Meinungen

Reformen stärken Japan

Die eingeleiteten Veränderungen zeigen: Auch gealtert und geschrumpft hat Nippon durchaus eine positive Zukunft. Allerdings wirft China einen bedrohlichen Schatten. Ein Kommentar von Martin Fritz.

Martin Fritz
«Der Aufstieg Chinas zur dominanten Macht in Asien weckt in Japan berechtigte Ängste.»

Mit dem Wechsel auf dem Chrysanthementhron am vergangenen Mittwoch hat Japan eine neue Zeitrechnung erhalten. Das Jahr Heisei 31 von Kaiser Akihito ist zu Ende, das Jahr Reiwa 1 von Kaiser Naruhito hat begonnen. «Alle Menschen werden ihre Blüten voll entfalten, gemeinsam mit ihren Hoffnungen für die Zukunft» – so optimistisch beschreibt Regierungschef Shinzo Abe die neue Epoche. Für seine Zuversicht gibt es gute Gründe, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Beim letzten Kaiser- und Kalenderwechsel, 1989, stand Japan im Höhepunkt einer gewaltigen Spekulationsblase mit Aktien und Immobilien. Mitsubishi Estate kaufte das Rockefeller Center in New York, und Sony (SNE 52.21 0.21%) schluckte das Hollywood-Studio Columbia Pictures. Damals erschien Japans Aufstieg zur dominanten Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts unaufhaltsam.

Tiefer Pessimismus

Doch die Blase platzte, der Nikkei 225 (Nikkei 225 21333.87 1.72%) fiel bis zu 80%. Das Wirtschaftswunder endete, die soziale Ungleichheit wuchs. Eine ganze Generation Japaner erlebte fallende Löhne und Preise. Der Staat verschuldete sich wie kein anderer, während die Bevölkerung rasant alterte und schrumpfte. Heute ist jeder fünfte Japaner über siebzig Jahre alt. Offiziell stellt sich die Regierung auf einen Rückgang der Einwohnerzahl um ein Fünftel auf 100 Mio. ein.

Diese Perspektiven schüren bei Experten tiefen Pessimismus. Schon bis 2030 wird Japan laut der Standard Chartered (STAN 710.8 -0.2%) Bank im globalen Kaufkraftvergleich vom vierten auf den neunten Platz absteigen. Es drohe ein «Niedergang in Würde», so ein Buchtitel. Das hohe Haushaltsdefizit und die steigenden Sozialausgaben in Verbindung mit der extremen Geldpolitik gelten als Weg in eine wirtschaftspolitische Katastrophe. Aber womöglich schätzen die verschiedenen Auguren die Situation erneut falsch ein.

Japan geht gewandelt in die neue Kaiserzeit. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat sich die Inselnation nach der Finanzkrise als Wirtschaftsmacht zurückgemeldet. Das Bruttoinlandprodukt wächst, Löhne und Preise steigen wieder, die Zahl der Beschäftigten markiert neue Rekorde. Japans einst belächelte Pioniertaten in der Geldpolitik sind längst Vorbild für viele Notenbanken. Die Deflation scheint besiegt und das Gespenst einer Staatspleite gebannt: Die Hälfte der Schulden ist aus privaten Händen in die Bilanz der Notenbank gewandert – auch dies könnte noch weltweit Schule machen. Zugleich blieb Japan der grösste Kreditgeber der Welt. Nicht einmal Chinas Belt-and-Road-Initiative hat das bisher geändert.

Der Westen unterschätzt Japans Veränderungsbereitschaft. Unter Regierungschef Shinzo Abe wandelte sich Nippon zum Champion der Globalisierung. Die zwei umfassendsten Freihandelsverträge der Welt – mit der Europäischen Union (Jefta) und mit zehn Pazifikanrainerstaaten (TPP-11) – gehen auf das Konto von japanischen Initiativen. Im Rekordtempo kaufen Japans Unternehmen im Ausland zu und internationalisieren ihre Lieferketten. Mit hohen Kapitalsummen treibt die japanische Softbank (Softbank 47.3 0.34%) Group die digitale Revolution weltweit voran.

