Die Hansestadt Visby auf Gotland stand im 13. und 14. Jahrhundert in Hochblüte: Sie war der Umschlagplatz im Russlandhandel. Deutsche Kaufleute tauschten Güter mit Seefahrern aus Nowgorod. Die Russen löschten im Hafen von Visby vor allem Rohprodukte – Pelze, Wachs, Honig, Holz. Diese Waren aus Russlands Nordwesten gelangten dann auf dem Seeweg nach Lübeck, Hamburg, London, Brügge. Die Hanseaten wiederum segelten mit vielen Fertigwaren heran – Wein, Bier, Tuch, Waffen, Glas, ferner ebenso Fisch, Salz, Silber, Gewürzen, Früchten, Pferden. Visby galt als Regina Maris, die Königin der Meere, wenigstens des Binnenmeers Ostsee. Die über weite Strecken erhaltene Stadtmauer diente nicht etwa zum Schutz vor den Russen (das waren schliesslich Geschäftsfreunde), sondern der Händler vor den hiesigen Bauern. Gegenwärtig zieht die schwedische Armee ein Schutzdispositiv hoch, aus Angst vor einem Handstreich der russischen Kriegsflotte. Der Handel läuft zwar längst nicht mehr über Gotland, doch die Insel liegt nach wie vor strategisch ideal: Wer sie hält, kontrolliert den baltischen Raum, zu Wasser und zur Luft. Bleibt zu hoffen, dass sich schwedisch-russische Duelle weiterhin aufs Eishockey beschränken.