Unternehmen / Schweiz

Reaktionen auf den SNB-Entscheid

Der Markt und die Unternehmen wurden von der Aufhebung des Euromindestkurses überrascht. Jim Bianco von Bianco Research sieht den Fall SNB als Zeichen, dass die Politik der Zentralbanken zum Scheitern verurteilt ist.

(FuW) Statement von Stephan Schindler (SCHP 181.90 +1.90%), CFO Bachem (Pharmazulieferer): «Es wäre falsch jetzt in Panik zu geraten. Wir werden den Entscheid der SNB (SNBN 6'380.00 +0.95%) aber in diesem Jahr zu spüren bekommen. Das langfristige Ziel eines Umsatzwachstums von 6 bis 10% werden wir 2015 kaum aufrecht halten können. Mittelfristig sollte das Ziel aber auch mit einem Euro-Wechselkurs unter 1.20 Fr. dank Anpassungen wieder erreicht werden können. Dafür wird unsere Profitabilität mit einem Wechselkurs unter 1.20 Fr. langfristig etwas leiden. Wir sind aber in der glücklichen Lage eine hohe Marge zu haben und können so allfällige langanhaltende negative Effekte aus der Aufhebung des Euro-Mindestkurses verkraften. Sollte sich der Euro-Franken-Kurs nicht wieder erholen, werden wir den Werkplatz Schweiz dafür längerfristig anders gewichten müssen.»

Paul Hälg, CEO von Dätwyler: «Wir sind strategisch gut auf die Frankenaufwertung vorbereitet. Mit der Herauslösung des Kabelgeschäfts Anfang 2012 ist der grösste Frankenblock weggefallen. Das Exposure ist unter 5% gefallen, also nicht mehr wirklich relevant. Auf den Umsatz hat die Umrechnung einen Negativeffekt von höchstens 10%, wenn der Euro nahe bei 1 Fr. notiert, und etwa 5%, wenn er auf 1.10 gehandelt wird. Das Betriebsergebnis wird etwa 5% reduziert, wenn der Euro bei 1 Fr. notiert. Bei Dätwyler (DAE 203.00 +2.32%) herrscht daher keine gewaltige Nervosität wegen des SNB-Entscheids».

Heinrich Spoerry, Präsident und CEO des Befestigungstechnikers SFS, ist «überrascht und enttäuscht vom SNB-Entscheid». Er stehe in diametralem Widerspruch zu den Aussagen der Nationalbank von Anfang Woche, als betont worden sei, primäres Ziel sei, den Franken zu verteidigen. «Die SNB hat an Glaubwürdigkeit eingebüsst.», betont Spoerry. SFS (SFSN 98.20 +1.66%) habe zwar mit einer gelegentlichen Abwertung des Euro gerechnet – aber frühestens 2016.

SFS hat eine erste Lagebeurteilung vorgenommen. Nächste Woche wird das Management allfällige kompensatorische Massnahmen bekanntgeben. In der Umsatzmeldung vom 27. Januar wird das Unternehmen, dessen Aktien seit Mai 2014 kotiert sind, als Folge der Frankenaufwertung möglicherweise einen Kommentar zur Ergebnisentwicklung 2015 abgeben. In der Schweiz hat SFS drei Produktionswerke mit 1500 Mitarbeitern. Die Exportquote ist mit deutlich über 90% hoch. SFS hat aber die Abhängigkeit vom Franken in den vergangenen fünf Jahren durch eine grosse Akquisition in Asien und Investitionen im Ausland massiv reduziert. «Viel ist getan worden, nun ist der Spielraum teilweise ausgeschöpft.», sagt Spoerry.

Der Chef des Bieler Uhrenherstellers Swatch Group, Nick Hayek, ist erstaunt, dass die SNB den Euromindestkurs aufhebt. Er befürchtet einen «Tsunami» für die ganze Schweiz.

Die inlandorientierten Banken werden die Massnahmen der SNB ebenfalls zu spüren bekommen. Raiffeisen bezeichnet den Entscheid als «unglücklich». Das Timing sei nicht nachvollziehbar. Die Berner Kantonalbank ist ebenfalls «überrascht» vom Vorgehen der SNB. Sie geht davon aus, dass sich dadurch die Zinsmarge mit einer Verzögerung weiter verengen wird. Ebenfalls rechnet sie mit zunehmenden Kreditrisiken im Firmenkundengeschäft, weil vom Tourismus oder vom Export abhängige Unternehmen zusätzlich unter Druck geraten. Negativzinsen auf Spargelder hält sie «vorläufig» für keine Option. Kein Thema sind Negativzinsen für Retailkunden auch bei Raiffeisen und der Luzerner Kantonalbank.