Der rechtskonservative Premier Abe lehnt Einwanderung ab. Aber die japanische Wirtschaft braucht Ausländer als Arbeitskräfte und Konsumenten. Daher hat Abe Japan wie nie zuvor für Waren und Menschen aus dem Ausland geöffnet. Die Zahl der ausländischen Touristen hat sich in einem Jahrzehnt auf 31 Mio. vervierfacht. Zugleich ist die Zahl der ausländischen Arbeiter um die Hälfte auf 1,7 Mio. gewachsen. Seit April sollen spezielle Arbeitsvisa weitere 340 000 Ausländer nach Japan locken. Auf Bahnhöfen und Flughäfen schallen Englisch, Chinesisch und Koreanisch aus den Lautsprechern. Das Land wird sicher nicht multikulturell, aber heterogener. Das können Besucher schon bei Olympia 2020 in Tokio erleben.

Der zweite grosse Wandel vollzieht sich bei der Gleichberechtigung der Frauen. Nur wenn sie arbeiten und Kinder gebären, kann die Wirtschaft laufen. Daher baut die Regierung in hohem Tempo Kindergärten und schafft die Betreuungsgebühren für alle Drei- bis Fünfjährigen im Herbst ab. Dafür gibt sie mehr als die Hälfte der Mehreinnahmen aus der geplanten Erhöhung der Umsatzsteuer auf 10% aus. Die Erwerbsquote bei Frauen erreicht Rekordwerte, wobei sie vor allem Teilzeit arbeiten. Hier setzt die «Arbeitsstilreform» an: Die Begrenzung von Überstunden und ein Urlaubszwang plus Quoten machen eine Karriere für die Japanerinnen attraktiver.

Natürlich könnte die Regierung noch viel mehr tun. Aber in einer Demokratie muss sie die Bürger auch mitnehmen. Trotz der Veränderungen ist Japan jedenfalls derzeit die stabilste Industrienation der Welt. Die Gesellschaft beeindruckt mit einer Widerstandsfähigkeit, die vielen westlichen Ländern fehlt. Es gibt keine Gelbwesten auf den Strassen und keine Brandanschläge auf Ausländerwohnheime. Sicher fällt vielen Japanern der Abschied vom alten Inseldenken schwer, aber gemäss Umfragen erkennen sie die Notwendigkeit für den Wandel. Sie sehen keine Alternativen: Die tiefe Zerstrittenheit der USA schreckt ab, das Euroexperiment gilt als gescheitert und Europa als kranker Mann der Weltwirtschaft.

Keine zweitrangige Macht

Dass wenig Zukunftsoptimismus im Land zu spüren ist, liegt an den zwiespältigen Gefühlen zum Nachbarn China. Einerseits verschafft die geografische Nähe zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt japanischen Unternehmen einen Vorteil. China ist Japans grösster Handelspartner. Andererseits weckt der Aufstieg Chinas zur dominanten Macht in Asien berechtigte Ängste. In der Geschichte endeten die meisten Fälle einer aufsteigenden und einer niedergehenden Macht in einem kriegerischen Konflikt. Japan werde niemals eine zweitrangige Macht werden, hat Premier Abe versprochen. Das motiviert seine wirtschaftspolitischen Reformen.

In seiner letzten Rede vor der Abdankung äusserte Kaiser Akihito die Genugtuung, dass Japan während der drei Jahrzehnte seiner Ära keinen Krieg erlebt habe. Dies muss in den Amtsjahren seines Sohnes Naruhito nicht so bleiben. Aus japanischer Sicht bereitet sich die kommunistische Führung in Peking auf eine Auseinandersetzung vor, so rasant, wie ihre Streitkräfte aufrüsten.

Japan erwartet das Schlimmste und reagiert mit einer Abkehr vom Pazifismus, höheren Militärausgaben und einer engeren Anlehnung an die USA. Zugleich schüttelt man die Hand des Gegners. Premier Abe war im Herbst erstmals in Peking, Chinas Präsident Xi Jinping besucht dieses Jahr Japan. Doch das Misstrauen gegenüber seinen Absichten belastet die neue Epoche und dämpft die Hoffnung auf bessere Zeiten.

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