Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Coronavirus
Meinungen

Regieren heisst abwägen

Gutes Regieren heisst vorausschauendes Regieren, heisst Nutzen und Kosten von Massnahmen gegeneinander abwägen. Die Zeiten sind so, dass die Politik tragische Entscheide treffen muss. Ein Kommentar von Stefan Felder.

« Jetzt Kurs halten und nicht auf das anfängliche Regime zurückfallen.»

Kaum hatte der Bundesrat am 13. März per Not­verordnung Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus erlassen, erneuerte die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften ihre Richtlinien für die Aufnahme und den Verbleib von Patienten auf der Intensivstation. Wenn kein Intensivbett mehr frei ist, sind tragische Entscheidungen der Ärzte über Leben und Tod ihrer Patienten unausweichlich. Gemäss den Richtlinien der Akademie sollen die Entscheidungen gerecht sein und möglichst viele Menschenleben erhalten. Daher sei die kurzfristige Überlebensprognose für die Aufnahme auf die Intensivstation entscheidend. Diese Klarheit der Intensivmediziner bei den Regeln, wie mit den Zielkonflikten in der Coronakrise umzugehen ist, wünschte man sich auch vom Bundesrat und den ihn beratenden Epidemiologen.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga verteidigte das entschlossene Handeln der Regierung mit den erschreckenden Nachrichten aus Norditalien. «Es wäre verantwortungslos gewesen, wenn wir zuerst theoretische Überlegungen oder Berechnungen angestellt hätten. Es ging darum, Menschenleben zu retten.» (NZZ (NZZ 5050 -2.88%), 18. April) Tatsächlich, die Bilder aus der Intensivstation von Bergamo und die Lastwagenkolonne des Militärs mit den Särgen waren erschreckend und mögen das Einschreiten des Bundesrats zunächst gerechtfertigt haben.

Gutes Regieren aber heisst vorausschauendes Regieren. Anfang März fehlte dem Bundesrat eine feste Grundlage für seine Notverordnungen; selbst heute kann er immer noch nicht wissen, was er auf der Nutzenseite vor­­­zu­weisen hat. Auf der Kostenseite hingegen musste ihm von Beginn weg klar gewesen sein, welchen Schaden seine Massnahmen in der Wirtschaft anrichten und welche Kosten damit der Bevölkerung entstehen.

Lebensjahre retten

Wenn zu Beginn einer Epidemie eine Person drei weitere Personen ansteckt und diese drei Personen wieder je drei weitere mit dem Virus anstecken usw., kommt das Wachstum der Ausbreitung erst zum Erliegen, wenn zwei Drittel der Bevölkerung durchseucht sind. Epidemiologen nennen diesen stabilen Zustand das endemische Gleichgewicht. Die Tödlichkeit des Virus bestimmt dann unweigerlich die Zahl der Toten. Falls sie 0,37% ­beträgt, wie für den Kreis Heinsberg am deutschen Nie­derrhein errechnet wurde, ist für die Schweiz bis zum Erreichen des endemischen Gleichgewichts mit 21 000 ­Todesfällen zu rechnen (0,37% von 5,7 Mio. Infizierten).

Bei einer Tödlichkeit von 1% stiege der Todeszoll des ­Virus auf 57 000. Solang es keinen wirksamen Impfstoff oder ein wirksames Medikament gibt, kommt man an diesen Zahlen nicht vorbei. Wir kaufen mit den Massnahmen zur Eindämmung der Infektion lediglich Zeit, die sich allerdings als wertvoll erweisen kann, falls bald ein Impfstoff entwickelt wird. Ob und wann eines der zahlreichen Projekte, die sich damit beschäftigen, ­erfolgreich ist, wissen wir jedoch nicht.

Bisher sind in der Schweiz rund 30 000 bestätigte Covid-19 Fälle aufgetreten, davon im April rund 16 000 Fälle. Rechnen wir noch einmal so viele unerkannte Fälle pro Monat hinzu und nehmen wir an, dass ­dieses Niveau weiterhin gehalten wird, müssten somit fünfzehn Jahre vergehen, bis zwei Drittel der schweizerischen Bevölkerung ­infiziert sind. Bei einer Tödlichkeit von 0,37% träten dabei jährlich 1420 ­zusätzliche Todesfälle auf. Zum Vergleich: die aktuelle jährliche Todeszahl in der Schweiz beträgt 67 000.

