Meinungen

Rosa Prognose

Die Vorhersagen für Wirtschaftswachstum und Teuerung in der Schweiz sind auch im Negativszenario noch immer erstaunlich robust. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Die Schweiz ist keine Insel und wird sich dem Umfeld nicht entziehen können.»

Überall lesen wir von rasant steigender Teuerung und schwächerem Wachstum. Überall? Nicht ganz. In der Schweiz scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Das zumindest suggeriert die jüngste Prognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Zwar revidiert auch die Expertengruppe ihre Werte leicht. Doch ein Wirtschaftswachstum von 2,8% für das laufende Jahr und eine Inflationsrate von 1,9% lassen uns gut schlafen.

Das Negativszenario

Kann das denn wirklich sein? Energie- und Nahrungsmittelpreise steigen. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Ja, wenn die Energie- und die Rohstofflieferungen aus Russland noch weiter zurückgehen, dürften die Preise gar nochmals deutlich anziehen. Der Euroraum könnte in der Folge in eine Rezession abgleiten. Die Konsequenzen wären also beträchtlich. Und wir in der Schweiz würden das kaum spüren?

Das Seco hat sich in der Tat auch genau über diese Entwicklung Gedanken gemacht und ein sogenanntes Negativszenario erarbeitet. Das sind die Folgen: Die Wirtschaft in der Schweiz würde dieses Jahr nur 1,1% wachsen, die Teuerung 2,5% betragen. Und danach? Schon 2023 soll die Schweizer Wirtschaft dann wieder 2,3% wachsen und die Teuerung sich auf bloss 0,3% belaufen.

Schweiz ist keine Insel

Das ist zwar durchaus beruhigend. Das Seco stellt solche Prognosen sicher nicht leichtfertig an. Doch etwas gar rosarot scheint mir die Sichtweise dennoch zu sein, trotz der geringeren Rolle von Energiepreisen in der Schweizer Teuerung im Vergleich zu internationalen Statistiken. Die Schweiz ist keine Insel und wird sich dem Umfeld nicht entziehen können. Wenn sich der Krieg in der Ukraine und damit der Wirtschaftskonflikt mit Russland in die Länge ziehen, wäre ich nicht überrascht, wenn das Seco bald ein neues Negativszenario vorstellt.