter von über 60 Jahren weiter zu arbeiten, sind weit verbreitet. Die Zahl derer, die wegen einer harten Arbeit körperlich an Grenzen kommen, wird immer kleiner. Zudem weisen die Zahlen darauf hin, dass aufseiten der Arbeitgeber offenbar ein Umdenken eingesetzt hat. Immer mehr sind bereit bzw. sehen die Notwendigkeit ein, auch älteres Personal zu beschäftigen. Die Unsitte der Frühpensionierung verliert offenbar an Bedeutung.

Zudem ist die Zahl der Personen im Alter von 65 Jahren und mehr gemessen an den 20- bis 64-jährigen Erwerbspersonen weiter gestiegen. Der Quotient ist in nur fünf Jahren von 32,2 auf 33,5% gewachsen. Zu denken gibt die Differenzierung nach Nationalität: Für Schweizer ist der Quotient von 38,3 auf 41% (!) gestiegen, für Ausländer dagegen verharrt er auf 13,3%.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es dringend nötig, die Debatte über die Erhöhung des Rentenalters, die etliche EU-Länder übrigens schon vorgenommen haben, endlich und frei von ideologischen Fixierungen zu führen. Der Prozess der Alterung wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Die absehbare Begrenzung der Zuwanderung von jungen ausländischen Arbeitskräften wird ihn noch akzentuieren.

Die notleidende Altersvorsorge – das gilt für beide Säulen, AHV und berufliche Vorsorge – lässt sich nur dauerhaft sanieren, wenn diesem Prozess der Alterung Rechnung getragen wird. Das ist letztlich nur möglich über eine Erhöhung des Rentenalters. Über die Modalitäten ist zu diskutieren, sie kann schrittweise über eine gewisse Zeitspanne hinweg vorgenommen werden. Wer sich dieser Erkenntnis verschliesst und gar noch einen Ausbau der Altersvorsorge verlangt, gefährdet die Existenz dieser zentralen Sozialwerke.