Märkte / Makro

Ökonom mit Sinn für menschliche Schwächen

Der US-Verhaltensökonom Richard Thaler erforscht Entscheidungsprozesse jedes Einzelnen und bekommt dafür den 49. Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Mit dem 72-jährigen Richard H. Thaler ehrt die Schwedische Akademie der Wissenschaften dieses Jahr einen Forscher, der die fliessenden Grenzen zwischen wirtschaftlichem Handeln und psychologischen Entscheidungsimpulsen auslotet. «Die meisten Ökonomen betrachten den Menschen als Homo oeconomicus», schreibt er 2016 in einem Essay, «meine Kollegen und ich gehen dagegen von einem Homo sapiens aus.» Thalers Forschungsgebiet sind die Behavorial Economics oder die Verhaltensökonomie.

Wirtschaftliches Handeln lässt sich nicht exakt erklären, solange die Akteure als rein rational Wesen verstanden werden und in einem Umfeld agieren, das stets zum Gleichgewicht tendiert. Thaler sucht nach dem systematischen «Fehlverhalten» jedes Einzelnen und versucht es wissenschaftlich zu modellieren.

Wie kommt es zum Beispiel, dass das negative Gefühl, das durch einen Verlust ausgelöst wird, stärker ist als das positive Gefühl im Falle eines Gewinns? Thaler weist diese asymmetrische Reaktion in zahlreichen Lebenssituationen nach und kommt zu dem Ergebnis, dass hier ein Besitztumseffekt (Endowment Effect) das menschliche Verhalten prägt.

Der Verlust oder der Gewinn hängt in unserer Wahrnehmung allerdings immer von einem Referenzpunkt ab. Er macht ihn erst zu einem positiven oder negativen Erlebnis. Das kann der Aktionspreis im Supermarkt sein, der dazu führt, dass der Konsument den Referenzpreis höher setzt, als er andernfalls täte. Auch beim Anlegen ist der Referenzpunkt entscheidend: Erst wenn Anleger eine Aktie verkaufen, realisieren sie das Geschäft als Verlust oder als Gewinn. Folglich neigt man dazu, verlustreiche Titel nicht abzustossen, in der Hoffnung, es wende sich noch zum Besseren.

Thalers Theorie der mentalen Buchführung beschreibt, wie wir komplexe Entscheidungen vereinfachen, indem wir sie gedanklich voneinander trennen. Wir denken in einzelnen Konten und entscheiden in Bezug auf die Folgen für jedes separate Konto. Der Blick auf das Ganze kommt dabei zu kurz.

Ein weiteres Dilemma: Erfahrungen, die zeitlich näher liegen, nehmen wir intensiver wahr als weiter entfernte. Im Entscheidungsprozess entsteht so ein Dilemma zwischen der Person, die handeln muss, und der, die plant. Thaler folgert daraus, dass Planung häufig etwas Unterstützung benötigt, um den unmittelbaren Versuchungen zu widerstehen.

In diesem Sinne berät er die Politik. Zusammen mit Cass Sunstein empfiehlt er, dass öffentliche Institutionen aktiv versuchen, die Entscheidungen von Einzelpersonen in die richtige Richtung zu stimulieren. In den USA, Grossbritannien und Deutschland schufen die Regierungen eigene Büros, sogenannte Nudge Units, die versuchen, die Erkenntnisse im politischen Alltag umzusetzen. Kritiker befürchten, dass so der Bürger gegängelt und durch versteckte Anreize zu regierungskonformem Handeln gesteuert wird. Thaler entgegnet, die Entscheidungsfreiheit müsse in jedem Fall gewahrt bleiben. «Ich bin Ökonom. Der Markt steht im Zentrum.»

Mit Richard Thaler ehrt das Nobelpreiskomitee ein weiteres Mal einen Exponenten der Verhaltensökonomie. Vor fünfzehn Jahren war die Reihe bereits an Daniel Kahneman gewesen, den Thaler als seinen Mentor bezeichnet. Beide haben über weite Strecken gemeinsam geforscht und zahlreiche wissenschaftliche Artikel zusammen veröffentlicht. Zusammen mit Robert Shiller, dem Nobelpreisträger von 2013, entwickelte Thaler die Behavorial Finance – den Bereich der Verhaltensökonomie, der speziell auf Anlagefragen zugeschnitten ist.

Thaler lehrt seit zwölf Jahren an der Booth School of Business der Universität von Chicago. Er wurde 1946 in New Jersey geboren und promovierte an der Rochester Universität. Sunstein bezeichnet ihn als den Charles Dickens unter den Ökonomen. Ohne sein ehrliches Interesse an den Menschen, deren Schwächen und Eigenheiten, hätte er die Verhaltensökonomie nicht zu der Bedeutung verholfen, die sie heute in den Wirtschaftswissenschaften geniesst.

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