Entflattert die Friedenstaube tatsächlich einem Eierbecher? Der uns unbekannte Künstler war wohl von René Magrittes Surrealismus inspiriert. Diese Trompe-l’oeil-Fassadenmalerei findet sich in Schiras, im Süden Irans, unweit des Grabmals des grossen persischen Dichters Saadi (etwa 1210 bis 1292). Seine Hauptwerke heissen «Bustan» (Duftgarten) und «Golestan» (Rosengarten); sie wurden ab dem 17. Jahrhundert breit übersetzt – Goethe, Voltaire, Emerson und andere abendländische Geistesgrössen bewunderten Saadi. Mit Grund; er war ein früher Humanist. Verse aus dem «Golestan» zieren die Eingangshalle des Uno-Sitzes in New York: «Die Menschenkinder sind ja alle Brüder, aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder. Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst, so bleibt anderen weder Ruh’ und Rast. Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt, verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.» Durch den Schleier des streng religiösen Regimes blinkt es also freundlich hervor; Saadi und der ebenfalls in Schiras ruhende andere grosse persische Poet, Hafis, werden im Iran hoch verehrt. Auf dieser Weisheit Saadis liesse es sich aufbauen: «Ein Feind, dem du Freundlichkeit zeigst, wird dein Freund.»(Bild: Dietmar Dengler)