Meinungen

Realitäts-Check für Grossbritannien

Eine boomende Wirtschaft, die ihre Kraft erneut dem Häusermarkt verdankt, und keine Vision zur Rolle in Europa – das Vereinigte Königreich steht vor grossen Herausforderungen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Clifford Padevit.

«Der drohende Exit aus der EU hängt wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft.»

Fussball gehört zum Leben in Grossbritannien wie Skifahren in der Schweiz. Immer im August, wenn die Fussballsaison nach der Sommerpause beginnt, kehrt so etwas wie Normalität ein. Am Samstag ist es soweit, die Premier League wird angepfiffen. Das ist gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass die Sommerferien zu Ende gehen. Frisch gestärkt lassen sich die Herausforderungen besser angehen. Und an Herausforderungen mangelt es Grossbritannien nicht. Sowohl wirtschaftlich als auch politisch stellen sich Fragen, die nicht nur das Wohlergehen der Briten betreffen, sondern die Stellung des Königreichs in Europa und dem Rest der Welt.

«Rather splendid» scheint es der Volkswirtschaft zu gehen. Der internationale Währungsfonds (IWF) glaubt, die britische Wirtschaft könne im laufenden Jahr über 3% wachsen. Damit wäre Grossbritannien die dynamischste Volkswirtschaft unter den Industrieländern des Westens. 2015 werde sich gemäss IWF ein ähnliches Bild zeigen, nur den USA wird eine bessere Wirtschaftsleistung zugetraut. Es herrscht helle Freude, «Britain» sei wieder «open for business».

Gern wird dabei vergessen, dass die Leistung der Wirtschaft in den letzten Jahren alles andere als überzeugend war. Die Erholung liess sehr lange auf sich warten. Seit Anfang 2008 blieb das Bruttoinlandprodukt (BIP) unter dem damaligen Niveau zurück; das sind sage und schreibe sechs Jahre, nachdem die Wirtschaft als Folge der Finanzkrise in die Rezession schlitterte. Nicht nur gemessen an früheren Krisen im eigenen Land ist das eine schwache Leistung, auch im Vergleich mit den sieben führenden Industrienationen G7 hat Grossbritannien enttäuscht. Italien ist das einzige andere G7-Land, dessen Wirtschaft schlechter lief.

Kreditwirtschaft kehrt zurück

Die Wende in der britischen Volkswirtschaft kam erst, als der Hausmarkt zu drehen begann. Was der rekordtiefe Zinssatz der Bank of England nicht schaffte, hat der Schatzkanzler hingekriegt. Er kündigte im März 2013 ein Programm zur Ankurbelung des Häusermarkts an. Der Staat macht es möglich, dass Käufer von Häusern, die bis zu rund 900 000 Fr. kosten dürfen, nur 5% Eigenkapital benötigen. Konkret werden Staatsgelder als Hypotheken und Sicherheiten für Hauskäufer riskiert. So verrückt die Idee anderswo in Europa klingen mag, in den Monaten nach der Ankündigung drehten die Hauspreise, das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich. Wer weiss, dass gut zwei Drittel der Bevölkerung ein Haus besitzt, dessen Wert zusammen mit der Pension den wichtigsten Vermögenswert darstellt, versteht die Psychologie. Mittlerweile ist ein Hauspreisboom in Gang. In London sind die Hauspreise im letzten Jahr um ein Viertel gestiegen.

Die Abhängigkeit von «bricks and mortar», wie die Briten ihre Immobilieninvestition gern bezeichnen, schränkt die Geldpolitik ein. Denn je mehr Hypothekarschuldner es gibt, die zudem im Vergleich zum Einkommen hoch verschuldet sind, desto anfälliger ist der Konsum, die wichtigste Nachfragekomponente in der Wirtschaft .

Fast jeder vierte Haushalt hat eine Hypothek, deren Wert das Einkommen um den Faktor vier übertrifft. Erhöht die Bank of England die Zinsen, steigt die Zinsbelastung für Hausbesitzer. Das wäre kein Problem, würden die Einkommen steigen. Aber das ist derzeit kaum der Fall. Normalerweise, wenn die Wirtschaft anzieht und die Arbeitslosenquote sinkt, steigt die Lohnzuwachsrate als Folge des höheren Wettbewerbs um die knapper werdenden Arbeitskräfte. Würde der Leitzins sofort erhöht, wäre die Belastung der Haushalte also umso grösser.