Umgekehrt kann man über­schlagen, wie viele Neuinfektionen pro Monat die Intensivstationen der Schweizer Spitäler maximal ver­sorgen können. Nach eigener Schätzung auf der Grundlage chinesischer Daten und einer Intensivliegedauer von vierzehn Tagen (so die aktuellen Zahlen aus Deutschland) könnten mit den derzeit ­verfügbaren 1200 Intensivbetten, abgesehen vom ­Bedarf von ­Nicht-­Covid-19-Erkrankten, 60 000 Neuinfektionen pro Monat ­abgesichert werden. In diesem Fall bräuchte es acht Jahre bis zum Erreichen des endemischen ­Gleichgewichts, und die zusätzlichen jährlichen ­Todesfälle stiegen auf 2700.

Um einen hohen Immunitätsgrad der Bevölkerung in nützlicher Frist zu erreichen, müsste die Zahl der Neuinfektionen deutlich steigen. Damit in zwei Jahren zwei Drittel der Bevölkerung immun sind, bräuchten wir 240 000 Neuninfektionen pro Monat. Damit würde die bestehende Kapazität an Intensivbetten um den Faktor vier überschritten. Die jährliche Todeszahl nähme um mehr als 10 800 zu, weil es an Betten und Personal mangeln würde.

Dieses Szenario wäre kaum durchzuhalten. Die Grössenverhältnisse machen auch deutlich, dass mit gezielten Infektionen, wie sie die Kollegen Reiner Eichenberger und Thomas Straubhaar vorgeschlagen haben, das endemische Gleichgewicht nicht in zwei, drei Jahren zu haben ist. Es fehlen uns nicht nur die Intensivbetten, um ein solches Programm abzusichern, sondern auch das dafür notwendige ärztliche Personal.

Beim Fokus auf die Rettung von Menschenleben ­verdrängt die Politik, dass lebenserhaltende Massnahmen den Tod letztlich nicht verhindern, sondern nur ­aufschieben können. Staatliches Handeln im Sicherheits- und im Gesundheitsbereich zielt daher in der Regel nicht auf die Zahl der Leben, sondern auf die Lebensjahre, die gerettet werden können. Die bisher gemäss BAG rund 1400 mutmasslich an Covid-19 Verstorbenen, durchschnittliches Alter 81,3 Jahre (Männer) bzw. 84,7 Jahre (Frauen), haben statistisch betrachtet im Mittel 8,4 Lebensjahre verloren. 97% von ihnen hatten eine, die Hälfte gar zwei oder drei Vorerkrankungen, sodass mit einem früheren Tod zu rechnen war. Wir sind statistisch nicht in der Lage, anzugeben, wie viele Lebensjahre ­wegen Covid-19 tatsächlich verloren gegangen sind.

Das Parlament ist gefordert

Gutes Regieren besteht darin, Nutzen und Kosten von möglichen Massnahmen gegeneinander abzuwägen. Das tun wir zum Beispiel in der Notfallrettung, wo Zahl und Verteilung der Rettungsdienste endlich und nicht auf maximale Rettung ausgelegt sind. Der direkte Nutzen einer Covid-19-Massnahme bemisst sich in gewonnenen Lebensjahren und eingesparten Folgekosten von vermiedenen Erkankungen. Dagegen zu rechnen sind negative Gesundheitseffekte in Form zunehmender psychischer Erkrankungen, Verschleppung von Erkrankungen, weil aus Angst vor Ansteckung Arztbesuche unterbleiben oder nicht dringliche Operationen abgesagt werden. Aber auch der Einsatz von staatlichen Geldern und der Produktionsverlust in der Schweizer Wirtschaft je nach Art der Massnahme sind zu berücksichtigen. Niemand kennt die Parameter genau, aber es können Wahrscheinlichkeiten und Frankenbeträge angegeben werden, was welche Massnahme nützt und kostet.

Das Parlament wird nächste Woche über die Öffnung des Lockdowns beraten. Es sollte offen darüber diskutieren, wie weit diese gehen soll, wie viele Neuinfektionen tragbar sind, bevor wieder Massnahmen zur Eindämmung beschlossen werden. Die bereits eingeleiteten Lockerungen werden die Zahl der Neuinfektionen steigen lassen. Wichtig ist es dann, Kurs zu halten und nicht auf das anfängliche Regime zurückzufallen. Die Zeiten sind so, dass die Politik gehalten ist, tragische Entscheidungen zu treffen, nicht für Individuen, wie es Intensivmediziner tun müssen, sondern für die Bevölkerung insgesamt. Das Parlament muss Wohlstand und gesellschaftliches Leben gegenüber vorzeitigen Todesfällen abwägen, genauso wie es auch ausserhalb von Krisenzeiten implizit solche Entscheidungen trifft – ob es um Investitionen in die Verkehrssicherheit geht, Massnahmen zum Umweltschutz oder die Besteuerung von Tabakwaren.

 

Leser-Kommentare