In dieselbe Kerbe schlägt die Banque Cantonale Vaudoise, die «für den Moment» ebenfalls keine Negativzinsen erheben will. Sie streicht zudem einen positiven Effekt der SNB-Massnahme hervor: Durch die in Zukunft wieder höhere Volatilität des Frankenkurses haben die Kunden ein grösseres Absicherungsbedürfnis. Das wird den Handelserfolg der Banken ankurbeln. Die überregionale Valiant Bank ist mit Blick auf ihre exportorientierten Firmenkunden nicht ganz so pessimistisch wie andere: «Die Schweizer Wirtschaft hat in der Vergangenheit mehrmals bewiesen, dass sie sich an einen stärkeren Franken gut anpassen kann.» Die Migros Bank geht davon aus, dass der hypothekarische Referenzzins für die Mieten «demnächst» von 2 auf 1,75% sinkt. Der Satz wird jeweils zum Quartalsbeginn festgelegt

Nicolas Dunant, Head of Media Relations, Hoffmann-La Roche: «Roche ist ein global aufgestelltes Unternehmen mit kompletter Wertschöpfungskette in den wichtigsten Märkten wie den USA, Europa und Japan und ist insofern von den Währungsverschiebungen weniger betroffen. Roche ​hat erhebliche Einnahmen in US Dollar und im Euroraum. Dem steht aber auch ein ​wichtiger​ Anteil der​ Kosten für Forschung & Entwicklung, Produktion und Personal in US Dollar Euro gegenüber​. Rund 80% unserer Kostenbasis haben wir ausserhalb der Schweiz. Dies führt zu einer teilweisen Abfederung des Währungseffekts auf den Cashflow​.»

Novartis: «Novartis (NOVN 82.12 +1.11%) befindet sich in der Quiet Period und wird Währungseinflüsse erst mit der Präsentation der Konzernrechnung 2014 am 27. Januar kommentieren.»

Andrew Weiss, Head Investor Relations und Corporate Communication, Actelion: «Actelion ist ein exportorientiertes Unternehmen und hat daher den Einfluss der Volatilität des Frankens in den konsolidierten Umsätzen zu spüren bekommen.»

Sonova: «Die Aufhebung des Mindestkurses zum Euro hat einen Einfluss auf die von Sonova (SOON 317.80 -0.47%) in Franken rapportierten Zahlen in diesem und nächstem Jahr, falls die Wechselkurse sich auf einem tieferen Niveau einpendeln. Als stark global tätiges Unternehmen generiert Sonova circa zwei Drittel des Umsatzes im Dollar- und im Euroraum, aber nur etwa 2% in der Schweiz. Circa 10% der Belegschaft von weltweit rund 10‘000 Mitarbeitenden sind in der Schweiz und bilden ein wichtiges Standbein des Konzerns. Ein Grossteil der Zulieferer ist im Euro- und im Dollarraum ansässig. Der Kurs des Frankens hat somit einen Einfluss auf unseren Ertrag. Grundsätzlich gilt die Fausregel: Eine Aufwertung des Frankens um 5% zum Dollar schmälert den Umsatz um 38 Mio. Fr. und den Betriebsgewinn vor Amortisation (Ebita) um 12 Mio. Fr. Der entsprechende Effekt bei einer Aufwertung zum Euro beträgt 26 Mio. bzw. 14 Mio. Fr.»

Dominik Werner, Head of Corporate Communications, Lonza: «Die Ankündigung der Schweizerischen Nationalbank, die Eurountergrenze aufzuheben, kommt völlig überraschend. Wir haben einen natürlichen Hedge zum Euro und zum Dollar. Ein schwächerer Euro wird sich vor allem negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts in Visp auswirken, da über 90% der Produkte in den Export gehen, zu einem guten Teil auch in den Euroraum. Der Euromindestkurs war für den Standort Visp eine wichtige Massnahme, um kompetitiv zu sein; ein stabiler Wechselkurs erlaubte auch eine zuverlässige Planung. Die effektiven Auswirkungen können erst abgeschätzt werden, wenn sich der Wechselkurs wieder auf einem bestimmten Niveau stabilisiert hat.»

