Meinungen

Riskante Stromimportstrategie

Die Schweiz braucht mehr inländische Produktionskapazitäten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Mittelfristig ist die Versorgung ohne Gaskraftwerke nicht zu garantieren.»

Begleitet von einem «grossen Bahnhof» mit geladenen Gästen wurde am 20. Dezember das Kernkraftwerk Mühleberg für immer vom Netz genommen – was sollte eigentlich gefeiert werden? In Deutschland geht das wesentlich nüchterner vor sich: Am 31. Dezember nämlich wurde das Kernkraftwerk Philippsburg 2 abgeschaltet. Das Ereignis war einige Zeitungsartikel wert – in der Schweiz wurde es kaum zu Kenntnis genommen.

Zu Unrecht: Zunächst brachte Philippsburg die vierfache Leistung von Mühleberg und lieferte rund 15% des Stroms im Bundesland Baden-Württemberg, einem direkten Nachbarn der Schweiz. Die Abschaltung der zwei zuverlässigen Kernkraftwerke – warum weist niemand darauf hin, dass die Ausserbetriebnahme von intakten Infrastrukturen einer Verschleuderung von Ressourcen gleichkommt? – wirft auch ein Schlaglicht auf die Importsituation.

Die Schweiz ist im Winterhalbjahr traditionell auf Stromimporte in grossem Umfang angewiesen. Lieferländer sind im Wesentlichen Frankreich (Atomstrom) und Deutschland (Kohlestrom). Normalerweise werden diese im Sommerhalbjahr kompensiert, sodass die Schweiz über das ganze Jahr einen Exportüberschuss ausweist. Das war in den Jahren 2016/17 wegen des Stillstands im Kernkraftwerk Beznau allerdings nicht der Fall. Die Schweiz war in diesen Jahren netto ein Stromimporteur. Die Importe erreichten, gemessen an der Nettoerzeugung, 6,7 bzw. 9,7%. Im vergangenen Jahr resultierte wieder ein Exportüberschuss, allerdings nur von 2,5% der Nettoerzeugung.

Das Kernkraftwerk Mühleberg trug 5% zur Schweizer Stromerzeugung bei. Die Eigentümerin BKW (BKW 90.2 -0.77%) muss den wegfallenden Strom nun im Wesentlichen über Importe zur Verfügung stellen. Da die Kapazitäten der erneuerbaren Energieträger Sonne und Wind trotz millionenschwerer Subventionen marginal sind und der Ausbau stockt, ist 2020 per Saldo wieder mit einem Importüberschuss zu rechnen. Daran dürfte sich in den kommenden Jahren kaum mehr etwas ändern.

Die Situation von Deutschland als Lieferland wird heikel: Bis Ende 2022 werden die restlichen sechs Kernkraftwerke alle vom Netz gehen und auch die Kohleverstromung wird zurückgefahren. Studien warnen, dass Deutschland schon sehr bald auf Importe aus Frankreich und Polen angewiesen sein wird. Sollte Frankreich zudem die Absicht wahr machen und das in der Nähe von Basel gelegene Kernkraftwerk Fessenheim 2020 vom Netz nehmen, könnte die Schweiz rasch in Versorgungsengpässe geraten.

Der langjährige ehemalige Präsident der Elektrizitätskommission (ElCom), Carlo Schmid-Sutter, weist seit einiger Zeit darauf hin, dass eine Importstrategie ein riskantes Unterfangen ist. Die Politik hat dies offenbar noch immer nicht zur Kenntnis genommen. Die Bereitstellung zusätzlicher inländischer Kapazitäten zur Erzeugung von Bandenergie ist nach wie vor kein Thema. Die Prognose sei gewagt: Mittelfristig ist die Versorgung ohne Gaskraftwerke nicht zu garantieren.

Leser-Kommentare