Im Jahr 2000 verriet der erfolgreiche Waadtländer Radrennfahrer Pascal Richard: «Das Velo macht schön!» Der attraktive Schweizer Meister sollte recht behalten, ahnte aber wohl nicht, dass er damit gleichzeitig ein Vorläufer und ein Vehikel der Erfolgsgeschichte der «kleinen Königin» war, wie das Velo auf Französisch gern genannt wird.

Am Anfang war es das beliebte Fortbewegungsmittel einerseits und andererseits der ebenso populäre wie auch harte Sport, der aus einigen berühmten Gestalten wahre Helden machte. Etwa den bescheidenen, aber grossen Fahrer Gino Bartali, der zum Dank für die von ihm im Zweiten Weltkrieg geretteten Juden posthum israelischer Staatsbürger wurde.

Oder Fausto Coppi mit seinen legendären Leistungen auf dem Rad und seinem nicht minder dramatischen Liebesleben. Bereits damals hielt die Eleganz Einzug in die Welt des Fahrrads. Heute sorgen in Beruf und Leben erfolg- und einflussreiche Frauen und Männer dafür, dass der als schwierig und anspruchsvoll geltende Sport das richtige Image erhält, um «en vogue» zu sein.

Immer mehr Höhenmeter

«Es ist das neue Golf», erklärt Victoria Alpen, interne Kommunikationsleiterin einer multinationalen Firma in Genf. Die jugendliche Vierzigerin aus Yorkshire ist vor sieben Jahren zum Bike-Fan geworden, weil sie unbedingt mit ihrem Partner auf den Strassen mithalten wollte und befürchtete, sonst zur «Fahrradwitwe» zu werden.

Seither sammelt Victoria Tausende Höhenmeter und entschuldigt sich fast, nicht mehr als 10’000 Kilometer pro Jahr zu fahren. Denn ihre Passion sind Bergrouten, auf denen man logischerweise weniger Kilometer abspult. Die Liste der Amateur-Radrennen, an denen sie und ihr Mann während dieser Saison in ganz Europa teilnehmen, ist lang.

2017 gewann Victoria das Maurienne-Radrennen in der Kategorie Frauen, ein schöner Erfolg bei so wenig Erfahrung. «Je stärker die Steigung, desto besser fühle ich mich», erzählt sie, während ihr Rennrad Cervélo R5, ein Geburtstagsgeschenk, an die Scheibe des Restaurants lehnt.

Als Kenner der Radsportbekleidung durchsucht ihr Mann regelmässig das Internet, um die Sonderangebote von Anbietern wie der ikonischen englischen Marke Rapha zu entdecken und Victoria diese Radsportler-Attribute «with a touch of class» zu schenken. An diesem Tag trägt sie eine Rennhose der renommierten Schweizer Marke Assos sowie ein schwarzes Trikot und ein rosafarbenes Windschutzgilet mit zwei reflektierenden Streifen von Rapha.

«Das Velo rettete mich vor dem Burnout»

Thierry Bagnoud, führender Kadermitarbeiter aus Genf, trainiert vor allem im Sommer hart, um zu radeln: «Das Velo rettete mich vor dem Burnout.» Der 51-Jährige hatte sich bis 2011 fast ausschliesslich seiner Arbeit gewidmet und kaufte dann sein erstes Scott-Bike, «um eine körperliche Betätigung zu haben». Dann ein Strassenfahrrad der Marke Pinarello, für das er 5000 Franken bezahlte, «das ist die Haute Couture der Fahrradszene!»

Seither wächst die Liste der Rennräder seiner Träume, die er sich offeriert, vom Bianchi Specialissima über mehrere Colnago und Pinarello bis zum Passoni aus Titan. «Mit dem Velo kann ich Sport treiben und gleichzeitig ein Opfer des Fashion-Kults sein», schmunzelt er. Er leistet sich denn auch jedes Jahr ein neues Gefährt oder zumindest einen neuen Rahmen.

In Sachen Radsport bleibt Thierry jedoch Amateur. Obwohl er in sieben Jahren mehr als 47’000 Kilometer fuhr und an sämtlichen Westschweizer Radrennen dieser Kategorie teilnahm. «Mein Leben ist rund ums Velo organisiert», sagt er. «Früher konnte ich Gemüse nicht ausstehen, heute esse ich es dreimal pro Tag!»

«Das Velo verbindet»

Zu seinem Glück – und zu jenem des Händlers! – lernte Thierry schon bald Sylvain Rochat kennen. Dessen Läden in Aubonne und an der Rue du Perron in Genf sind fürs Velo, was Prada und Ermenegildo Zegna für das Prêt-à-porter bedeuten: der letzte Schrei. Der Waadtländer feiert diesen Monat das 20-jährige Jubiläum seiner Aktivität und seines einzigartigen Gespürs.

Seit 1998 zieht er es vor, im Schaufenster ein Colnago zu 5000 Franken auszustellen, statt drei Fahrräder zu 700 – und seine Intuition gibt ihm recht. Rochat ist zwar persönlich kein grosser Fan von Velorennen, aber fasziniert von der Technik und der guten Ausstattung dieser Räder.