Mark Hill, Leiter Corporate Communication, Straumann: «Straumann (STMN 119.40 +0.55%) ist stärker als andere Schweizer Unternehmen von der abrupten Frankenaufwertung betroffen, weil rund 40% des Umsatzes, aber nur rund 21% der Kosten in Euro anfallen. Wir verfolgen die Situation genau und werden entsprechende Massnahmen beschliessen. Mildernd wirkt sich für Straumann aus, dass in den vergangenen Jahren Märkte ausserhalb Europas unter anderem in Schwellenmarktregionen wie China und Lateinamerika, aber auch in Nordamerika verstärkt angegangen worden sind. Zudem wurden signifikante Einsparungen auf der Kostenseite realisiert, die nun noch verstärkt werden dürften. Wie in der Vergangenheit mehrfach kommuniziert, gilt für Straumann: Eine Aufwertung des Frankens zum Euro jeweils um 10% schmälert den Umsatz um 25 Mio. Fr. und den Ebit um 15 Mio. Fr. Beim Dollar beträgt der entsprechende Einfluss 17 bzw. 7 Mio. Fr.»

Christina Hertig, Leiterin Kommunikation, Galenica-Gruppe: «Der Entscheid begünstigt den Einkaufstourismus, was Geschäfte in grenznahen Regionen, in unserem Fall insbesondere die Apotheken, zu spüren bekommen. Ansonsten ist die Galenica-Gruppe mehr von den Auswirkungen auf den Dollar und den diesbezüglichen Währungskursschwankungen betroffen.»

Martin Brändle, Head of Corporate Communications & Investor Relations, Tecan: «Die Kosten von Tecan (TECN 304.80 +1.87%) in Euro übersteigen inzwischen den im Euroraum erwirtschafteten Umsatz, womit sich durch die jüngste Aufwertung ein positiver Effekt auf die Gewinnentwicklung einstellt. Tecan hat in den vergangenen Jahren sukzessive Kosten aus der Schweiz in den Euroraum verlagert. In Dollar haben wir ein Nettoexposure, doch ist die jetzige Frankenaufwertung insofern zu relativieren, dass der Wechselkurs im vergangenen Jahr durchschnittlich 0.92 Fr. pro 1 $ erreicht hat. Die Differenz dazu beträgt auf dem gegenwärtigen Niveau lediglich 2 Rappen.»

Benjamin Overney, Head of Investor & Public Relations, Ypsomed: «Es trifft zu, dass sich unsere eigenen Produktionsstätten ausschliesslich in der Schweiz befinden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wollen wir jedoch nicht weiter Stellung nehmen.»

Peter Gehler, Head Corporate Center, Siegfried: «Da wir zu 98% aus der Schweiz exportieren, tangiert uns der Entscheid der SNB natürlich. Wir haben aber bereits vor der Einführung des Mindestkurses begonnen, unsere Währungsrisiken abzusichern. 90% der Exporte sind somit vom heutigen Ereignis nicht betroffen. Für eine Revision der Prognosen für das laufende Geschäftsjahr ist es noch zu früh.»

Der Gewerbeverband zeigt ein gewisses Verständnis für den Schritt der SNB, die Kursuntergrenze sei immer nur eine befristete Massnahme gewesen. Quasi als Gegenmassnahme gelte es nun, die Regulierungskosten zu senken und so die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen.

Gemäss Rudolf Minsch, Chefökonom Economiesuisse, sei das grösste Risiko nach der Aufhebung des Mindestkurses, dass der Franken in einer «surrealen Überbewertung» gegenüber dem Euro verharre, sprich auf Parität oder tiefer. In diesem Fall sieht Minsch allenfalls gar eine Rezessionsgefahr. Die ganze Wirtschaft sei vom Schritt betroffen, nicht nur die Exportindustrie.

Der Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse ist besorgt über die Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank. Bei einer unkontrollierten Frankenaufwertung drohe ein Kahlschlag bei den Stellen. Das müsse verhindert werden – mit allen möglichen Mitteln. Der Bundesrat müsse alles prüfen, etwa eine Kapitalverkehrskontrolle, teilte der Verband am Donnerstag mit. Der Entscheid zur Mindestzinsaufgabe zum jetzigen Zeitpunkt ist für Travail.Suisse indessen nachvollziehbar.

