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BlackRock: «Die politische Risikoprämie ist zu gross»

Richard Turnill, Chefinvestmentstratege von BlackRock, sieht keine Anzeichen für ein baldiges Ende des Bullenmarkts und Chancen in europäischen Aktien.

Gabriella Hunter und Clifford Padevit

Der Bullenmarkt zeigt keine Schwäche. Seit acht Jahren steigen die Aktienkurse vor allem in den USA. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten hat den Börsen noch zusätzlichen Schwung verliehen. Der ungewöhnlich lange Konjunkturzyklus ist aber noch kein Grund zur Sorge, glaubt Richard Turnill, Chief Investment Strategist der US-Fondsgesellschaft BlackRock (BLK 463.01 -2.69%). Die Weltwirtschaft erhole sich und die Deflationsgefahr sei überwunden. Anleger sollten in diesem Umfeld auf Aktien setzen. Insbesondere der europäische Markt sei derzeit noch attraktiv, denn das politische Risiko werde überschätzt.

Herr Turnill, die Rally an den Börsen ist ungebrochen, insbesondere in den USA. Sind die Kursanstiege übertrieben?
Nein. Das Umfeld für Aktien ist immer noch sehr vorteilhaft.

Worauf basiert Ihr Optimismus?
Erstens sehen wir zum ersten Mal seit langem eine anhaltende Erholung beim Weltwirtschaftswachstum. Sie hat in den USA angefangen und breitet sich nun im Rest der Welt aus. Zweitens sind die Inflationserwartungen vor allem in Europa gestiegen, damit scheint das Risiko einer Deflation überwunden. Drittens wurde die stärkere Betonung der Fiskalpolitik eingepreist. Der Fokus der Marktteilnehmer lag zwar auf Donald Trump, aber die Aktienrally startete schon vorher.

Ist nun schon alles in den Preisen drin?
Im US-Aktienmarkt ist am meisten drin. Die Bewertungen sind sehr hoch wegen dem erwarteten grosszügigen Ausbau der Fiskalpolitik. In den anderen Märkten, also vor allem in Europa und in Asien sind die höheren Gewinnzahlen und die besseren Konjunkturdaten dagegen noch zu wenig in den Kursen enthalten.

Spielen politische Risiken keine Rolle mehr?
Die Wirtschaft wird die Politik dominieren – zumindest bis die geld- und fiskalpolitischen Massnahmen die Wirtschaft beeinflussen. Die Unsicherheit in Europa bleibt sehr hoch, genau wie im Rest der Welt. Trotzdem steigen die Aktienkurse und die Preisschwankungen sind gering. Es zeigt sich also, dass derzeit Wirtschafts- und Fundamentaldaten viel wichtiger sind als die Politik.

Wie erklären Sie sich die tiefe Volatilität?
Die Investoren sind auch im achten Jahr des Bullenmarkts höchst zurückhaltend. Normalerweise wird ein Bullenmarkt von einer Euphorie getragen, gepaart mit grossen Flüssen in riskantere Anlagen. Das ist derzeit nicht der Fall. Viele Investoren erinnern sich noch sehr gut an die globale Finanzkrise. Darum blieben sie relativ zurückhaltend positioniert. Dieser Puffer aus Cash und sicheren Anlagen führt dazu, dass die Volatilität tief bleibt.

Aber die Rotation in zyklische Aktien zeigt doch, dass Anleger mutiger werden.
Angesichts der zurückhaltenden Positionierung der Anleger braucht es nur wenig Geld, das in riskantere Anlagen fliesst, damit deren Kurse steigen.

Lohnt es sich denn, in riskantere Anlagen wie Aktien zu investieren?
Ja. Manche verwechseln ein Umfeld mit tiefem Ertrag, in dem wir uns heute befinden, mit einem Umfeld, in dem Risiken nicht vergütet werden. Selektive Risiken werden aber honoriert, nur ist der Ertrag bei allen Anlageklassen tiefer. Also konkret lohnt es sich, Aktien- und Kreditrisiken einzugehen, weil das zusätzliche Risiko mit genügend zusätzlichem Gewinn abgegolten wird.

Sie sind sehr optimistisch für europäische Aktien. Weshalb?
In der Vergangenheit haben europäische Unternehmen jeweils stärker vom anziehenden globalen Wachstum profitiert als die in anderen Regionen. Die Unternehmensgewinne stammen vorab aus zyklischen Bereichen. Und unterstützt wird das Ganze durch den schwächeren Euro.

Aber die Wirtschaft wächst nur langsam.
Das Wachstum ist nicht stark, aber der Markt wird von Abweichungen getrieben. Die Erwartungen waren sehr lange sehr tief, die Wirtschaft hat über viele Jahre enttäuscht, genau wie der Aktienmarkt. Internationale Investoren hüten sich deshalb vor Europa. Auf dieser Grundlage braucht es nur wenige positive Überraschungen. Derzeit verzeichnen europäische Unternehmen zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren Gewinnwachstum, das wird den Markt antreiben.

