Meinungen

Riskantes Spiel

Premierminister Johnson macht in der Pandemiebekämpfung keinen guten Job. Das ist alles andere als ein Zufall. Ein Kommentar von Grossbritannien-Korrespondent Pascal Meisser.

«Boris Johnsons Spiel zur Selbstprofilierung ist äusserst riskant – und der Preis dafür sehr hoch.»

Deal oder No Deal. Die Entscheidung naht, wie das Vereinigte Königreich seine Zukunft ausserhalb der Europäischen Union gestaltet – oder auch nicht. So genau weiss das niemand, der nicht im engsten Kreis von Premierminister Boris Johnson verkehrt. Bald läuft das Ultimatum ab, das Johnson der europäischen Gegenseite auferlegt hat. Bis 15. Oktober soll das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union unter Dach und Fach sein. Wenn nicht, so droht Johnson, verabschiedeten sich die Briten vom Verhandlungstisch.

Bislang galten solche Drohungen der Briten als Verhandlungstaktik. Denn wer als Erster bei seinen Positionen nachgibt, erhält nicht die beste Lösung und geht als Verlierer vom Tisch. Die vergangenen Wochen haben Befürchtungen geweckt, dass die Drohungen womöglich gar kein Bluff sind. Was, wenn Johnson den Brexit nur zur eigenen Profilierung nützen will? Als Premierminister, der das Land aus den Fesseln der EU befreit, würde er unweigerlich in die Geschichte eingehen, unabhängig davon, wie gut er sein Amt ausübt.

Seit Ausbruch der Coronakrise wird immer offensichtlicher, dass ihn die politischen Aufgaben abseits von Brexit entweder nicht interessieren oder überfordern. Noch immer ist es in Grossbritannien ein schwieriges Unterfangen, sich bei Coronasymptomen testen zu lassen, weil die Kapazitäten fehlen. Jüngst wusste er bei einer Rede die von ihm selbst aufgestellten Coronaverhaltensregeln nicht mehr und musste sich später auf Twitter (TWTR 51.63 6.39%) entschuldigen.

Johnsons Spiel zur Selbstprofilierung ist äusserst riskant – und der Preis dafür sehr hoch.