Nach seiner Erfahrung gibt es immer mehr «normale» Menschen, die vom Virus der Technik befallen werden und sich in Form halten wollen: «Man kann auch bequemer Rad fahren. Nach einem schönen Veloausflug fühlt man sich gut und hat dennoch nicht das Gefühl, kaputt zu sein.»

Dazu passt, was ihm der Radrennprofi und Schweizer Meister Martin Elmiger einmal gestand: «Was mir von meinen Jahren als Rennfahrer schliesslich bleibt? Die schönen Landschaften, die ich beim Training durchquert habe.» Darin liegt zweifellos für alle der Zauber des Rennvelos: die Wunder der Natur ohne Lärm zu geniessen… oder höchstens mit dem leisen Pfeifen der Reifen.

Und wie Sylvain Rochat feststellt: «Das Velo verbindet. Im Klub ist es ein geteiltes Vergnügen und die Gelegenheit, sich zu messen. Allein bietet es die grossartige Chance, inmitten der Natur seinen Gedanken nachzuhängen. Und dies auf einem Juwel der Technik und des Designs.»

The Kit

Das Fahrrad ist eine Geschichte von Mechanik und Materialien, von Anstrengungen und Stil. Die technische Evolution macht‘s möglich, auf aussergewöhnliche Velos zu steigen, bei denen jedes Element mit Sorgfalt ausgewählt wurde, bis hin zum Leder und den Lochungen der Lenkerbänder. Solche Räder können gut und gerne 20 000 Franken kosten.

In Sylvain Rochats Geschäft ist der Passoni aus Karbon ein Blickfang. Alle Anschlüsse bestehen aus sandgestrahltem, grauem Titan, das unverwüstlich und dennoch biegsam und extrem leicht ist. Die Karbonrohre sind unbehandelt, damit man die Kohlenstofffasern sieht.

Über dem Verkaufstresen hängt der Bianchi-Fahrradrahmen in seinem emblematischen Hellblau des Modells Specialissima, das Marco Pantani bevorzugte. Der Rahmen mit der Gabel ist allein mehr als 5000 Franken wert.

Rechnet man die elektronische Schaltgruppe Campagnolo Record EPS und die beiden Lightweight-Räder mit den gegenwärtig wohl schönsten Karbonfelgen hinzu, kostet das komplett ausgerüstete Fahrrad mehr als 15’000 Franken. Voll im neusten Trend liegt das Modell Pinarello Dogma F8, das Velo des britischen Rennfahrerteams.

Die Ende der 1940er Jahre im Veneto gegründete italienische Marke Pinarello wurde 2016 von der LVMH-Gruppe übernommen. Diese Akquisition durch den grössten Luxuskonzern der Welt beweist, dass das oberste Fahrradsegment ein sicherer Wert ist.

Keinesfalls vergessen darf man die Fahrräder von Wilier Triestina, einem schon 1906 ebenfalls in Venetien gegründeten Hersteller. Deren Rahmen zeichnen sich durch eine vor allem in aerodynamischer Hinsicht innovativen Architektur, durch die extrem sorgfältige Endbearbeitung und das für dieses hochwertige Produkt interessante Qualität-Preis-Verhältnis aus.

Die Outfits der Radfahrer wurden ab 2004 von der bereits erwähnten Marke Rapha revolutioniert, einem Londoner Unternehmen, das heute nur noch im Internet präsent ist und dessen Produkte sonst lediglich in einigen Klubhäusern angeboten werden. Die Rennhosen wiederum müssen bei Assos gekauft werden, einer Schweizer Firma mit Sitz im Tessin, die mit einem millimetergenau angepassten Schnitt innoviert, dank dem man stundenlang schmerzfrei fahren kann.

Ihr Geheimnis: eine absorbierende Einlage, die nicht an den Seiten vernäht ist, sondern vorne und hinten, wodurch die Nähte die Haut im Schritt nicht reizen.


Die Hochburgen des Radsports mit Stil entdecken

Ein anderer Sektor in vollem Aufschwung sind Veloreisen, wo sich Hunderte gefahrener Kilometer mit mehreren tausend Metern Aufstieg und mit der Erholung in feinen Hotels mit entsprechender Küche verbinden. Die Marke Rapha spielt hier erneut den Vorreiter.

Vier Tage im August in Aspen (Colorado), fünf Tage im spanischen Baskenland oder eine siebentägige Tour durch die Toskana, Genuss der lokalen Spezialitäten inbegriffen – alles ist möglich.

Für organisierte Veloreisen mit allem Komfort wirbt Schweiz Tourismus in der diesjährigen Sommerkampagne mit einer speziellen Website. In Champéry im Wallis bietet eine kleine Firma Ride Switzerland an, ein langes Weekend am 8. und 9. September 2018.

Auf dem Programm: Velofahrt ab Münster über den Nufenenpass nach Airolo, dann über die alte, kopfsteingepflasterte Tremola-Strasse über den Gotthard und schliesslich am nächsten Tag die Route Hospental–Brienz via Furka, Grimsel und einem Abstecher auf den Brünig; das ergibt ab Startort Aigle 4300 m Höhenunterschied.

Das Team von Ride Switzerland der Brüder Thierry und Lionel Favre wird vom Schweizer Champion Danilo Wyss begleitet. Der Radfahrer kann sein Velo satteln und sich dorthin begeben, wo er seine Reise beginnen möchte. Alles Übrige wird organisiert.