Das kann den Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, nicht unberührt lassen. «Kleine, langsame Leitzinserhöhungen sollten helfen, das Risiko in Schach zu halten, dass höhere Kreditkosten eine rasche Korrektur des privaten Konsums auslösen», sagte er am Mittwoch bei der Präsentation des jüngsten Inflationsberichts. Er ging noch weiter, denn er machte die Ansage, dass die Zinsen im nächsten Zyklus kaum so hoch steigen werden wie beim letzten Mal. Damit sind die Schleusen geöffnet: Wer sich nicht verschuldet, ist selbst schuld. Briten ist es recht, sie können wieder auf Pump leben, genau wie vor der Krise. Aber genau die hohe Verschuldung war es, welche die letzte Krise mitverursachte.

Auch in der Politik müssen sich die Briten Herausforderungen stellen. Da ist einmal der drohende Zerfall der Union. Ob es künftig noch Gross- oder nur noch ein Kleinbritannien gibt, darüber entscheiden ironischerweise die Schotten, die im September über die Unabhängigkeit abstimmen werden. Die Folgen wären auch in Grossbritannien zu spüren. Das Öl fiele weg, das Staatsgebiet wäre auf einen Schlag 35% kleiner, die Bevölkerung würde 8% reduziert (Zahlen beziehen sich auf Grossbritannien und nicht das Vereinigte Königreich, das Nordirland mit einschliesst). Meinen es die Schotten ernst, ist es naheliegend, dass die Waliser ihre Chance wittern. Etwas überspitzt formuliert könnte man sagen, die einstige Weltmacht droht nach der Dekolonialisierung weiter zu schrumpfen. Am Ende bleibt das übrig, aus dem alles entstanden ist: (Little) England.

Umso mehr stellt sich die Frage, wozu das heutige Grossbritannien gehört. Noch heute wird auf der Insel von «Europe» gesprochen, wenn es um Kontinentaleuropa geht, als gehörte das Land weder geographisch noch politisch dazu. Jetzt, da die immigrations- und EU-feindliche UK Independence Party (UKIP) die etablierten Parteien herausfordert, wird das Fehlen einer Vision für Grossbritannien offenkundig. Dem amtierenden Premierminister David Cameron scheint es recht zu sein, dass sich das Land von der EU entfernt. Sonst hätte er nicht dem konservativen Flügel nachgegeben und ein Ja-/Nein-Referendum bis 2017 versprochen, sofern er nach den nächsten Unterhauswahlen im kommenden Mai wieder die Regierung anführen kann. In den letzten Europawahlen im Mai hat ihm dieses Versprechen allerdings nichts genützt. UKIP gewann die Wahl mit einem Stimmenanteil von etwas über 27%.

Verhandlungsposition verschlechtert

Weil Cameron erst Konzessionen aushandeln will, bevor die Bevölkerung ja oder nein sagt, ist der Premierminister auf Mithilfe aus Brüssel angewiesen. Aber wie begrenzt die Bereitschaft ist – und wie ungeschickt Cameron handelt –, hat das Drama um die Ernennung Jean-Claude Junckers zum EU-Kommissionspräsidenten gezeigt. Cameron verlor den Machtkampf, Juncker ist Kommissionspräsident. Dieses Zwischenspiel hat Camerons Verhandlungsposition verschlechtert.

Der drohende «British Exit» aus der EU schwebt nun wie ein Damoklesschwert über der  Wirtschaft. Vier Ökonomen der London School of Economics kommen in einer Untersuchung zum Schluss: Den Einsparungen bei einem Brexit in der Höhe von einem halben Prozentpunkt des nationalen Einkommens stünden möglicherweise Einbussen von zwischen 2 bis 6% des BIP gegenüber.

Das Land würde zudem die besondere Stellung als Brückenkopf für Unternehmen von ausserhalb der EU verlieren, die zu Direktinvestitionen führte. Kein Land hat 2013 in Europa mehr Direktinvestitionen angezogen. Über Europa hinaus muss London überlegen, wie die Allianz (ALV 198.38 +0.55%) mit dem grossen Bruder Amerika aufrecht erhalten werden kann. Die besondere Stellung als Lieutenant der USA ist in Verteidigungsfragen erkennbar (siehe Irak), führt jedoch zu entsprechend hohen Verteidigungskosten. Der Griff zur Waffe ist bei den Briten als Reflex in internationalen Fragen tief verankert, doch ob sich das Land das noch leisten kann, ist eine andere Frage.

Die Briten haben es in der Hand. Sie können ihrem Häuserwahn freien Lauf lassen und damit den nächsten kreditgetriebenen Aufschwung und die anschliessende Krise herbeiführen. Sie können sich rückwärts orientieren, sich an die gute alte Zeit erinnern, als Grossbritannien eine Weltmacht war und auf keine strategischen Allianzen oder Partner angewiesen war. Für Grossbritannien ist die Zeit für einen Realitäts-Check gekommen. Die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen sind eine Chance, etwas zu verändern.