Also sagen Sie, auch in Europa werden die Fundamentaldaten die politischen Risiken letztlich übertrumpfen?
Wir sollten die Risiken nicht ignorieren. Aber ich glaube, sie sind bereits eingepreist. Man sieht das, wenn man die Bewertungen in Europa und den USA vergleicht. Es zeigt sich auch am grossen Renditeaufschlag zwischen italienischen und französischen Staatsanleihen einerseits und deutschen Bunds andererseits. Die politische Risikoprämie ist aber zu gross.

Welche Faktoren könnten den Ausblick für Europa eintrüben?
Die französischen Wahlen könnten ein Risiko darstellen. Doch selbst wenn Marine Le Pen gewählt würde, hätte sie wahrscheinlich Schwierigkeiten, eine Parlamentsmehrheit zu sichern und Teile ihres radikalen Programms zu implementieren. Die politische Unsicherheit dürfte aber auch dann bestehen bleiben, wenn sie nicht gewählt wird. Denn alle Stimmen für sie sind explizite Stimmen gegen die Eurozone. Zudem werden strukturelle Probleme wie die schlechte Wettbewerbsfähigkeit, die Ungleichheit und die Immigration kaum verschwinden.

Und wie reagiert die Europäische Zentralbank auf die anziehende Wirtschaft?
Ich glaube, die EZB wird wie alle Zentralbanken die steigende Inflation länger tolerieren und sicher bis Ende Jahr an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten.

Damit wird die Geldpolitik in Europa und den USA weiter auseinanderdriften? Oder erwarten Sie, dass auch das Federal Reserve zögern wird?
Das Fed dürfte die Zinsen dieses Jahr dreimal erhöhen. Wahrscheinlich bereits an der Sitzung kommende Woche. Kurzfristig wird die Geldpolitik also weiter auseinandergehen. Das ist hilfreich für Europa, denn damit bleibt der Euro unter Druck, was die europäischen Unternehmensgewinne antreibt.

Wie wird denn die Geldpolitik in den USA durch neue Personen im Zentralbankausschuss beeinflusst?
Das Fed könnte mit neuen Mitglieder eher Zinserhöhungen befürworten. 2018 steigt damit das Risiko einer schnelleren Leitzinserhöhung. Aber die Sichtweise, dass Donald Trump bewusst Hawks ernennt, die die Zinsen schneller anheben, ist umstritten. Denn dann müsste er auch höhere Zinszahlungen auf die Staatsschulden in Kauf nehmen.

Wird sich der Dollar weiter aufwerten?
Der Dollar wird nur graduell stärker. Das meiste ist bereits eingepreist. Ein starker Dollar ist derzeit einer der grössten Konsenserwartungen am Markt. Diese positive Sicht auf die US-Währung limitiert die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen.

BlackRocks einziges Untergewicht sind US-Treasuries. Wieso nicht auch europäische Staatsanleihen?
Kurzfristig betrachtet ist die Antwort sehr einfach: Wir haben einen grossen Käufer von europäischen Anleihen. Das ist die EZB, die dafür sorgen wird, dass die Renditen in Europa für einige Zeit tief bleiben.

Und längerfristig?
Aus strategischer Sicht haben viele Investoren zu viele vermeintlich sichere Anlagen. Sie sollten sich Gedanken machen, wie sie ihren Zinspapieranteil im Portfolio ausrichten. Eine Verlagerung von traditionellen Anleihen hin zu mehr Kreditrisiken oder inflationsgeschützte Anleihen ist sinnvoll.

Die Anleger sollten also kreativer werden, was ihre festverzinslichen Positionen im Portfolio betrifft?
Ja, sowohl aus taktischer als auch strategischer Sicht sollten die Investoren mehr auf Kreditrisiken setzen. Bei der Portfoliodiversifikation spielen Bonds eine wichtige Rolle, insbesondere bei negativen Schocks. Doch Bonds sind teuer, und Risiken zu nehmen – zum Beispiel in alternativen Anlagen –, kann das ausgleichen.

Der jetzige Konjunkturzyklus ist bereits einer der längsten der Geschichte. Macht Ihnen das nicht Sorgen?
Es ist immer sehr schwierig, Rezessionen vorauszusagen. Der Bullenmarkt ist bereits mehr als sieben Jahre alt, und sieben Jahre ist die durchschnittliche Länge eines Zyklus. Die Erholung fiel bisher sehr schwach aus. Das ist typisch nach Finanzkrisen. Zudem bewegten sich die Volkswirtschaften nie synchron. Wenn es der US-Wirtschaft gut ging, schwächelte Europa oder Asien – und umgekehrt. Eine synchrone Bewegung könnte ein Inflationsrisiko darstellen, wir müssen also wachsam sein. Aber derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass dieser Zyklus bald zu Ende ist. Es könnte einer der längsten in der Geschichte werden.