Märkte / Kunstmarkt

Rekordpreise für zeitgenössische Kunst – Phillips erholt sich

Von Christian von Faber-Castell

Nach den spektakulären New Yorker Moderne- und Impressionistenauktionen, in denen Sotheby’s nicht nur wegen des Picasso-Rekordpreises von 104,2 Mio.$ seinen Hauptkonkurrenten Christie’s weit hinter sich liess, hat sich das Blatt in den New Yorker Auktionen für Gegenwartskunst vom 11. bis zum 13. Mai gewendet. Mit einem Total von 102,1 Mio.$ für 60 verkaufte Bilder hat die Abendauktion von Christie’s am 11. Mai fast das Doppelte der eigenen Impressionisten- und Moderneversteigerungen erzielt, in denen für 32 Werke 56,6 Mio.$ eingenommen wurden. Kunstmulti Sotheby’s erreichte am nächsten Abend für 58 Werke zeitgenössischer Kunst dagegen 65,7 Mio.$.
Ein erfreuliches Bild bot auch die am 13. Mai folgende Contemporary-Art-Auktion von Phillips de Pury & Company, wie das ehemalige Auktionshaus Phillips, de Pury & Luxembourg nach dem Ausscheiden von Daniella Luxembourg fortan heisst. Mit einem Total von 17,8 Mio.$ für 59 verkaufte Bilder übertraf das Auktionshaus das obere Schätzpreistotal.

Entscheidend ist die Provenienz

Überdurchschnittlich waren in dieser Auktionswoche die losbezogenen Verkaufsquoten. Sotheby’s konnte 100% der Werke zuschlagen und übertraf damit die bereits hohen Werte von Christie’s mit 90% und Phillips mit 94%. Mehr noch als einzelne Spitzenpreise (siehe Tabelle) belegen diese Zahlen die Lebendigkeit des Markts für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.
Dabei gelten auch hier ausser der Qualität und der im Falle lebender Künstler naturgemäss schwer definierbaren Seltenheit eines Werkes dessen Provenienz oder Herkunft als wesentlich preisbildend. So erklärt sich beispielsweise der Künstlerrekordpreis von 11,7 Mio.$, den ein anonymer Käufer in der Christie’s-Auktion für Jackson Pollocks mittelformatige Farbkomposition «Number 12» (Öl auf Papier auf Leinwand, signiert und datiert, 78,8×57,1 cm) aus dem Jahre 1949 zahlte, zum Teil auch mit ihrer wertsteigernden Herkunft aus dem berühmten New Yorker Museum of Modern Art.
Erfahrungsgemäss lädt ein so lebendiger Markt zur Kapitalanlage und zu kurzfristigen Spekulationen ein. Hier zeigen sich allerdings deutlich und manchmal schmerzhaft die Grenzen der Gleichsetzung von Kunstmarkt und Börse. In der Kunst gibt es nämlich ein irrationales, an der nüchternen Wertpapierbörse unbekanntes Merkmal von grosser preisbildender Bedeutung. Gemeint ist die so genannte Marktfrische, mit der umschrieben wird, wie lange ein Werk nicht mehr in einer Auktion oder im Handel angeboten wurde.
Zwar scheinen Preissteigerungen im lebendigen Markt der jüngeren Kunst häufiger und schneller vonstatten zu gehen als in den konservativeren Märkten für ältere Kunst. Aber auch für die Klassiker der Gegenwartskunst gilt die Faustregel, dass ein Kunstwerk umso wertvoller wird, je länger es seit seinem letzten Marktauftritt nicht mehr gesehen wurde. Ein noch so interessantes Bild, das innert drei Jahren fünfmal auf dem Markt auftauchte, gilt dagegen als anrüchig und schwer verkäuflich.

Geduld bringt Rendite

Zwar zeigten diese New Yorker Versteigerungen für einzelne Arbeiten aktueller Künstler wie Maurizio Cattelan erstaunliche Preissteigerungen seit ihren letzten, kaum mehr als zwei bis drei Jahre zurückliegenden Verkäufen. Aber Gerhard Richters Monumentalbild «Wolken» (Öl auf Leinwand, signiert und datiert, 200×300,5 cm) aus dem Jahre 1970 liefert auch ein Beispiel für die marktwertmindernde Wirkung allzu hastiger Kunstmarktspekulationen. Es blieb in der Christie’s-Versteigerung mit 2 Mio.$ deutlich unter seinem Einkaufspreis von 2,35 Mio.$, zu dem es der Einlieferer im Februar 2003 in einer Londoner Sotheby’s-Auktion erworben hatte. Berücksichtigt man das Käuferaufgeld und eine geschätzte Einliefererkommission von 3% für ein Werk dieser Preisklasse, dann muss der jetzige Einlieferer sogar einen Verlust von rund 600000$ auf seinen damaligen Einsatz hinnehmen.
Ausgezahlt hat sich dagegen die Geduld des Sammlers, der am 8. November 1989 in der New Yorker Sotheby’s-Versteigerung der Sammlung Walter P. Chrysler ein Exemplar von Andy Warhols wiederholt gemaltem Grossformat «Large Flowers» (Kunstharz und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 208×411,5 cm) aus dem Jahre 1964 für rund 1,1 Mio.$ erwarb. Fünfzehn Jahre später zahlte ein amerikanischer Sammler in der Christie’s-Auktion für dieses Bild 6,73 Mio.$, was einer Wertsteigerung von fast 12% pro Jahr entspricht. Dieser Artikel ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital-Abonnements ab 28 Fr. / Monat Zu den Abonnements Bereits abonniert?