Einige Stimmen aus dem Markt:

Jim Bianco, Bianco Research, USA: «Es ist sogar noch untertrieben, von einem überraschenden Schritt zu reden. Unzählige Male hat die SNB ihr Commitment zur Eurountergrenze abgegeben. Der Entscheid der SNB hat weltweite Strahlwirkung. Er zeigt nämlich, dass die Politik der Zentralbanken am Ende scheitern wird. Sie kann nur temporär sein, denn am Ende kann niemand, auch keine Zentralbank, künstliche Preise verteidigen. Alle Zentralbanken, von der Bank of Japan bis zum Fed, wollen mit ihrer Politik die Unternehmen überzeugen, dass diese sich so verhalten können, als sei die Geldpolitik permanent. Doch die Unternehmen nehmen den Zentralbanken dieses Versprechen nicht ab. Wie die SNB heute gezeigt hat, können die Zentralbanken ihr Versprechen nicht permanent einhalten.»

Steen Jakobsen, Chefökonom, Saxo Bank: «Die Schweiz setzt damit ein starkes Signal an Staaten wie Japan. Der Weg zu einem starken Wachstum und langfristigem Wohlstand führt über die Selbstbestimmung des Marktes bezüglich der Währungskurse.»

Luke Bartholomew, Aberdeen AM Investment Manager: «Die SNB muss gefühlt haben, dass die Anbindung an den Euro angesichts des erwarteten Anleihenkaufprogramms der Europäischen Zentralbank nicht mehr haltbar war. Dagegen hat die Zentralbank die negativen Zinsen noch weiter abgesenkt, und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Zinsen noch viel weiter sinken werden.»

Mark Haefele, Chief Investment Officer, UBS: «Der negative Einfluss dieser Handlung auf die Schweizer Wirtschaft wird gross sein. Den direkten Effekt für Schweizer Exporteure schätzen wir auf 5 Mrd. Fr. (–0,7% des BIP).»

Ursina Kubli, Ökonomin, J. Safra Sarasin: «Die heutige Entscheidung stellt die Glaubwürdigkeit von künftigen Währungszusagen der SNB in Frage. Es ist daher unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren erneut ein Mindestkurs eingeführt wird.»

Kit Juckes, Währungsstratege, Société Générale: «Mit der Massnahme der SNB fällt ein grosser Käufer von Euro weg. Dies ebnet den Weg für eine weitere/schnellere Euroschwäche.»

David Kotok, Chef der US-Anlagegesellschaft Cumberland Advisors: «Die Massnahme der Schweizerischen Nationalbank bedeutet vereinfacht gesagt, dass die Zinsen auf risikofreie Staatspapiere nun gleich null sind – gleichgültig, ob es Instrumente mit einem Tag oder mit zehn Jahren Laufzeit sind. Damit handeln die zehnjährigen Staatsanleihen einer weiteren, wichtigen, verlässlichen und souveränen Nation zu nahezu 0% Rendite, was international noch mehr Druck auf die Zinsen ausüben wird. Die Schweiz schliesst damit zu Japan, Deutschland und anderen Nationen auf, deren Staatsanleihen weniger als 1% und nahezu 0% rentieren.»

Leser-Kommentare

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Markus Sigrist 16.01.2015 - 10:02
Der Entscheid der Nationalbank ist völlig unverständlich. Alle Wirtschaftsprognosen und Budgets sind bereits Makulatur, die Arbeitslosigkeit wird kräftig ansteigen, die Pensionskassen werden bluten und ihre Verpflichtungen kaum mehr einhalten können. Viel besser wäre gewesen, weiter jede Mengen Franken zu drucken und das Geld weltweit vernünftig anzulegen, einen Staatsfonds zu gründen, die Bundeskasse samt AHV damit zu sanieren und allen wäre… Weiterlesen »
Roland Heinzer 16.01.2015 - 17:31
..absolut einverstanden! Es wäre vernünftiger gewesen einen Staatsfond zu gründen, Franken zu drucken und damit Sachwerte kaufen, wie dividendenstarke Aktien, etc. Weiter hätte man den Zufluss von ausländischem Kapital mit Negativzinsen stoppen können. Die Pensionskassen dürften etwa 40 Milliarden verloren haben und eine Deckungsgradeinbusse von 5%-7% erlitten haben. Das spielt ja für die Pensionskassen der Staatsangestellten keine Rolle, da für… Weiterlesen »